Anekdoten rund um die GDCh

Auf diesen Seiten veröffentlichen wir Anekdoten, Skurriles oder Witziges rund um die Chemie und die GDCh. Damit haben Sie bei der nächsten Chemiker-Party oder in der Kaffeepause der kommenden Konferenz bestimmt ein Gesprächsthema.

Präsidiales

Karl Ziegler (1898–1973) war stolzer Besitzer der GDCh-Mitgliedsnummer 1. Von 1949 bis 1951 war Ziegler, der Entwickler des Ziegler-Natta-Verfahrens zur Herstellung von Polyolefinen, der erste Präsident der GDCh.

Die Mitgliedsnummer der ersten PräsidentIN der GDCh veröffentlichen wir aus Datenschutzgründen hier nicht, ihren Namen verraten wir aber schon: Barbara Albert war es und ihre Amtszeit lief von 2012 bis 2013.

Zur Zeit (2016 bis 2017) ist Thisbe K. Lindhorst amtierende Präsidentin der GDCh. Als zweite Frau und 34. in der Reihe der GDCh-Präsidenten. Eigentlich sind es nur 33 Präsidenten, denn Heinrich Nöth (1928–2015) musste gleich zweimal ran. Von 1988 bis 1989 und von 1992 bis 1993 diente er der GDCh als Präsident.

Fotos von links: Karl Ziegler, Barbara Albert (Foto: Katrin Binner), Heinrich Nöth und Thisbe K. Lindhorst

 

 

 

Logarhyrthmisches

Und wo wir gerade bei Mitgliedsnummern sind: hier ist eine kurze Zeitschiene unserer Mitgliedsnummern und wie sich das für Wissenschaftler gehört, betrachten wir das Ganze logarhythmisch:

100 Die 1 hatte wie oben beschrieben Karl Ziegler inne. 

101 Wann die 10 vergeben wurde, lässt sich, zumindest ohne staubige Archivsuche nicht mehr rekonstruieren. Es war aber im Jahr 1946.

10Ebenfalls im Jahr 1946 wurde die 100 erreicht.  

103 Die 1000 wurde im Januar 1947 vergeben. Die ersten 1000 Mitglieder hatte die GDCh also schon vor ihrer offiziellen Gründung 1949. Doch bereits im September 1946 hatte sich in der Britischen Zone des besetzten Deutschlands eine „Gesellschaft Deutscher Chemiker“ gegründet, 1947 gesellten sich noch eine GDCh Hessen und eine GDCh Nord-Württemberg/Nord-Baden dazu.

104 Neun Jahre dauerte es, die vierstelligen Nummern zu vergeben. Im Januar 1956 wurden erstmals Nummern von 10.000 und höher vergeben.

105 Der Schritt von den fünfstelligen zu den sechsstelligen Mitgliedsnummern erfolgte am 22.09.2011.  Zwei Studienrätinnen aus zwei nicht weit voneinander entfernten Orten sind die Besitzerinnen der beiden magischen Nummern 99.999 und 100.000. Gut möglich, dass die beiden sich kennen und gemeinsam, vielleicht bei einer GDCh-Veranstaltung für Lehrer, in die GDCh eingetreten sind. 

Zur Zeit (Februar 2017) vergeben wir die Nummern 113.000 und höher. Und auch wenn die Extrapolation zugegebenermaßen wissenschaftlich nicht ganz korrekt ist: bei gleichbleibendem Eintritt von Chemikern in die GDCh werden wir so ganz ungefähr im Jahr 2079 die Grenze zur Million, also zur 106 knacken. Dies fiele dann zusammen mit dem 212. Jubiläum der Deutschen Chemischen Gesellschaft oder dem 130. Jubiläum der GDCh!

August Wilhelm von Hofmann - Very British

Nein, August Wilhelm von Hofmann (1818 bis 1892) war natürlich kein Engländer, er wurde in Deutschland (Gießen) geboren. Aber er lebte und wirkte 20 Jahre in London. Er wurde 1845 zum Leiter des neu gegründeten Royal College of Chemistry berufen, das eine praxisnahe Ausbildung für Chemiker anbieten wollte und deutsche Chemiker standen damals hoch im Kurs. 

Er war auch ein engagiertes Mitglied der Chemical Society of London, einem Vorläufer der Royal Society of Chemistry und von 1861 bis 1863 ihr Präsident. Nicht lange nach seiner Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1865 wurde im Jahr 1867 in Berlin die Deutsche Chemische Gesellschaft, die Vorgängergesellschaft der GDCh gegründet, mit Hofmann als ihrem ersten Präsidenten.

Aus diesem Grund sehen nicht nur wir, sondern auch unsere Kollegen von der Royal Society of Chemistry in August Wilhelm von Hofmann einen ihrer Gründerväter. Hofmann war eben international und damit auch nach heutigen Maßstäben sehr modern.

