Karrierekolumne

Karrierekolumne aus den "Nachrichten aus der Chemie"

Philipp Gramlich und Karin Bodewits sind Gründer von Natural Science Careers – ein Unternehmen für Karriereberatung und Soft-Skill-Seminare für Naturwissenschaftler:innen. Für die Nachrichten aus der Chemie schreiben beide über Beobachtungen aus ihrer Beratungstätigkeit.

 

NCh 02/26 Anwesenheitsunkultur

Ich war anderthalb Jahre in meinem Postdoc, als ich realisierte: Wir stecken in einer Sackgasse. Wir wollten eine molekulare Maschine herstellen, ein supramolekulares System, das selbst eine Synthese durchführt. Doch sogar kleinere Testsysteme benötigten schon 15 bis 20 präparative Schritte. Und sobald wir genügend Material für Tests beisammen hatten, war die Enttäuschung groß – die molekulare Maschine funktionierte nicht.

Ich hatte das Gefühl, dass sich etwas Grundlegendes ändern musste. Daher ging ich heim und dachte nach, las und dachte weiter nach. Nach drei Tagen fernab des Labors fand ich zwei Publikationen in Journalen, welche mich normalerweise nicht interessierten. Sie zeigten mir: Unsere Maschine lief in die falsche Richtung! Das führte zu einer labilen Zwischenstufe in der Reaktionssequenz. Wir mussten die Maschine also schlicht so designen, dass sie umgekehrt lief.

Wäre mein Betreuer ein Mikromanager gewesen, hätte diese Erkenntnis länger gedauert. Aber mein Betreuer vertraute seinem Team und zwang uns deswegen nicht, jeden Tag ins Labor zu kommen. Das war der entscheidende Erfolgsfaktor des Projekts. Am Institut hätte ich nicht die Ruhe gefunden, mich tagelang in teils abwegige Artikel zu vergraben.

Für Arbeitgeber lässt sich aus dieser Episode schlussfolgern: Vertrauen Sie Ihren Mitarbeitenden, und etablieren Sie so eine Anwesenheitsunkultur erst gar nicht. Wenn es einen konkreten Grund gibt, warum die Arbeit nur in Anwesenheit funktionieren kann, dann muss es eben sein. Wenn Sie Anwesenheit nur deswegen verlangen, weil es immer so getan wurde, dann machen Sie doch ein Experiment: Geht es auch ohne Pobacken-Stuhl-Kontakt? Sie müssen dann Arbeitserfolge anstatt Anwesenheit messen. Das ist schwieriger, bringt aber auch mehr Gewinn für alle Seiten.

Arbeitnehmer:innen können sich fragen, ob ihre Anwesenheit wirklich erwartet wird oder ob sie sich selbst auferlegen, anwesend zu sein. Gerade in der akademischen Forschung – in der es lange dauert, Erfolge messbar zu machen, – setzen sich Forschende oft selbst unter Druck, das eigene Engagement durch lange Arbeitszeiten zu zeigen. Bei der Wahl der Arbeitgeberin können Sie die Anwesenheitsunkultur als Auswahlkriterium nutzen – so etwas spricht sich ja glücklicherweise herum. Haben Sie bereits eine Stelle, verhandeln Sie Ihre Freiräume im Jahresgespräch. Denn oft ist es eine Win-win-Situation, wenn Sie frei und kreativ arbeiten können. 

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

NCh 01/26 Sie selbst sein (oder auch nicht)

In Ratgebern zum Thema „Sie und Ihre Karriere“ findet sich fast immer der reflexhafte Hinweis „Sei Du selbst“. Aber stimmt das eigentlich?

Fangen wir bei einer Situation an, in der wir in der Regel kaum authentisch sind: dem Vorstellungsgespräch. Stellen Sie sich vor, Sie vertreten die Arbeitgeberseite und sind derzeit aufgrund einiger zwischenmenschlicher Querelen in Ihrem Unternehmen an einem Tiefpunkt Ihrer Motivation. Wenn sich die Bewerberin im Gespräch nach der Arbeitsatmosphäre in der Firma erkundigt, würden Sie Ihre eigenen Probleme höchstwahrscheinlich nicht thematisieren, sondern den Arbeitgeber allgemein beschreiben. Es ist also ein normaler Teil eines solchen Gesprächs, dass Sie sich von einer bestimmten Seite zeigen: dem sehr konzentrierten, taktisch agierenden, professionellen Ich. Alle Beteiligten kennen diese Spielregeln und werden Ihr Verhalten in diesem Kontext bewerten.

