Podiumsdiskussion

Wie Chemie und Gesellschaft zusammen kommen - Eine Podiumsdiskussion über Ziele und Zielgruppen der Wissenschaftskommunikation

Abb. 1: Das Podium
Abb. 2: Markus Antonietti
Abb. 3: Thomas Geelhaar
Abb. 4: Jürgen Hampel
Abb. 5: Beatrice Lugger
Abb. 6: Fragen aus dem Publikum


Die GDCh-Arbeitsgemeinschaft Chemie und Gesellschaft hatte am 2. September anlässlich des Wissenschaftsforums Chemie in Dresden die Tagungsteilnehmer zu einer besonderen Podiumsdiskussion geladen, in der es nicht nur um Chemie ging. Vielmehr wurde gefragt, wie Wissenschaftskommunikation speziell in der Chemie funktioniert und wie sie entwickelt werden kann, um Sichtbarkeit und Wahrnehmung der Chemie in der Gesellschaft zu verbessern.

Eine bessere Kommunikation der Chemie mit der Öffentlichkeit ist ein zentrales Anliegen der AG Chemie und Gesellschaft, die vom GDCh-Präsidenten Dr. Thomas Geelhaar im Jahr 2014 initiiert wurde. So richtete sich der Moderator der Podiumsdiskussion, Dr. Marc-Denis Weitze von der acatech-Geschäftsstelle, zuerst an ihn. Geelhaar hält es für unabdingbar, dass die Chemie zukünftig anders kommuniziert. Man dürfe nicht nur unstrittige Themen und Chancen der Chemie, sondern müsse auch ihre Risiken kommunizieren. Dabei solle sich der Dialog mit der Gesellschaft auf das Wesentliche, auf Gesamtkonzepte konzentrieren und sich nicht im wissenschaftlichen Detail verlieren. Im Gegensatz beispielsweise zur Physik sei ihm kein Chemiker präsent, der einen hohen Bekanntheitsgrad in der Bevölkerung besitze und es schaffe, in einer einfachen und verständlichen Sprache die Chemie zu erklären. Die Entwicklung einer Dialogkultur sein nötig. Und Dialog müsse auch zwischen wissenschaftlichen Disziplinen verstärkt werden und in der Chemie auch zwischen Wissenschaft und Industrie, um den Wissenstransfer zu verbessern. Schließlich sei es wichtig, dass auch die Industrie offen die Folgen ihres Tuns darstelle und dabei verstärkt auf den Dialog mit der Zivilgesellschaft statt auf Marketing setze. Geelhaar sieht den offenen Dialog als wichtigen Mittler zwischen Chemie und der Bevölkerung.

Professor Dr. Markus Antonietti, Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung, machte die zirka 80 Zuhörer auf das Interview aufmerksam, das der ChemManager in  Ausgabe 15/2015 mit Herrn Geelhaar geführt hat. Es sei äußerst lesenswert, gebe Antworten auch auf die in der Podiumsdiskussion zur Sprache kommenden Fragen und überlegenswerte Anregungen. Man müsse der Bevölkerung verdeutlichen, dass Chemiker in der Lage seien, etwas Neues zu kreieren. Versuchten dies Lobbyisten zu vermitteln – und dazu zähle beispielweise nicht nur der VCI, sondern auch die GDCh – sei das nicht (mehr) glaubhaft. „Wir, die Wissenschaftler, müssen reden. Glaubwürdig ist nur der Mensch.“

Der an der Universität Stuttgart tätige Technik- und Umweltsoziologe Dr. Jürgen Hampel machte allerdings darauf aufmerksam, dass die Chemie keineswegs zu den kontrovers diskutierten Wissenschaften zähle. Die Situation werde von außen weniger negativ wahrgenommen als von innen. Seiner Meinung nach sei das Bild der Chemie allenfalls mit Blick auf Lebensmittel oder Landwirtschaft eingetrübt, generell habe die Chemie aber keine Akzeptanzprobleme – im Gegensatz zur Gentechnik, die außer im medizinischen Bereich sehr kontrovers diskutiert werde.

