WiFo 2019

GDCh-Wissenschaftsforum Chemie 2019 in Aachen

Hier finden Sie eine Zusammenfassung der WiFo-Highlights 2019. Zum Öffnen der Texte und Fotos für die einzelnen Tage klicken Sie auf den Pfeil neben der Überschrift. Am Ende eines jeden Textes finden Sie einen Link zu einigen der vielen Tweets, die unter dem hashtag #wifo2019 getwittert wurden.

Die Highlights am Sonntag, 15. September

Am 15. September wurde das GDCh-Wissenschaftsforum Chemie (WiFo) 2019 (#wifo2019 der offizielle Hashtag) im Kongresszentrum Eurogress in Aachen feierlich eröffnet. Passend zum Internationalen Jahr des Periodensystems (vor 150 Jahren fast zeitgleich von dem Russen Dmitri Mendelejew und dem Deutschen Lothar Meyer aufgestellt) unterstützten im Dreiländereck auch die chemische Gesellschaften aus den Niederlanden (Koninklijke Nederlandse Chemische Vereniging, KNCV) und Belgien (Koninklijke Vlaamse Chemische Vereniging, KVCV) die GDCh bei der Durchführung des diesjährigen WiFo. Die Grußworte sprachen Prof. Pilar Goya Laza (Präsidentin der EuChemS), Prof. Dr. Floris Rutjes (Past President der KNCV) sowie Dr. Eric Schouteden (Vizepräsident der KVCV).

Dr. Matthias Urmann, Präsident der GDCh, wies in seiner Eröffnungsrede darauf hin, dass nicht nur die Chemie auf den Grundwerten von Freiheit, Toleranz und Wahrhaftigkeit basiert und Chemikerinnen und Chemiker heutzutage nicht nur als „reine“ Forscher gefragt sind. Angesichts der Auswirkungen des Klimawandels sind sie mehr denn je als Berater der Politik und mahnende Köpfe für die daraus resultierende Umsetzung dringend benötigter gesellschaftlicher Veränderungen erforderlich. Armin Laschet, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, musste sein Grußwort leider kurzfristig absagen, da ihm aufgrund von Klimakabinettgespräche in Berlin keine Zeit blieb in Aachen vorbeizuschauen. Er begrüßte die Besucher jedoch mit einer Videobotschaft. 

Anschließend wurden zwei Preise an herausragende Chemiker/-innen feierlich übergeben. Den Fresenius-Preis (für analytische Chemie) erhielten sowohl Prof. Dr. Detlev Belder (Uni Leipzig, Fachgebiet: Lab-on-a-Chip) als auch Prof. Dr. Andrea Sinz (Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg, Fachgebiet: Massenspektronomie). Der Karl-Ziegler-Preis ging an Prof. em. Dr. hc. hc. Klaus Müllen (Max-Planck-Institut für Polymerforschung, Mainz) vor allem für seine jüngsten Beiträge zur Synthese und Anwendung von Kohlenstoff-Nanostrukturen und Graphenen, die im Kontext der Energiewende eine wichtige Rolle spielen.

Prof. Dr. Kyoko Nozaki (Universität Tokio) hielt die August-Wilhelm-von-Hofmann-Vorlesung. In ihrem Festvortrag mit dem Titel „Toward Efficient Utilization of Renewable Resources: Ligand Contribution to the Group 9 Metal Mediated Addition/Elimination Reactions” berichtete sie von ihrer Forschung.

Abgerundet wurde der Abend musikalisch durch das Brass Consort Köln, eine Bläserkombo, die u.a. Klänge aus Leonard Bernsteins „Westside Story“ zum Besten gab und das Publikum zum Mitswingen animierte. 

Was könnte es bessere Voraussetzungen für ein erfolgreiches Wissenschaftsforum 2019 geben, als gute Musik und gutes Essen, vielseitige Reaktionen, ob in Gesprächen, durch Wissensaustausch und dem Kennenlernen vom Neuem?

Wir wünschen einen guten Start in die Woche des #Wifo2019. Das Social-Media Team des Wifos finden Sie hier.

Eifrig getwittert wurde am Sonntag natürlich auch. Einige Tweets vom Sonntag finden Sie hier. (Sie müssen nicht bei Twitter angemeldet sein, um die Tweets zu sehen.)