Diese professionelle Maske wird nur zum Problem, wenn Sie vorgeben, jemand zu sein, der Sie nicht sind. Als Bewerber:in würde der Einstellende Ihnen das vermutlich anmerken. Und hätten Sie Erfolg, könnten Sie ein Angebot für eine Stelle erhalten, die nicht zu Ihnen passt.

Im Arbeitsalltag wäre es unmöglich oder zumindest ungesund, wenn Sie permanent eine Maske aufsetzen müssten. Sie sollten eine Stelle finden, bei der das unnötig ist. Dennoch haben Sie eine gewisse Rolle zu erfüllen – wie in jeder anderen Situation Ihres Lebens auch. Als Vater meiner Kinder verhalte ich mich anders als in der Rolle des Sohnes, Fahrgasts, Ersthelfers oder eben Arbeitnehmers. Das ist nicht unnatürlich, sondern eine ganz normale Anpassung an die jeweiligen Gegebenheiten. Werde ich in Workshops gefragt, wie man eine Stelle findet, in der man 100 Prozent authentisch sein kann, dann sage ich gerne: „Wenn Sie vollständig authentisch handeln, dann würden Sie nicht einmal zum Vorstellungsgespräch erscheinen, denn das kostet Überwindung.“

Wenn Ihre Arbeit zu Ihnen passt, wird es Ihnen in den meisten Situationen gar nicht auffallen, dass Sie dabei eine bestimmte Rolle einnehmen. Haben Sie allerdings ständig das Gefühl, beobachtet zu werden oder nicht Sie selbst sein zu können, kann das durchaus eine Warnung sein. Können Sie mit Ihrer Chefin oder einem vertrauten Kollegen sprechen und Ihre Gedanken reflektieren? Vielleicht nehmen Sie Erwartungen an Ihre Person wahr, die gar nicht existieren? Oder befinden Sie sich bei einem Arbeitgeber oder in einer Position, der oder die nicht zu Ihnen passt? Dann nehmen Sie Ihr Bauchgefühl ernst und erkunden Sie, wo Sie mehr Sie selbst sein können. 

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

NCh 12/25 Was nur Menschen können

Ich liebäugelte im Jahr 2005 mit einer Diplomarbeit bei dem Neuberufenen unseres Instituts – als ich meinem Praktikumsbetreuer Jan davon erzählte, erntete ich Geringschätzung. „Gut, dann haust Du nach ein paar Standardsynthesen alles in den DNA-Synthesizer und bekommst ein paar Milligramm DNA raus. Und dann?“, raunte mich der erfahrene Doktorand an. Ich konterte, es gäbe spannende interdisziplinäre Fragen, die der frischgebackene Leibniz-Preisträger mit den kleinen Mengen DNA adressieren würde. Das sei richtig, erwiderte Jan, und „damit kann der neue Prof tolle Paper schreiben. Aber was bringt das für Deine Karriere?“ Zentrales Alleinstellungsmerkmal von Chemiker:innen sei doch: Außer ihnen kann niemand Moleküle und andere chemische Stoffe herstellen und charakterisieren.

Zeitsprung in die Gegenwart. Lange wurde darüber spekuliert, wie Künstliche Intelligenz (KI) unser Arbeitsleben verändern würde – seit drei Jahren zeigen ChatGPT und Co. die Realität. Nahezu alles, was sich leicht parametrisieren lässt, können diese Modelle mittlerweile viel besser als die schlauesten und erfahrensten Menschen. In Zeiten von KI stellt sich die Frage: Ist unser Alleinstellungsmerkmal als Chemiker:innen noch eines? Denn chemische Bindungen und Reaktionen lassen sich hervorragend parametrisieren.