Im Gegensatz zu Geelhaar glaubt Hampel, dass „Hochglanzbroschüren“ gelegentlich durchaus ihren Nutzen hätten, wenn man es richtig mache. Dabei sei vor allem die Kontextualisierung zu beachten. Aber es sei klar, dass Vertrauen nicht durch Erfolgskommunikation erzielt werden könne. Er stelle bei Wissenschaftlern immer wieder große Unsicherheiten fest, wenn es gelte zu kommunizieren. Schwer falle Wissenschaftlern häufig schon die Kommunikation auf Augenhöhe. Ihre Argumente würden häufig rein rational und ohne emotionale Komponente vorgebracht, wobei die sehr rationalisierte Kommunikation allerdings nur „Rauschen“ produzieren und kein wirkliches Gehör finden würde.

Beatrice Lugger, die als Chemikerin in den Wissenschaftsjournalismus gegangen und nun Wissenschaftliche Direktorin des Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation (NaWik) ist, sagte, heutzutage seien die Bedarfe in der Wissenschaftskommunikation erkannt und es gäbe mittlerweile unterschiedliche Seminare für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Die derzeitigen Defizite seien generisch gewachsen: In den Anfangszeiten der Naturwissenschaften hätten Wissenschaftler ihre Tätigkeiten in Vorträgen und Experimenten verständlich machen können. Mit der Diversifizierung der Fachsprachen hätte sich Wissenschaftskommunikation zunehmend von der Öffentlichkeit zurückgezogen. Open Access ermögliche es heute allen, wissenschaftliche Beiträge zu lesen, aber das Verstehen des Inhalts sei den meisten unmöglich. Lugger begrüßte die Einführung von Key Notes neben Abstracts bei wissenschaftlichen Beiträgen, könnten so doch gesellschaftliche Aspekte mit spezialisierten Fachinhalten verbunden werden. Sie begrüßte auch die Möglichkeit, über Social Media wie Twitter und Facebook zu kommunizieren und brach eine Lanze für Science Blogs. Diese würden es ermöglichen, dass Wissenschaftler selbst Korrektivfunktionen übernehmen könnten. Da sich die Gesellschaft überwiegend im Internet aufhalte, wären Blogs und Kommentare heute ein wichtiges Element der Öffentlichkeitsarbeit. Sie verstärkte die Aussage Antoniettis, dass Wissenschaftler heute auch auf modernen Plattformen kommunizieren müssten. Zumindest müsse eine Person für eine Wissenschaftlergruppe ausfindig gemacht werden, die dies übernehmen könne. Dabei müsse es auch in Bürgerdialogen Ziel sein, dass die Botschaft von Wissenschaftlern richtig ankommt. Aus ihrer Sicht müsse das Fach Kommunikation in die Curricula aufgenommen werden.

Auf die Frage Weitzes, wie das denn in der GDCh gesehen werde, sagte Geelhaar, dass es darüber sehr kontroverse Diskussionen gegeben habe, dass die Mehrheit aber entschieden habe, nicht zu empfehlen, das Fach Kommunikation verpflichtend ins Studium aufzunehmen. Einen erneuten Diskurs habe es auch zur Frage gegeben, wie Chemie im Kontext zu vermitteln sei. Jedenfalls, so Antonietti, funktioniere es nicht, wenn Chemiker erklärten, „Weltprobleme“ zu lösen. Diese Art Lobbyismus erzeuge ebenfalls nur „Rauschen“. Er hält es für einen interessanten Ansatz, im Studium keine Abschlussarbeiten mehr einzufordern, sondern die Studenten stattdessen Kurzvideos anfertigen zu lassen, ohne den Filmqualitäten hohe Anforderung abzuverlangen.

Für Hampel fokussierte sich nun die Diskussion zu sehr auf die Methoden der Kommunikation. Zentral sei doch die Frage nach den richtigen Themen, also, was die Gesellschaft von Chemikern wissen wolle. Als Beispiel nannte er das Thema „Dioxin“. Es gelte, systematisch Kanäle zu schaffen, um frühzeitig von der Bevölkerung zu erfahren, wo die Probleme liegen. Ähnlich wie Geelhaar plädierte er für Interaktionen mit Umwelt- oder Verbraucherverbänden.