GDCh-Präsident Dr. Matthias Urmann begrüßte die Gäste. (Fotos, wenn nicht anders angegeben: Christian Augustin, Hamburg/GDCh)
Ministerpräsident Armin Laschet richtete seine Grußworte über die Leinwand an die Besucher. (c) Christian Augustin, Hamburg/GDCh
Prof. Pilar Goya Laza, Präsidentin der European Chemical Society, bei ihrem Grußwort (c) Christian Augustin, Hamburg/GDCh
Professor em. Klaus Müllen (Mitte) erhielt den Karl-Ziegler-Preis. Hier mit GDCh-Präsident Matthias Urmann und GDCh-Altpräsident Dieter Jahn (li.) (c) Christian Augustin, Hamburg/GDCh
Der Fresenius-Preis ging an Prof. Dr. Andrea Sinz sowie an Prof. Dr. Detlev Belder (re.). Der Vorsitzende der GDCh-Fachgruppe Analytische Chemie Dr. Joachim Richert gratulierte. (c) Christian Augustin, Hamburg/GDCh
Professorin Kyoko Nozaki (Mitte) aus Tokyo/Japan, wurde mit der August-Wilhelm-von-Hofmann-Vorlesung ausgezeichnet. Die Laudatio hielt Prof. Dr. Anke Krüger, Vorsitzende der Fachgruppe Liebig-Vereinigung für Organische Chemie.
Das Brass Consort Köln umrahmte die Eröffnungsfeier musikalisch.
Der Begrüßungsempfang in der Ausstellung bot nach der Eröffnungsfeier die Gelegenheit, sich auszutauschen.
Die Ausstellung eröffnete nach der Eröffnungsfeier im Foyer des Eurogress.

Die Highlights am Montag, 16. September

Plenarsymposium

Der Montagmorgen begann beim Wissenschaftsforum mit dem Plenarsymposium „Faszination Chemie“ und einer süßen Überraschung. Professor Matthias Ducci von der PH Karlsruhe zeigte in einer „bärchenstarken“ Reduktion, wie in Gummibärchen enthaltene Azofarbstoffe reduktiv gespalten und nachgewiesen werden können.

In die ordnende Welt der chemischen Elemente entführte der amerikanische Wissenschaftsautor Theodore Gray mit einem bildgewaltigen Vortrag zum Thema „The periodic table: Completing a work of ages“. Gray präsentierte anschaulich, wie sich das Periodensystem der Elemente vor und nach seinem Begründer Dmitri Mendelejew bis heute über sieben Forschergenerationen gefüllt und entwickelt hat. 

Peter Eckes, BASF, zeigte anschließend, welchen gesellschaftlichen Herausforderungen sich die Industriechemie beim Thema Nachhaltigkeit stellen muss. Gefragt ist eine neue Chemie, die Kohlendioxid in die Prozesschemie einbindet, sowie ein Decomposing von Produkten in die einzelnen Elemente, um daraus ressourcenschonend und nachhaltig wieder neue Produkte zu erzeugen. Dabei spielt Digitalisierung eine wichtige Rolle.

Ein weiterer Höhepunkt der Vormittagssession war die Verleihung des Wilhelm-Klemm-Preises an den renommierten Anorganiker Professor Dr. Wolfgang Bensch von der Christian-Albrechts-Universität Kiel in „Anerkennung seiner innovativen Arbeiten in der Anorganischen Chemie, der Synthese und Charakterisierung neuer Chalkogenide, der in situ Untersuchung von Kristallbildung und Phasenumwandlungen, mit potentiellen Anwendungen wie Katalyse, Batterien und Materialien für die Elektronik“. 

Sessions und Fachgruppentagungen 

Mit dem zweiten Tag des #Wifo2019 starteten die parallelen Session-Blöcke. So umfasste z.B. das Liebig-Symposium für Organische Chemie Konzepte, die von der diversitätsorientierten Synthese zur Chemischen Biologie, Methodenentwicklung zu neuen organischen Materialien, mechanistische Untersuchungen zu katalytischen Verfahren zur Herstellung komplexer Moleküle reichte. 

Passend zum Internationalen Jahr des Periodensystems veranstalteten die Fachgruppen Geschichte der Chemie und Nuklearchemie gemeinsam das Symposium „Geschichte und neuere Entwicklung des Periodensystems der Elemente“. Michael D. Gordon von der Princeton University stellte gleich zu Beginn seines historischen Vortrags klar, dass für ihn das Jubiläum zu spät kommt. Schon vor der Einführung des Periodensystems durch Dmitri Mendelejew hat es fünf andere Chemiker, darunter Lothar Meyer, gegeben, die mit verschiedenen Ansätzen Ordnung in das System der Elemente gebracht haben. Der russische Gelehrte war also nicht der erste, aber der erfolgreichste Pionier des Periodensystems.
Gisela Boeck von der Universität Rostock beleuchtete Fragen der Rezeption des Periodensystems der Elemente von 1869 bis 1910 und zeigte, dass es nicht von Anfang an eine Erfolgsgeschichte war. Das Ordnungssystem fand erst spät Einzug in Lehrbücher der Chemie. Bis 1890 nahm erst jedes fünfte Lehrbuch das Periodensystem auf, bis 1910 war es schon die Hälfte. Das lag vor allem an der Entdeckung der Edelgase sowie den Entdeckungen der von Mendelejew postulierten fehlenden Elemente wie Germanium, denn diese bestätigten sein System nachhaltig. 