Mit der Einführung von Bankautomaten wurden überraschenderweise mehr Banker:innen eingestellt: nicht als Geldzählende, sondern um zu beraten. Eine solche Aufwertung unserer menschlichen Arbeitskraft zeigt sich auch jetzt. „Ich spare mir mit ChatGPT so viel Zeit“, erzählt mir eine Bekannte, die als Ärztin arbeitet. Wechselwirkungen zwischen Medikamenten zu ermitteln war ein echter Zeitfresser für sie, bei dem eine KI helfen kann. Wie in vielen anderen Berufsgruppen kann eine KI Zeit generieren. Diese wirkt sich positiv auf Profitabilität und Patient:innenversorgung aus.

Die alte Weisheit war, dass High-tech- und High-touch-Berufe – also solche mit intensivem menschlichen Kontakt – schwer zu ersetzen sind. Chemiker:innen sind im High-tech Bereich nach wie vor wertvoll, da die Chemie so zentral zwischen allen naturwissenschaftlichen Disziplinen steht, dass sich mit ihr viele Brücken schlagen und neue Ideen entwickeln lassen. Auch diejenigen Chemiker:innen, die in ihrer Arbeit direkt mit Menschen umgehen, etwa in Verkaufs- oder Kommunikationsrollen, sind weiterhin schwer zu ersetzen.

Denken Sie also eher in Möglichkeiten als in Albtraumszenarien, wenn es um KI und die Zukunft der Arbeit geht. Und suchen Sie sich immer kreative, menschliche Alleinstellungsmerkmale.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

NCh 11/25 Von FOMO zu JOMO – Wissenschaft auf Social Media

Wissenschaft gehört ins Netz, das ist heute fast selbstverständlich. Studien zeigen: Arbeiten, die auf Social Media geteilt werden, werden häufiger zitiert. Plattformen wie Bluesky, LinkedIn und Co. bringen Forschung in den Blick von Journalist:innen, unterstützen die Öffentlichkeitsarbeit – und viele Förderorganisationen erwarten inzwischen, dass Forschungsverbünde dort präsent sind. Kurz gesagt: Wer Reichweite will und Fördermittel braucht, kommt an Social Media kaum vorbei.

Ein Post erzielt manchmal mehr Reichweite als ein Konferenzvortrag. Ein kurzes Laborvideo auf Instagram begeistert Kolleginnen und Laien gleichermaßen. Outreach wird messbar: Follower, Klicks, Likes, Shares. Und solche Zahlen lassen sich direkt im Förderantrag oder im Abschlussbericht verwenden.

Gleichzeitig gilt: Viele Forschende haben schlicht keine Lust auf Social Media. Und wer es doch versucht, merkt schnell: Es frisst Zeit. Dazu kommt die Fear of Missing Out (FOMO), die Wissenschaftler:innen genauso erwischt wie alle anderen. Relevante Reichweite entsteht nicht über Nacht. Sichtbarkeit erfordert Interaktion – Antworten, Kommentare, Diskussionen – und damit viel Zeit. Wer erst mühsam über Jahre eine Anhängerschaft aufbauen muss, steckt schnell mehr Energie ins Scrollen als ins Forschen. Social Media fühlt sich dann an wie ein Zweitjob. Nur dass der eigentliche Job, nämlich Experimente, Manuskripte und Anträge, liegen bleibt.

Aber es gibt eine gute Nachricht. Niemand muss alles allein machen. Und man kann Menschen über Social Media erreichen, ohne selbst auf jeder Plattform aktiv zu sein. Viele Universitäten und Forschungsverbünde betreiben eigene SocialMedia-Kanäle. Einfach die Publikation weitergeben – und das zuständige Team übernimmt die Sichtbarmachung. Oder es gibt jemanden auf der Autor:innenliste, die bereits aktiv ist und die Arbeit gerne teilt. Und wer mit seiner Forschung eine weniger spezielle Öffentlichkeit erreichen will, kann die Reichweite anderer nutzen: Wissenschaftsinfluencer:innen mit tausenden Followern suchen laufend nach Ideen. Inhalte im Tausch für Reichweite – ein klassisches Win-Win.