Einen ausführlichen Bericht zu August Wilhelm von Hofmann und sein Wirken in London finden Sie im Teil 1 der Serie "Spurensuche" in den Nachrichten aus der Chemie (Nachr. Chem, 65 (2017) 157.

Wilhelm und Wilhelmine Klemm

Wilhelm Klemm (1896 - 1985) war ein  bedeutender Chemiker und von 1952 bis 1953 der zweite Präsident der GDCh. Er war Professor für Anorganische Chemie an der Universität Münster und nach ihm ist in Münster auch eine Straße benannt. Die GDCh vergibt alle zwei Jahre den Wilhelm-Klemm-Preis für herausragende Verdienste auf dem Gebiet der Anorganischen Chemie.

Wilhelmine Klemm kennen "Tatort"-Fans als kettenrauchende Staatsanwältin aus Münster, die sich in fast jeder Folge mit Kommissar Thiel oder Rechtsmediziner Boerne rumstreitet. Und jene Wilhelmine Klemm, so kann man mehrfach im Internet nachlesen, soll nach "unserem" Wilhelm Klemm benannt worden sein. Schließlich wirkt auch Wilhelmine Klemm in Münster und das rechtsmedizinische Institut, das im Tatort immer eine große Rolle spielt, ist nicht weit von der Wilhelm-Klemm-Strasse entfernt. 

Aber so schön diese Geschichte der Namenspatenschaft auch ist, leider ist sie falsch (oder gehört zu den "alternativen Fakten", wie man neuerdings sagt). Wie eine Nachfrage beim WDR ergab, ist die Namensgleichheit reiner Zufall. So dachte der Autor bei Wilhelmine an die Gattin des Bundespräsidenten Lübke und bei Klemm an einen Schulfreund. Und wir lernen daraus, dass nicht alles stimmt, was bei Wikipedia steht. Aber das wissen wir als Naturwissenschaftler/innen sowieso.

links: Wilhelm Klemm (1896-1985), GDCh-Präsident von 1952-1953
rechts: "Wilhelmine Klemm" (Schauspielerin Mechthild Großmann) Bild: WDR/Michael Böhme

 

 

Wolfram Koch und Wolfram Koch

Und noch was zum Tatort: Der Schauspieler, der im Frankfurter Tatort den Kommissar Paul Brix verkörpert, heißt Wolfram Koch. Und der Geschäftsführer der GDCh, der die Geschäftsstelle in Frankfurt leitet, heißt - genau - auch Wolfram Koch. Verwandt sind die beiden nicht. Und persönlich begegnet sind sie sich auch noch nicht. Aber da in Frankfurt ja regelmäßig neue Tatort-Folgen gedreht werden, kann das ja noch kommen. 

links: Professor Wolfram Koch, Chemiker
rechts: Wolfram Koch, Schauspieler (Bild: HR/Degeto/Bettina Müller)

 

 

Fake News anno 1874

Die Kollegen der GDCh-Zeitschrift Chemkon haben es ausgegraben: Als im Jahr 1874 Jacobus Henricus van't Hoff und Joseph Achille Le Bel erstmals postulierten, dass ein Kohlenstoff-Atom tetraedrisch von seinen vier Bindungspartnern umrahmt wird, ernteten sie beißenden Spott. Damals ging man davon aus, dass Moleküle flach und planar seien wie ein Blatt Papier.

Öffentlich schimpfte der Chemiker Hermann Kolbe über diese aus seiner Sicht unsinnige Ansicht: "Ein Dr. J. H. van't Hoff, an der Tierarzneischule zu Utrecht angestellt, findet, wie es scheint, an exakter chemischer Forschung keinen Geschmack. Er hat es bequemer erachtet, (.... ) zu verkünden, wie ihm auf dem durch kühnen Flug erklommenen chemischen Parnaß die Atome im Weltenraume gelagert erschienen sind.

Starker Tobak - vor allem, weil sich schon einige Jahre später herausstellte, dass van't Hoff und Le Bel recht hatten und nur die dreidimensionale Anordnung das Phänomen der Chiralität erklärt. Es war halt auch damals schon nicht so einfach, zwischen Wahrheit und Fake News zu unterscheiden.