Einen Einblick in die faszinierend kurzlebige Welt der schweren Atome gab Michael Block vom GSi Darmstadt. Seit den 1980er Jahren wurden weltweit mehr als 25 Elemente mit Hilfe von Teilchenbeschleunigern künstlich hergestellt, von einigen aber nur wenige Atome, die sofort zerfallen. Vor allem relativistische Effekte beeinflussen die atomaren und chemischen Eigenschaften der schwersten Elemente stark. Trotz aller technischen und wissenschaftlichen Fortschritte sei zudem die legendäre Insel der Stabilität im Meer der Elemente mit Protonenzahlen größer als 114 immer noch nicht entdeckt worden, schränkte er ein.

Zum Auftakt der Jahrestagung der GDCh-Fachgruppe Chemieunterricht erhielt Walter Jansen, emeritierter Professor der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, den Heinz-Schmidkunz-Preis für sein Engagement im Bereich der Chemiedidaktik. Anschließend stellten chemiedidaktische Wissenschaftler ihre Forschung in kurzen Poster-Flashtalks vor. Dabei ging es zum Beispiel um Virtual Reality, das Experimenten mit ionischen Flüssigkeiten im Schulunterricht und um das digitale Laborpraktikum mit interaktiven Videoexperimenten. 

In der Session „Elektrolyse BMBF-Projekt Kopernikus Power-to-X“ berichteten die Fachgruppen „Chemie und Energie“ und „Elektrochemie“ zum Projekt, bei dem an neuen Ideen zur Speicherung von erneuerbaren Energien geforscht wird. In der Session wurde eine Brücke von der Energiespeicherung über Elektrodenmaterialien, Katalysatoren und Elektrolyte bis zur Elektrolyse gebaut. Verschiedene Kurzvorträge informierten über die Wirtschaftlichkeit von Elektrolysen, neue Membranen zur Effizienzsteigerung und gaben einen aktuellen Einblick in laufende Power-to-X-Projekte wie der Co-Elektrolyse.

Für Spezialisten waren die Sessions der AG Theoretische Chemie. In der Session „From Prediction to Application“ wurde deutlich, wie wichtig Computersimulationen inzwischen in der chemischen Forschung sind. 

Um die Zukunft der Sicherung von Forschungsdaten ging es in einer Session des Fachkonsortiums Chemie für nationale Forschungsdateninfrastruktur (NFDI4Chem) und dem Leibniz-Informationszentrum für Technik und Naturwissenschaften TIB. Die Zeit der handschriftlichen Laborjournale ist vorbei, denn Forschungsdaten müssen auch verfügbar bleiben, wenn der Doktorand, der sie einst gemessen hat, das Institut längst verlassen hat.

Die Fachgruppe Photochemie bot ebenfalls drei interdisziplinär ausgerichtete Vortragsblöcke zum Thema „Novel developments in photochemistry: Fundamental principles and innovative applications“. Neueste Ergebnisse und Entwicklungen der photochemischen und photophysikalischen Forschung wurden vorgestellt und diskutiert.

Gleich mehrere Fachgruppen griffen mit dem Sessionthema „Plastik in der Umwelt – Optionen für die Chemie“ ein seit längerem im öffentlichen Diskurs befindliches Thema auf. Neben den Analyseherausforderungen (vor allem in der Durchführungsgeschwindigkeit) standen Fragen zu Toxizität und neuen biologisch unbedenklichen Materialien an.

Bei den von der Wöhler-Vereinigung durchgeführten Sessions zu „Highlights aus der anorganischen Chemie“ ist die Verleihung des Arfvedson-Schlenk-Preises an Prof. Dr. Martin Winter und dessen Talk „Lithium: The Enabler of High Voltage and High Energy Density Batteries in the Past, Presence and Future“ besonders hervorzuheben. 

Podiumsdiskussionen und Poster-Flashtalks rundeten einen Teil der Sessionblöcke ab. 
Die jungen Chemiker und Chemikerinnen trafen sich am Montag zur Session der Young Chemists – The Collective (JungChemikerForum). Dort stellten unter anderem Nachwuchsforscher und -forscherinnen ihre Forschungsergebnisse in Poster-Flashtalks vor. 