Sorgen Sie dafür, dass Ihre Forschung jenseits des Elfenbeinturms wahrgenommen wird. Nichts muss, alles kann. Sie können also durchaus Ihre Vorlieben einfließen lassen, und genau das kann diese Kommunikationskanäle ansprechend machen. Lassen Sie sich dabei nicht von der Angst stressen, etwas zu verpassen (FOMO), sondern genießen Sie auch die Joy of Missing Out (JOMO). Sie entscheiden, was Sie mit Ihrer Zeit anstellen – und das umfasst Entschleunigung durch konzentrierte Forschungsarbeit.

Karin Bodewits, k.bodewits@naturalscience.careers 

NCh 10/25 Die Zuhörerin ist Königin

In einem Präsentations-Workshop schauen wir uns Valters‘ Präsentation an, die er für sein Industriepraktikum erstellt hat. Er präsentiert lebhaft und anschaulich, seine Folien widersprechen allerdings dem, was wir im Workshop besprochen haben. Vorsichtig erkundige ich mich: „Mussten Sie ein Templat verwenden oder haben Sie das selbst entworfen?“ „Das ist das Corporate Design der Firma“, antwortet er, „cute but useless.“

Auf den ersten Blick sind die Folien recht ansprechend: Nicht überladen, die Farben harmonieren, es gibt sogar einheitliche Symbole für Standardprozesse.

Zum Corporate Design gehört ein breites, beigefarbenes Band im Folienhintergrund – eine Schwachstelle des Templats. Das Band sieht unschuldig aus, es zieht sich unauffällig durch die linke Hälfte der Folie. Aber es ist nicht nur Hintergrund: Werden Elemente darüber gelegt, verliert man Kontrast. Spart man das Band aus, bleibt nur die rechte Hälfte der Folie für Information.

„Was ist die Funktion der Titelfolie?“, leite ich zu meinem zweiten Kritikpunkt über. „Ich muss darin alle beteiligten Personen und Abteilungen nennen sowie die Logos der betroffenen Produkte zeigen.“ Valters macht keinen Hehl daraus, dass ihn das Templat stört. Der gesamte Inhalt des Titels kann in die Danksagung, die zweitletzte Folie. Die letzte Folie sollte die Zusammenfassung sein, um eine Diskussion zu katalysieren.

„Auf allen Folien befindet sich das Firmenlogo oben links. Was wäre eine bessere Position dafür?“, frage ich in die Runde. Annas Finger schießt in die Höhe: „Nach allem, was wir bislang diskutiert haben, nehme ich an, der Mülleimer.“ Nicht schlecht – und geht das nicht, könnte die Danksagungsfolie ein Kompromiss sein. Es ist eine gängige Sünde von Templaten, die prominenteste Position jeder einzelnen Folie mit einem redundanten Logo zu tapezieren.

Alle Probleme, die ich anspreche, zeigen dasselbe: Die Organisation stellt sich selbst in den Mittelpunkt statt der Zuhörenden. Wenn Sie Ihren Zuhörer:innen dienen wollen, dann lassen Sie allen Corporate Nonsense einfach weg. Eine Überschriftenfarbe, die im Logo vorkommt, ist subtiler und völlig ausreichend, um sich abzuheben.

Als Präsentierende sind wir oftmals gezwungen, schlechte Template zu verwenden. Wir können für Änderungen eintreten, doch liegt die Hauptverantwortung bei den Kommunikationsabteilungen: Fokussiert Euch auf die Zuhörer:innen.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

NCh 09/25 Die Kaugummi-Rezession

Die Rezession, in der sich Deutschland befindet, ist kein Crash wie nach der Lehman-Pleite. Dafür zieht sie sich scheinbar endlos lang wie ein Kaugummi. Immer mehr Nachwuchswissenschaftler:innen reagieren auf die realen und erwarteten wirtschaftlichen Schwierigkeiten, indem sie den mittelfristig sicheren Hafen „Postdoc“ anstreben. Denn die Gelder in den Forschungsbudgets sind für mehrere Jahre vergeben, was sie als Fels in der Brandung erscheinen lässt.

Ob es in zwei Jahren rosiger aussehen wird als heute, ist nicht vorherzusagen. Die Postdoc-Taktik könnte also das Problem bloß verschieben. Sollten Sie den Postdoc-Weg wählen, dann bitte nur, wenn Sie währenddessen aktiv an vermarktbaren Fähigkeiten und einem breiten Netzwerk arbeiten.