Quelle: (2017), Schüleraufgabe: CHEMKON 1/2017. CHEMKON, 24: 39–40. doi:10.1002/ckon.201780171

Justus von Liebigs Visionen 1867

Justus von Liebig war nicht nur einer der wichtigsten Chemiker seiner Zeit, er bemühte sich auch, das Große und Ganze im Blick zu behalten. In den Annalen der Chemie und Pharmacie ("Liebigs Annalen") erschien 1867 ein Essay von ihm, in dem er die Entwicklung der chemischen Wissenschaften von der Antike bis in die neueste Zeit vorstellte und Hoffnungen für die Zukunft formulierte:

„Die Geschichte der Völker gibt uns Kunde von den ohnmächtigen Bemühungen der politischen und kirchlichen Gewalten, um Erhaltung des körperlichen und geistigen Sklaventhums der Menschen; die künftige Geschichte wird die Siege der Freiheit beschreiben, welche die Menschen durch die Erforschung des Grundes der Dinge und der Wahrheit errangen; Siege mit Waffen, an denen kein Blut klebt, und in einem Kampf, in welchem Moral und Religion sich nur als schwache Bundesgenossen betheiligten.“

Wie wir alle wissen, wurde Liebigs Vision von den "Waffen, an denen kein Blut klebt" in den letzten 150 Jahren leider vielfach widerlegt und dies auch mit Hilfe der Chemie (Schießpulver, Stahlherstellung für Waffen etc). Aber seine Gedanken sind auch heute noch aktuell.

Diese Episode wurde entnommen aus einem Beitrag der Nachrichten aus der Chemie. Den vollständigen Beitrag mit weiteren Highlights und Episoden aus dem Gründungsjahr der Deutschen Chemischen Gesellschaft, sozusagen den Trendbericht 1867 liefert GDCh-Altpräsident und Ehrenmitglied Henning Hopf in den Nachrichten aus der Chemie (Nachr. Chem, 65 (2017) 391.

Bild: Franz Hanfstaengl (Public Domain) via Wikimedia Commons

 

 

Gedanken zur Energie 1883

Jetzt aber nach all den Fake News und Visionen zur Wissenschaft. Wir alle haben im Studium den Energieerhaltungssatz gelernt. Auch dieser war selbstverständlich schon vor 150 Jahren bekannt, wie das Gedicht von Wilhelm Busch zeigt:

Hier strotzt die Backe voller Saft,
Da hängt die Hand, gefüllt mit Kraft.
Die Kraft, infolge der Erregung,
Verwandelt sich in Schwungbewegung.
Bewegung, die in schnellem Blitze
Zur Backe eilt, wird hier zu Hitze.

Die Hitze aber, durch Entzündung
Der Nerven, brennt als Schmerzempfindung
Bis in den tiefsten Seelenkern,
Und dies Gefühl hat keiner gern.
Ohrfeige heißt man diese Handlung,
Der Forscher nennt es Kraftverwandlung.

Quelle: Busch, Bildergeschichten. Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter, 1883
Selbstportrait von Wilhelm Busch aus Wikipedia Commons 

Chancengleichheit anno 1961

Es ist immer wieder spannend, was man so in alten Akten finden kann und so machen wir einen Sprung ins Jahr 1961, also in das 94. Jahr nach Gründung der Deutschen Chemischen Gesellschaft. Schon seit 43 Jahren haben Frauen das Wahlrecht und sind natürlich auch bei den Chemikern gleichberechtigt und voll integriert. 

Ähhhm; stop. Nicht ganz, wie man einem Schreiben vom Juni 1961 entnehmen kann. Absender ist ein Chemisches Untersuchungsamt, das es heute noch gibt. Es geht um Chemiker im öffentlichen Dienst und unter anderem heißt es dort: "Sie haben sicher gelesen, dass die Stadt XY vor einiger Zeit eine Chemikerstelle ausgeschrieben hat. Es haben sich nur ein Lebensmittelchemiker und drei Lebensmittelchemikerinnen beworben. Da aus bestimmten Gründen eine männliche Kraft gewünscht wurde, war also keine Auswahl da."

Heute würde dem Verfasser und seinem Untersuchungsamt wohl alle Gleichstellungsbeauftragten des öffentlichen Dienstes gleichzeitig auf die Pelle rücken, bevor ein Shitstorm in den sozialen Medien den Server zum Absturz bringen würde.

Allerdings: wie in dem Schreiben weiter ausgeführt wurde, hatte sich auf die genannte Stelle vermutlich deshalb nur ein einziger Mann beworben, weil die Stelle ziemlich niedrig dotiert war. Und die Tatsachen, dass 1. im öffentlichen Dienst deutlich weniger bezahlt wird als in der Industrie und 2. Frauen sich häufig mit weniger Gehalt zufrieden geben (müssen) als Männer, die sind auch heute noch aktuell.

 

 

Fortsetzung folgt

Mehr zur GDCh und ihrer Geschichte

Einige der hier vorgestellten Fakten und weiteres Wissenswertes rund um die GDCh und ihr Jubiläum finden Sie in jedem Heft der Nachrichten aus der Chemie in der Rubrik "GDCh - 150 Jahre"

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zuletzt geändert am: 03.05.2017 - 10:16 Uhr von K.J.Schmitz