Weitere Veranstaltungen

Beim 3. ChemSlam der GDCh präsentierten sechs Wissenschaftler/-innen Chemie von einer anderen Seite. Sie zeigten den rund 250 Zuschauern, dass Chemie mehr mit Zauberei zu tun hat, als man denkt, dass Nerds eigentlich ganz anders sind und wie viel die Chemie zum Schutz unserer Umwelt und des Klimas beitragen kann. Bei der Publikumsabstimmung konnte sich Marlene Böldl mit ihrem Slam zu Bio-Plastik durchsetzen und den Titel Dr. ChemSlam erringen.

Bei den Vorträgen der Jobbörse ging es am Montag um die akademische Karriere. Professor Dr. Carsten Bolm, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen, erklärte, warum der Karriereweg als Hochschullehrer und Hochschullehrerin interessant sein kann. Er sprach über eigene Erfahrungen, gab Tipps und diskutierte mit anwesenden Nachwuchswissenschaftlern über Vorteile, Zweifel und Hürden. Dr. Ruben Ragg, Chefredakteur von ChemBioChem (Wiley-VCH), gab Einblicke in den Arbeitsalltag eines Wissenschaftsredakteurs. In seinem Vortrag erläuterte er die Schritte vom Manuskript bis zum veröffentlichten Paper. Er gab den jungen Forscher und Forscherinnen mit, wie sie bei einer Veröffentlichung ihrer Forschung in einem Journal beachten sollten. 

Eifrig getwittert wurde am Montag natürlich auch. Einige Tweets vom Montag finden Sie hier. (Sie müssen nicht bei Twitter angemeldet sein, um die Tweets zu sehen.)

Professor Wolfgang Bensch (Mitte) erhält den Wilhelm-Klemm-Preis. Es gratulieren GDCh-Vorstandsmitglied Prof. Dr. Claudia Felser, Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe, Dresden (links) und GDCh-Präsident Dr. Matthias Urmann. (Fotos, wenn nicht anders angegeben: Christian Augustin, Hamburg/GDCh)
Heinz-Schmidkunz-Preisträger Professor Emeritus Walter Jansen (Mitte), es gratulierte Vorstandsmitglieder Prof. Dr. Hans-Günther Schmalz (re). Die Laudatio hielten zwei ehemalige Doktoranden von Walter Jansen (links).
Der Arfvedson-Schlenk-Preis ging an Professor Martin Winter (Mitte).
Professor Matthias Ducci zeigte beim Plenarsymposium Faszination Chemie eine "bärchenstarke" Reduktion.
Beim 3. ChemSlam präsentierten sechs Wissenschaftler/innen Chemie den Zuschauern mal von einer anderen Seite. (c) mika-photography.com
Mit ihrem Slam zu Bio-Plastik setzte sich Marlene Böldl (Mitte) beim der Publikumsabstimmung durch und erhielt den Titel Dr. ChemSlam. Über den zweiten Platz freute sich Philipp Spitzer, den dritten Platz belegte Lucy Dittrich. (c) mika-photography.com
Um unternehmerisches Denken und Handeln ging es beim Intensiv-Gründerworkshop mit Andreas Voss (stehend). (c) mika-photography.com
Am Abend fand die Posterparty statt.
Die Posterparty bot die Gelegenheit zum Austausch von Forschung und Ergebnissen.

Die Highlights am Dienstag, 17. September

Plenarsymposium „Molecular Design“

Den Dienstagmorgen eröffnete Prof. Bert Meijer, Eindhoven University of Technology, mit einem faszinierenden Einblick in die Welt funktionaler supramolekularer Materialien und Systeme. In der supramolekularen Chemie ist der Forscher aus seiner Sicht beim Moleküldesign oft mehr Architekt denn Chemiker. Für Chemiker besteht dabei die Herausforderung im Verständnis des Zusammenspiels zwischen kovalenten und nicht-kovalenten Bindungen in komplexen Molekülen. Meijer ist sicher, dass jedes Molekül, das auf der Erde existiert, synthetisiert werden kann.

Prof. Benjamin List, MPI für Kohlenforschung in Mühlheim/Ruhr, zeigte anschließend, dass die Katalyse einer der wichtigsten Antreiber in der Chemie ist. Er stellte neuartige Organokatalysatoren sowie das Konzept der asymmetrischen Gegenanion-vermittelten Katalyse als Strategie für die asymmetrische Synthese vor, mit Anwendungen in der Organokatalyse, der Übergangsmetallkatalyse sowie der Lewissäurekatalyse.

Prof. Stefanie Dehnen, Philipps-Universität Marburg, führte in die Welt der multinären intermetalloiden Cluster ein. Spezielle Reaktionen von binären Zintlanionen mit Übergangsmetallkomplexen bieten einen eleganten Zugang zu den sehr ästhetischen Verbindungen mit binären oder ternären Clusteranionen mit makroskopischen Funktionalitäten.