Weitze griff gegenüber Frau Lugger jedoch nochmals die Frage auf, ob Social Media die besseren Erfolge in der Wissenschaftskommunikation zu verzeichnen hätte als traditionelle Medien. Lugger wies auf den großen Erfolg von YouTube bei Jugendlichen hin, machte aber mit besonderem Hinweis auf die Max-Planck-Gesellschaft deutlich, dass wissenschaftliche Institutionen sich hier oft „die Zähne ausbeißen“. Nochmals plädierte sie für authentische Blogs, in denen Wissenschaftler selbst präsent seien. Bei stark umstrittenen Themen wie Fracking sollten Wissenschaftler auch den Mut zu Kommentaren in großen überregionalen Zeitungen haben.

Aus dem Publikum kam die Anregung, dass bei der informationsübersättigten Öffentlichkeit die Chemie unbedingt Mittelsmänner benötige, die vertrauenswürdig sind. Auch wurde am Beispiel „zu hoher Stickstoffgehalte in der Hamburger Luft“ (Zitat aus der Presse) gefordert, in Schulen wenigstens ein Minimum an Allgemeinbildung zu vermitteln. Hampel wies darauf hin, dass Wissen über die Naturwissenschaften über die Zeitungen immer weniger verbreitet würde, weil die Medien unter wirtschaftlichem Druck stünden. „Wir müssen mit falschen Nachrichten leben. Und die Frage ist: Was ist heute Allgemeinwissen?“ Lugger ergänzte, dass die Wissenschaftsjournalisten nun selbst verstärkt dem Qualitätsverlust entgegenwirken wollen. Nach britischem Vorbild sei gerade in Köln das Science Media Center gegründet worden. Es soll eine kompetente Berichterstattung über Themen mit Wissenschaftsbezug fördern.

Aus dem Publikum heraus wurde bedauert, dass es wohl keine zentrale Instanz in der Chemie gäbe, die kompetente Gesprächspartner aus der Chemie vermitteln könnte. Eine Vertreterin der GDCh-Geschäftsstelle stellte klar, dass die GDCh dies leisten könne und auch tue – zumeist bei telefonischen oder E-Mail-Anfragen von Medienvertretern. Ein begeisterter Teilnehmer des Wissenschaftsforums wies auf die Gesellschaftsrelevanz vieler der in Dresden behandelten Themen hin. Diese würden in der Öffentlichkeit nicht als Chemie-Themen angesehen, sondern beispielsweise der Biologie, Medizin, der Elektronik und Energieforschung zugeordnet. Lugger bestätigte: „Das ist Realität.“ Journalisten würden es vermeiden, ihre Beiträge mit „Chemie“ zu überschreiben.

Wie die Chemie aus diesem Dilemma in der Wissenschaftskommunikation herauskommt, versuchte die Schlussrunde nochmals herauszuarbeiten: Wir müssen die faktenbasierte Kommunikation suchen, dabei aber auch Emotionen erkennen lassen und berücksichtigen (Lugger bezeichnete die sachliche Kommunikation als „Wohlfühlecke der Wissenschaft“). Vertrauen in die Akteure sei zentral für die Akzeptanz und diese Akteure müssten einzelne Personen, einzelne Chemikerinnen und Chemiker sein, die ehrliche Kommunikation proaktiv betrieben. 

Autor: Renate Hoer

Alle Bilder: GDCh/Christian Augustin, Hamburg

Abb. 1: Das Podium (v.l.n.r.): Dr. Thomas Geelhaar, Prof. Dr. Markus Antonietti, Dr. Jürgen Hampel, Beatrice Lugger, Moderator Dr. Marc-Dennis Weitze

Abb. 2: Prof. Dr. Markus Antonietti, Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung, Potsdam

Abb. 3: GDCh-Präsident Dr. Thomas Geelhaar, Merck KGaA

Abb. 4: Dr. Jürgen Hampel, Universität Stuttgart (Technik- und Umweltsoziologie)

Abb. 5: Beatrice Lugger, Nationales Institut für Wissenschaftskommunikation

 

 

zuletzt geändert am: 04.07.2016 - 11:55 Uhr von C.Dörr