Sich in den vermeintlich sicheren Postdoc zu begeben ist nicht die einzige Option. Es gibt ein paar Stellschrauben, an denen wir ansetzen können, um in einem zusehends kompetitiven Arbeitsmarkt zu bestehen: Bekanntheit des Arbeitgebers, Standort und Ihr Tätigkeitsfeld.

Die Größe und damit eng verbunden die Bekanntheit der Arbeitgeber ist der dominante Faktor, der bestimmt, wie viel Konkurrenz Sie haben. Einer meiner Kollegen arbeitete für ein mittelgroßes Biotech-Unternehmen. Als ein großer Konzern dieses aufkaufte, explodierten die Bewerbungszahlen quasi über Nacht – und das, obwohl durch diese Eingliederung die Gehälter sanken. Für kleinere Firmen spricht zudem, dass hier das größte Stellenwachstum stattfindet.

Der zweite Faktor ist die Geografie. Metropolregionen und dortige Arbeitgeber sind beliebt bei jungen Bewerbenden. Erwägen Sie, wie groß der geografische Radius ist, in dem Sie suchen.

Die dritte Stellschraube ist die Tätigkeit. Sie haben einen wissenschaftlichen Abschluss, also liegt eine Research-andDevelopment-Position nahe. Das denken die meisten, weshalb diese Jobs oft umkämpft sind. Ermitteln Sie, warum Sie sich zu solchen Positionen hingezogen fühlen. Schätzen Sie beispielsweise die intellektuelle Stimulation oder die Freiheit bei der wissenschaftlichen Arbeit? Schauen Sie sich unvoreingenommen den Arbeitsmarkt an, und suchen Sie nach allen Stellen, die Ihnen dies bieten können.

Hinterfragen Sie, ob Ihre Stellensuche tatsächlich Ihre eigenen Interessen spiegelt. Wenn Sie nicht über Ihre eigenen Wünsche reflektieren, dann suchen Sie Ihr Glück dort, wo die meisten anderen das auch tun.

Karin Bodewits, k.bodewits@naturalscience.careers

NCh 07-08/25 Nach vorne schauen

In einem Workshop zum Thema Netzwerken schauen wir uns zuerst Profile in professionellen sozialen Medien wie LinkedIn an. Danach will ich wissen, welche Netzwerkaktivitäten die Teilnehmenden sonst noch verfolgen. Zum Schluss erkundige ich mich, wohin sie sich nach Promotion oder Postdoc entwickeln möchten. Yannis ergreift das Wort: „Ich will gerne direkt nach der Promotion in die chemische Industrie.“

Yannis hat in seinem LinkedIn-Profil seine bisherigen Erfahrungen nachvollziehbar und verständlich beschrieben. Er besucht Konferenzen, die ihm seine Chefin empfiehlt. Dort stellt er dem Fachpublikum die Ergebnisse seiner Forschung vor.

„Sie zeigen, was Sie bislang getan haben, aber nicht, wohin Sie sich entwickeln möchten“, sage ich. Und damit ist er kein Einzelfall. Die meisten Teilnehmenden gehen genauso vor wie er.

In den sozialen Medien und in unseren Bewerbungsunterlagen können wir uns so beschreiben, dass wir für die gewünschten Netzwerkpartner:innen und Arbeitgeber relevant und auffindbar werden. Ein Open-to-work-badge über dem Profilbild reicht da nicht. Ein Beispiel: Sarah wollte nach einem langen Postdoc in die Industrie wechseln. Während des Postdocs hat sie für ihren Betreuer vorbereitende Arbeiten für eine Ausgründung gemacht. Anstatt diese in ihren Augen erfolglose Erfahrung unerwähnt zu lassen, könnte sie sie im Lebenslauf für Bewerbungen und in sozialen Medien beschreiben: „Machbarkeitsstudie einer Ausgründung der Arbeitsgruppe Prof. Mayer“. Denn an ihrem Profil sieht man zwar sofort, dass sie wissenschaftlich fit ist. Arbeitgeber aus der Industrie interessieren sich allerdings eher dafür, ob sie auch in einem nichtakademischen Umfeld funktionieren kann, und freuen sich, wenn Sarah diesen Erfahrungen mehr Platz einräumt.