Preiswürdig wurde es bei der Ehrung von Prof. Frank Würthner, Institut für Organische Chemie & Center for Nanosystems Chemistry der Universität Würzburg, mit der Adolf-von-Baeyer-Denkmünze. Er wurde für seine grundlegenden Arbeiten zur supramolekularen Farbstoffchemie ausgezeichnet.

Sessions und Fachgruppentagungen

Das reaktivste Element im Periodensystem stand im Mittelpunkt des Symposiums der AG Fluorchemie. Unter anderem ging es dabei um „Discovering new fluorination reagents and reactions by probing the unique fluorine effects“ und „New strategies to prepare fluorine-containing organic molecules“.

Die Fachgruppe Analytische Chemie verdeutlichte in sieben Übersichtsvorträgen die Vielfalt und die Bedeutung der Analytischen Chemie für verschiedene wissenschaftliche Forschungs- und Anwendungsgebiete. Die Themenpalette reichte von den Risiken und Möglichkeiten von Nanopartikeln in der Medizin, der kriminaltechnischen Analytik zur Bewertung illegaler Drogenlabore sowie dem Nachweis verbotener Substanzen und deren Abbauprodukte in der Dopinganalytik. Die Rolle der Analytik in Wissenschaft und Gesellschaft und aktuelle Forschungsergebnisse zur Miniaturisierung chemischer Verfahren sowie zur Strukturaufklärung von Proteinen durch chemisches Crosslinking wurden ebenfalls beleuchtet.

Zum 350. Geburtstag der Entdeckung von elementarem Phosphor durch den deutschen Apotheker und Alchemisten Hennig Brand (1669) gab die AG Phosphorchemie einen Überblick zu wegweisenden Entwicklungen und Highlights in der Phosphorchemie. Das vielseitige, aber nicht selten „verteufelte“ Element hat immer noch eine große Zukunft: Neue Forschungen reichen von Phosphorheterocyclen für katalytische und optoelektronische Anwendungen in flexiblen Displays bis zur umweltfreundlichen Herstellung von Phosphorverbindungen für Photoinitiatoren oder für die homogene Katalyse.

In einer abwechslungsreichen und informativen Mischung aus Fachvorträgen und einer Diskussionsrunde der Referenten widmeten sich die Fachgruppe Medizinische Chemie und die Fachgruppe Computer in der Chemie fast einen ganzen Tag lang einem besonderen Thema: Die Zukunft der Arzneimittelforschung im Zeichen der Künstlichen Intelligenz. Die sehr anspruchsvolle und zeitraubende Medikamentenentwicklung steht vor einer revolutionären Zeitenwende, denn in allen Bereichen der Wertschöpfungskette eines Medikaments - beginnend von der Wirkstoffsuche bis zur klinischen Anwendung - fallen riesige Mengen (auch sensitiver) Daten an, die ohne Data Science, Künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen kaum noch handhabbar sind. Das Symposium verdeutlichte, dass sich durch die Offenlegung von experimentellen Daten und das Zusammenspiel von Chemie und KI viele Vorteile in der Entwicklung neuer Medikamente und der effizienten Behandlung bestehender Krankheiten ergeben können. So kann z. B. Machine Learning die Syntheseplanung automatisieren. Vor allem aber dürften sich die Rolle und Aufgaben der medizinischen Chemiker im Kontext des digitalen Zeitalters verändern. Dies wird mittelfristig auch Auswirkungen auf die inhaltliche Gestaltung des Chemiestudiums haben.

Die Jahrestagung Chemiker im Öffentlichen Dienst, die sich mit unterschätzten Gefahren befasste, offenbarte nicht nur, dass es bislang deutschlandweite keine einheitliche Grenzwertregelung für Kohlenmonoxid gibt. Dies ist insbesondere für Rettungskräfte oder Freiwillige Feuerwehren ein kritisches Thema, da Unfälle u.a. auf Kohlenmonoxidvergiftungen beruhen (z.B. verstopfter Kamin, Grillen in Innenräumen), die ohne Messgeräte nicht zu erkennen sind.

In der von Klaus-Peter Jäckel organisierten Veranstaltung der Fachgruppe Seniorexperten Chemie (SEC) „Aachen mit allen Sinnen genießen“ waren Referenten eingeladen, die nicht nur die Chemie in den Mittelpunkt stellten. Teilweise sehr humoristisch geprägte Vorträge brachten den Anwesenden Aachen als Stadt der Chemie facettenreich näher. Dass es in Aachen quasi ein Pendant des Brüsseler Manneken Pis, das Fischpüddelchen gibt, war den wenigsten bekannt und schnell war die Verbindung zu Harnstoff und dessen vielfältiger Verwendung geschlagen. Die Aachener Schwefelthermalbäder mit ihrem essentiellen Bestandteil Schwefel regen den Geruchssinn an.

Beim Liebig-Symposium für Organische Chemie ging es unter anderem um Metall-Peptid-Nanopartikel und wie Platin-Nanopartikel Cisplatin in der Krebstherapie von Leberkrebszellen ersetzen könnten.

Nachmittags widmete sich das Karl-Ziegler-Symposium dem Thema der homogenen Katalyse und ihren Herausforderungen wie Metal-Mabiq Komplexen in der Elektro- und Photokatalyse.

Weitere Veranstaltungen

Wie in den vergangenen Jahren zeigte die Jobbörse mit vielfältigen Veranstaltungen möglicher Berufswege für Chemikerinnen und Chemiker auf. In der von der Fachgruppe Chemiker im Öffentlichen Dienst organisierten Veranstaltung „Berufsbilder im öffentlichen Dienst“ stellten Praktiker/-innen ihren eigenen Werdegang dar. Dabei wurde deutlich, dass die Tätigkeitsfelder außerhalb der Hochschule oft vielseitiger sind und daneben auch noch Forschung und Konferenzteilnahmen umfassen können. Ob Arbeitsschutz- und Strahlenschutzexperte an einer Hochschule, Netzwerkspezialist in einem Technologiepark oder Sachgebietsleiter Grundsatz und Sicherheit bei einer Feuerwehr – eine Menge ist möglich und oft sind Master oder Promotion eine gute Voraussetzung.

Arbeitswelt 4.0 – Quo Vadis Chemie hieß die Session, in der am Dienstagvormittag über die Zukunft der Arbeitswelt diskutiert wurde. Andreas Ogrinz, BAVC-Geschäftsführer für Digitalisierung, der für den verhinderten BAVC-Präsidenten Kai Beckmann einsprang, betonte, dass die Digitalisierung der Arbeitswelt nur in einer Sozialpartnerschaft mit Arbeitnehmerverbänden funktioniert. „Führung wird noch wichtiger werden“, betonte er und dass der digitale Wandel von einem technischen, sozialen und kommunikativen und Wandel begleitet werden muss, um zu gelingen.

Den vier Impulsvorträgen folgte eine Diskussion mit lebhafter Beteiligung der Zuhörer. "Die Digitalisierung ist nicht gut oder böse", resümierte GDCh-Präsident Matthias Urmann in seinem nachdenklichen Schlusswort. „Man muss das Positive sehen, ohne die Risiken auszublenden und sich bewusst sein, dass es in diesem Prozess auch Verlierer geben kann." Einig waren sich alle Diskutanten, dass die neuen Arbeitswelten viele Chancen eröffnen, die es zu nutzen gilt.

Zu feiern gab es natürlich auch etwas. In der Kaffeepause gab es an den Ständen von GDCh und Wiley-VCH Sekt und Torte. Eva Wille und Wolfram Koch stellten kurz das Projekt Deal vor, mit dem Autoren seit 1. Juli ohne Zusatzkosten ihre Beiträge bei den von Wiley-VCH verlegten GDCh-Zeitschriften Open Access veröffentlichen können.

Eifrig getwittert wurde am Dienstag natürlich auch. Einige Tweets vom Dienstag finden Sie hier. (Sie müssen nicht bei Twitter angemeldet sein, um die Tweets zu sehen.)

 

Professor Frank Würthner (Mitte) wurde mit der Adolf-von-Baeyer-Denkmünze ausgezeichnet. (Fotos, wenn nicht anders angegeben: Christian Augustin, Hamburg/GDCh)
Bei der Podiumsdiskussion "Arbeitswelt 4.0 - Quo vadis Chemie" ging es um die Chemie in der digitalisierten Arbeitswelt.
Bei der Jobbörse konnten sich junge Chemiker und Chemikerinnen an den Ständen der Unternehmen informieren.
In der Kaffeepause stellte Wolfram Koch gemeinsam mit Eva Wille das Projekt Deal vor.
Matthias Urmann mit Eva Wille beim Empfang von GDCh und Wiley-VCH.
In der Kaffeepause gab es Sekt und Torte an den Ständen von GDCh und Wiley-VCH.
Abends fand der GDCh-Gesellschaftsabend im Krönungssaal des Aachener Rathauses statt.