Auch bei den Aktivitäten innerhalb Ihres Netzwerks haben Sie Freiheiten, was Sie wie machen. Sind Sie an Kooperationen mit der Industrie interessiert? Dann suchen Sie nach Konferenzen oder anderen Netzwerk-Events, bei denen sich Delegierte aus Hochschule und Industrie treffen. Wollen Sie dort jemand Bestimmtes treffen? Dann suchen Sie vorab nach Überlappungen mit anderen Delegierten. Teilen Sie Interessen mit Ihrer Zielperson, die Sie als Startpunkte für eine Unterhaltung nutzen können? Gibt es jemanden in Ihrem Netzwerk, der oder die Sie mit dieser in Kontakt bringen könnte?

Mit etwas Überlegung, Vorbereitung und Kreativität können Sie die Entwicklung Ihres Netzwerks aktiv steuern und auf Ihre persönlichen Ziele ausrichten.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

NCh 06/25 Kernelement Kontext

„Hey Papa, kennst Du die dümmste Aussage aller Zeiten?”, fragt mich einer meiner Söhne am Abendessenstisch. Bevor ich meine Vermutungen äußern kann, schießt es aus ihm heraus: „100 ist eine große Zahl.” Meinen verdutzten Gesichtsausdruck quittiert er mit einem triumphalen Grinsen. Ich entgegne: „Wenn ich einen Tipp abgeben darf, vermute ich, dass es nicht die allerblödeste Aussage der Welt ist. Allerdings ist es von den saublöden Aussagen eine der häufigsten.“

Am Nachmittag vor diesem Gespräch habe ich einem Wissenschaftler eines namhaften Pharmaunternehmens Feedback zu seiner Präsentation gegeben. Als wir zur unumgänglichen Wow-Folie der betrieblichen Selbstpräsentation kamen, dachte ich: „Nicht schon wieder!” Warum? Zielgruppe der Präsentation waren Absolvent:innen, deren Interesse am Unternehmen geweckt werden sollte. Die Folie enthielt eine Reihe großer Zahlen ohne Kontext, etwa: „5 Mrd. Euro Forschungsbudget”. Wenngleich dieser Betrag riesig klingt, sagt er erstmal nichts. Im Beratungsgespräch erarbeiteten wir, wie sich diese Zahl zum Leben erwecken lässt. Wie viel Prozent des Umsatzes gehen in die Forschung, wie hoch ist dieser Prozentsatz verglichen mit dem der Konkurrenz? Mit diesen Informationen können auch Nicht-Expert:innen etwas anfangen.

Mein Sohn hatte mit seiner kindlichen Naivität – oder seinem intuitiven Gespür – erkannt: Zahlen ohne Kontext sind sinnlos. Das zeigt sich in allen Lebensbereichen. So sterben in Deutschland 100 000 Vögel jährlich durch Kollisionen mit Windrädern. Das klingt nach viel, doch gehen Schätzungen zufolge tausendmal mehr Vögel durch Hauskatzen drauf. Und die tragen nicht zur Energiewende bei.

Bewerben Sie sich auf eine Stelle, liebt es insbesondere die Privatwirtschaft, wenn Sie Ihren Wert in Zahlen ausdrücken. Hier sollten Sie abschätzen, wer Ihre Bewerbung liest, und im Zweifelsfall lieber mehr Kontext liefern. Stellen Sie sich einfach vor, ein Zwölfjähriger würde Ihnen über die Schulter schauen, während Sie Ihren Lebenslauf schreiben: Wenn Sie beschreiben, wie Sie durch Ihre Ideen die Abläufe in einem Projekt um zwei Monate beschleunigen konnten, dann kommen Sie damit durch. „Verkauf von Waren im Wert von 10 Mio. Euro” hingegen würde den Test nicht überstehen.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

NCh 05/25 Keine Nabelschau

„Bevor wir nach einer konkreten Stelle suchen, müssen wir erstmal uns selbst analysieren”, beginne ich in einem Karriereworkshop das Thema Introspektion. Einige Teilnehmende wirken neugierig, andere nicht. „Habe ich als 30-Jährige wirklich eine ausführliche Nabelschau nötig?”, fragt Ezra schmunzelnd.