Die Highlights am Mittwoch, 18. September

Plenarsymposium „Ressourcen“

Der Mittwochmorgen stand ganz im Zeichen der Ressourcen und Rohstoffversorgung. Den Anfang machte Prof. Martin Bertau von der TU Bergakademie Freiberg. Er setzte sich durchaus kritisch mit der modernen Rohstoffgewinnung auseinander, denn die Gewinnung und Nutzung von Rohstoffen ist längst eine Frage der globalen Verantwortung. Dabei verdeutlichte er, dass es im Prinzip keine Rohstoffknappheit gibt. „Der Zugang zu den Lagerstätten ist allerdings stark limitiert“, sagte er. Auch das viel gelobte Cradle-to-Cradle Prinzip beließ er lieber in der Philosophie-Bibliothek. Sein Fazit: Ohne gesicherte Rohstoffbasis keine Chemieindustrie – ohne Chemieindustrie keine gesicherte Rohstoffbasis, denn die moderne Chemie ist der Schlüssel zur Lösung der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.

Prof. Bert Sels, KU Leuven, beschäftigte sich in seinem Vortrag „Refining Lignocellulose and the role of catalysis“ mit dem Design von heterogenen Katalysatoren für die zukünftigen Herausforderungen in der industriellen organischen und Umweltkatalyse. „Biomasse ist dabei ein wichtiges Ausgangsmaterial für Chemikalien, aber sehr kompliziert“, sagte er. Prof. Ulrike Krewer, TU Braunschweig, zeigte auf, wie das Kinetikverständnis ein Katalysator für eine zukünftige elektrochemische Energieversorgung sein kann. Sie stellte ihre Forschungsschwerpunkte vor, die vor allem in der Analyse und Optimierung verschiedener elektrochemischer Zellen wie Lithium-Ionen- und Lithium-Schwefel-Batterien sowie mikrobieller Brennstoffzellen liegen.

Im Anschluss an das Plenarsymposium erhielt Prof. Dieter Vogt von der TU Dortmund den Wöhler-Preis für Nachhaltige Chemie für seine herausragende Erforschung speziell der molekularen Grundlagen der homogenen Katalyse. Die Weiterentwicklung und Förderung einer nachhaltigen Chemie zieht sich wie ein roter Faden durch seine Forschungsaktivitäten. In seiner Dankesrede hob Vogt vor allem die Bedeutung der Grundlagenforschung hervor: „Die Grundlagenforschung ist unser Genpool für Innovation.“

Sessions und Fachgruppentagungen

Ein interessantes Format präsentierte die Fachgruppe Festkörperchemie und Materialforschung in der gemeinsamen Session mit der Wöhler Vereinigung für Anorganische Chemie. Der „Dialog in Anorganischer Chemie“ bot in Tandemvorträgen eine enge Verflechtung der Molekül- und Festkörperchemie. Immer zwei Referentinnen und Referenten beleuchteten abwechselnd Facetten von „schweren“ und „leichten“ Themen aus unterschiedlichen Perspektiven. Den Beginn machten die schweren Actioniden. Andreas Leithe-Jasper (Dresden) und Karsten Meyer (Erlangen) zeigten aktuelle Forschungsergebnisse rund um das Element Uran, das bereits 1789 im Erzgebirge entdeckt und schon vor seiner Karriere als Brennelement in Kernkraftwerken vielseitig verwendet wurde. Interessant war, dass das Schwergewicht Uran mit dem Leichtgewicht Beryllium intermetallische Verbindungen eingeht. In weiteren Tandemvorträgen stellten Michael Mehring (Chemnitz) und Anna Isaeva (Dresden) das schwere Bismut als Zukunftselement in Molekülen und Festkörpern vor, etwa für neue Photokatalysatoren und magnetische Isolatoren. „Leichter“ wurde es bei Magnus Bucher (Marburg) und Hubert Huppertz (Innsbruck), die neue Einblicke in die Bor- und Berylliumchemie ermöglichten. Wie Kohlenstoff und Stickstoff sinnvoll und funktional kombiniert werden können, zeigten Bettina Lotsch (Stuttgart) und Maik Finze (Würzburg).

Um „Molecules of Life – Molecules in Life“ ging es in der gemeinsamen Session der Fachgruppen Biochemie, Chemische Biologie und der Liebig-Vereinigung für Organische Chemie. Die Sessions, die am Montag und Mittwoch stattfanden, thematisierten einen Querschnitt aus den vielfältigen Aspekten der chemischen Biologie und schlugen eine Brücke zwischen Chemie und Biologie.

Um „Materials for Life“ ging es auch in den Vorträgen, die die Fachgruppe Makromolekulare Chemie organisiert hatte. Dort ging es unter anderem um die Entwicklung neuer Designstrategien und Herstellungsprozesse, Materialcharakterisierung und potenzielle Anwendungen davon.
Am Nachmittag fand die Session Sustainable Synthesis der Fachgruppen Liebig-Vereinigung für Organische Chemie und Nachhaltige Chemie statt. Die Vortragenden beschäftigten sich unter anderem mit erneuerbaren Ausgangsmaterialien für Synthese und Katalyse.