Bei einem anderen Workshop behauptete Oskar gleich zu Beginn: „Ich kenne mein Ziel, ich will Patentanwalt werden.” Auf Nachfrage erklärte er, er genieße intellektuelle Herausforderungen und präzisen Sprachgebrauch – dies würde gut mit den Anforderungen an einen Patentanwalt übereinstimmen. Im Workshopverlauf stellte sich bei seiner Introspektion heraus: Er kann am besten denken, wenn er mit Kolleg:innen diskutiert. Selbstverständlich tauschen sich auch Patentanwält:innen untereinander aus, doch das macht nur einen kleinen Teil ihrer Arbeitszeit aus. Der Rest findet allein statt. Oskar musste sich die Eignung für seinen scheinbaren Traumberuf noch einmal durch den Kopf gehen lassen.

Wenn Naturwissenschaftler:innen lange brauchen, um ihren ersten Job zu bekommen, dann liegt das nicht an einer schwachen Bewerbung oder schüchternem Auftreten im Vorstellungsgespräch. Stattdessen fehlt fast immer eine Reflexion über die eigenen Ziele und Stärken.

Durch eine solche Introspektion werden Sie sich Ihrer eigenen Wünsche bewusst. Denn oft übernehmen wir die Ideen charismatischer Personen, deren Urteil wir kritiklos aufnehmen. Dann folgen wir aber deren Vision, nicht unserer.

Wenn Sie sich über Ihre Wünsche im Klaren sind, dann können Sie Ihre Hingabe an die Position besser beschreiben. Ohne diese Klarheit klingen viele Bewerbungsschreiben, als hätte ChatGPT die Anforderungen aus der Stellenanzeige in ein Anschreiben umformuliert.

Die Einflüsterungen der Außenwelt haben den Nachteil, dass Sie sich auf ausgetretene Standardpfade begeben. Doch was passiert, wenn Sie sich auf dieselbe Art von Stellen in denselben Organisationen an denselben Orten wie die meisten Ihrer Konkurrent:innen bewerben? Richtig. Sie werden einen schweren Stand haben, in diesem überfüllten Teil des Arbeitsmarktes hervorzustechen.

Eine Selbstanalyse durchzuführen, bevor Sie sich bewerben, ist weder Nabelschau noch Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für unterbeschäftigte Workshop-Leitende. Es ist ein zentraler Schritt, um Ihre Stellensuche nach Ihren eigenen Wünschen und Stärken auszurichten.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

NCh 04/25 Aus Bahnstreiks lernen

In einem Coaching sitzt mir Magda gegenüber, die gerade dabei ist, eine Stelle als Produktionsleiterin anzunehmen. Sie erzählt von der bevorstehenden Verhandlung mit ihrer Chefin: „Sie ist eine harte Person, und ich glaube nicht, dass sie nachgeben wird.” Magdas Wechsel in die Produktion würde eine Änderung des Arbeitsvertrags bedeuten, denn sie müsste in Notfällen auch nachts reinkommen. Magda wünscht sich als Gegenleistung einen Tag Homeoffice pro Woche – nicht die einfachste Ausgangslage.

Ich zeige ihr einige Lowlights der letzten Bahnstreiks. Bahnchef Weselsky begann die Eskalation mit unflätigen Beleidigungen. Die Arbeitgeberseite weigerte sich, vor Auslaufen des alten Tarifvertrags mit den Verhandlungen zu beginnen – nach der Inflationswelle eine schmerzhafte Verzögerung für die Arbeitnehmer:innen. Die Arbeitnehmerseite wiederum wollte nicht hinter verschlossenen Türen verhandeln, was gegenseitige Zugeständnisse erschwerte.

„Auch wenn Sie in Ihrem Fall keine Beleidigungen erwarten müssen: Es wäre interessant zu verstehen, warum Ihre Chefin so hart auftritt”, beginne ich den Transfer zu Magdas Fall. Sie überlegt kurz und sagt dann: „Das Management macht ihr enormen Druck, und die Personalabteilung ist generell skeptisch gegenüber Home Office.” Mir fällt auf: Magda hat andere Worte gewählt als eingangs, nämlich „schwieriges Umfeld” statt „harte Person”. Wer sich in die andere Person hineinversetzt, fokussiert sich auf deren Verhalten und nicht auf vermeintliche Charakterschwächen.

Mit einem frühen Verhandlungsbeginn hätte die Bahn AG auf die Arbeitnehmerseite eingehen können, ohne die eigene Verhandlungsposition zu verschlechtern. „Gibt es etwas, das Sie Ihrer Chefin geben könnten, ohne dass es Ihnen weh tut?”, will ich von Magda wissen. Sie nickt. „Selbstverständlich würde ich der Vertragsänderung zustimmen, wenn ich Verantwortung in der Produktion übernehme, aber nicht umsonst.” Ich frage weiter: „Und andersherum: Gäbe es für Ihre Chefin Vorteile, wenn Sie gelegentlich von zu Hause aus arbeiten?” „Klar. In der Produktion geht es zu wie im Hühnerstall, da kann ich nicht ruhig arbeiten, wenn ich etwa einen Bericht schreiben muss. Das geht zu Hause deutlich besser.”

Die Verhandlungstaktik scheint nun klar: Magda wird erstmal allein mit ihrer Chefin sprechen. Sie wird fragen, was das Management von dieser erwartet. Dann werden beide gemeinsam überlegen, wie sie zu einer Win-win-Situation kommen, die dann als Gesamtpaket der Personalabteilung präsentiert wird.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

NCh 03/25 Nur für Muttersprachler:innen

In einem Bewerbungsworkshop demonstriere ich mit der Amerikanerin Faye den klassischen Einstieg eines Vorstellungsgesprächs: „Tell me a bit about yourself.” Sie antwortet wie aus der Pistole geschossen: In 60 Sekunden erfahren wir die Höhepunkte ihres Bildungswegs, ihre Motivation, sich zu bewerben, sowie ihren Mehrwert für den fiktiven Arbeitgeber. Die anderen Teilnehmenden sehen beeindruckt aus, aber auch ein wenig besorgt. Andreas fasst seine Gedanken zusammen: „Würden wir um dieselbe Stelle konkurrieren, könnte ich einpacken – ich könnte den Arbeitgeber nie so stark überzeugen.” 

Faye hat gute Arbeit geleistet. In den USA gehören solche kurzen Selbstvorstellungen zum Schulstoff – klar, dass sie so flüssig vorträgt. Dennoch: Für die Mitbewerbenden in der fiktiven Situation wäre noch nichts verloren. 

Faye hat sich in ihrer Muttersprache präsentiert, sie spielte ein Heimspiel. Das ist gleichzeitig Segen und Fluch. Wir alle sind ruhiger, wenn wir die Sprache sprechen dürfen, mit der wir aufgewachsen sind. Denn Muttersprachler:innen müssen weniger mentale Energie aufwenden, um die richtigen Worte zu finden. Sehr flüssig zu sprechen kann aber auch dazu führen, dass die Zunge schneller ist als der Geist.1) In Diskussionen kann das impulsive (Re-)Aktionen bewirken, bei einem Vortrag eine überhöhte Sprechgeschwindigkeit. Ihre Worte erst finden zu müssen, kann also durchaus ein Vorteil sein. Das ist meistens der Fall, wenn Sie sich in einer Fremdsprache ausdrücken. 

Ich frage in die Runde: „Haben Sie alles verstanden, was Faye gesagt hat?” „Ihr Englisch ist natürlich sehr gut”, antwortet Felix. „Dennoch finde ich es einfacher, das Englisch von jemandem zu verstehen, der kein Muttersprachler ist.” Er hat sich in der letzten Kaffeepause mit dem Niederbayern Andreas unterhalten – dessen Dialekt war für den gebürtigen Flensburger Felix schwierig zu verstehen. Im Gegensatz dazu ist Andreas‘ starker deutscher Akzent, wenn er Englisch spricht, zwar nicht schön anzuhören, aber sehr leicht zu verstehen. 

Wenn Sie in einer Fremdsprache sprechen, muss das für Sie also kein Nachteil sein: Eine mühsamere, dafür aber unter Umständen sorgfältigere Wortwahl und vielleicht sogar bessere Verständlichkeit spielen Ihnen in die Karten.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

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zuletzt geändert am: 03.02.2026 06:52 Uhr von A.Miller