Weitere Veranstaltungen

Nach der Kaffeepause bot sich für Absolventen erneut die Chance, Berufsperspektiven des Chemikers im digitalen Wandel aus erster Hand zu erleben. In der Session „Berufsperspektiven im digitalen Wandel“, organisiert durch die Vereinigung für Chemie und Wirtschaft, JuWiChem und JCF, stellten ehemalige Jungchemiker/-innen aus ihrem Berufsleben den Einfluss der Digitalisierung dar und machten neugierig, welche Chancen sich für Chemiker/-Innen heutzutage aus dieser Kombination ergeben. So berichtete z.B. Christian Stutz von der Digitalisierung des Chemie-Schulunterrichts. Wer Twitter mit dem bekannten Hashtag #wifo2019 nutzte erfuhr, dass zeitgleich eine Session der FG Chemieunterricht mit Experimentalvorträgen gleich nebenan stattfand. Wurden früher chemische Experimente in der Schule händisch ausgewertet liegen heute digitale Auswertungslösungen vor, die auch im Schulunterricht angewendet werden können. Doch den neugierigen Lehrerinnen und Lehrer, die neben Chemie auch noch Digitalisierung zu ihren Leidenschaften zählen, braucht es dazu auf jeden Fall. 

Dr. Uta Bilow leitete den Workshop „ChiuZ-Storylab: Wissenschaft verständlich kommunizieren“ und vermittelte dabei den Teilnehmenden, die Fähigkeit komplexe Sachthemen verständlich aufzuarbeiten. Ebenfalls wurde die Wiley-Zeitschrift Chemie in unserer Zeit und die Möglichkeiten des Wissenschaftsjournalismus vorgestellt.

Closing Lecture

Die Closing Lecture hielt Martin Möller vom Leibniz-institut für interaktive Materialien in Aachen. Mit dem Vortrag "Can a Material perform as an engine" endete das Wissenschaftsforum Chemie 2019. Wir sehen uns im September 2021 in München.

Einfrig getwittert wurde am Mittwoch natürlich auch. Einige Tweets vom Mittwoch finden Sie hier. (Sie müssen nicht bei Twitter angemeldet sein, um die Tweets zu sehen.)

Einen Bericht auf Englisch über das Wifo finden Sie auf den Seiten von ChemistryViews

Professor Martin Bertau bei seinem Vortrag zur modernen Rohstoffgewinnung im Rahmen des Plenarsymposiums "Ressourcen". (Fotos, wenn nicht anders angegeben: Christian Augustin, Hamburg/GDCh)
Professorin Ulrike Krewer von der Technischen Universität Braunschweig referierte über zukünftige elektrochemische Eneregieversorgung.
Professor Dieter Vogt (Mitte) erhielt den Wöhler-Preis für Nachhaltige Chemie.
Im Rahmen der Jahrestagung der Fachgruppe Chemieunterricht gab es Experimentalvorträge.
Experimentalvortrag bei der Session der Fachgruppe Chemieunterricht
Am GDCh-Stand konnten sich die Gäste am Periodensystem-Puzzle versuchen.
GDCh-Mitgliederversammlung
GDCh-Mitarbeiter am GDCh-Stand (c) GDCh

Experiment Zukunft am Donnerstag, 19. September

So heißt die Veranstaltung, die nach 2017 zum zweiten Mal im Anschluss an das Wissenschaftsforum durchgeführt wurde. „Wissen und Nichtwissen“ war diesmal das Leitmotiv, dem sich die Beteiligten in verschiedenen Themenfeldern näherten. „Wissen“ wird oft als wichtigste Ressource des 21. Jahrhunderts apostrophiert, allerdings spielt es in der öffentlichen Meinungsbildung oft gar nicht die entscheidende Rolle. Eine derartige Haltung kann ganze Gesellschaften in eine prekäre Rolle und die Zukunft in schwieriges Fahrwasser bringen. In den Themenblöcken Transformation, Kreativität, Organisation und Kompetemz näherten sich die Referentinnen und Referenten dem anspruchsvollen Thema an. Hier finden Sie eine ausführliche Zusammenfassung der Veranstaltung. 

Texte: Ralf Lippold, Maren Mielck, Lisa Süssmuth, Jörg Wetterau, Karin J. Schmitz

Social Media

zum Facebook-Auftritt der GDCh


zuletzt geändert am: 27.09.2019 11:29 Uhr von L.Süssmuth