Karrierekolumne

Karrierekolumne aus den "Nachrichten aus der Chemie"

Philipp Gramlich und Karin Bodewits sind Gründer von Natural Science Careers – ein Unternehmen für Karriereberatung und Soft-Skill-Seminare für Naturwissenschaftler. Für die Nachrichten aus der Chemie schreiben beide über Beobachtungen aus ihrer Beratungstätigkeit.

 

Heft 03/21 Geht es nur darum, wen Sie kennen?

Wir haben gerade unser Netzwerkseminar damit begonnen, dass die meisten Jobs in der Wissenschaft und außerhalb über das persönliche Netzwerk vergeben werden. Menschen zu kennen ist der Schlüssel zum Erfolg, sagte ich. „Es stört mich“, grummelt Max, „dass es nur darum geht, wen du kennst.“ „Ich gebe zu, einige Dampfplauderer kommen leider ziemlich weit, wenn sie die richtigen Leute kennen. Aber die meisten nutzen eine Kombination aus Netzwerk und Fachwissen, um an die Spitze zu gelangen,“ tröste ich ihn. 

Ein Beispiel ist Paul Erdös. Er war Mathematiker und die vermutlich schrulligste Netzwerkikone in der Geschichte der Wissenschaft. Erdös arbeitete mit über 500 Forschern zusammen und publizierte dadurch in einem Jahr mehr als die meisten Forschenden in ihrem gesamten Leben. Mathematische Probleme zu lösen war für ihn eine soziale Aktivität. Erdös war großartig in Mathematik und eine Person, die andere Wissenschaftler besser machen wollte. Er ermutigte sie und half ihnen. Paul Erdös war aber auch eigenartig. Das Time Magazine betitelte ihn als „The Oddball‘s Oddball“. Erdös erschien ohne Vorwarnung vor der Haustür anderer Mathematiker – in schmutzigem Regenmantel und durch Amphetamine aufgedreht. Für einen Tag, eine Woche oder einen Monat mussten sich seine mehr oder minder freiwilligen Gastgeber um diesen hilflosen Gast kümmern. Er kochte nicht, und seine Unterhosen wusch er auch nicht selbst. Hatte er mitten in der Nacht plötzlich Lust auf Mathematik, weckte er seine Gastgeber, indem er auf Töpfe und Pfannen schlug. 

„Stellen Sie sich vor, Erdös wäre nicht besonders gut in Mathe gewesen. Er würde – ohne Vorwarnung – an Ihre Tür klopfen und Sie mitten in der Nacht wecken, um Rechnungen durchzuführen. Außerdem würde er Sie bitten, für ihn Essen zu machen und seine Wäsche zu waschen. Würden Sie sein Verhalten ertragen?“ Max fängt an zu lachen. „Wahrscheinlich nicht“, antwortet er. „Genau. Erdös war brillant, er hatte etwas zu bieten. Deshalb tolerierten die Leute diesen wunderlichen Charakter.“ 

Auch Sie müssen etwas zu bieten haben. Erarbeiten Sie sich Wissen und Fähigkeiten, die Sie einzigartig machen. Verlieren Sie dabei nicht den Willen, nicht nur sich, sondern auch Andere weiterzubringen. Das erleichtert das Netzwerken. Denn es geht nicht nur darum, wen Sie kennen. Es geht auch darum, was Sie wissen.

Karin Bodewits, k.bodewits@naturalscience.careers

Heft 02/21 Geht es nur ums Geld?

In einem Karriereseminar für Promovierende besprechen wir verschiedene Berufsbilder. „Ich habe gehört, in der Industrie geht es nur ums Geld. Stimmt das wirklich?“, meldet sich Raffael zu Wort. „Ja, natürlich, um was denn sonst?“, entgegne ich mit gespielter Naivität. Alle Organisationen haben ihre eigenen Erfolgskriterien. In der Industrie ist Geld das dominante Erfolgskriterium. „Wie sieht es denn bei Ihrer Doktormutter aus?“, hake ich nach. „Wonach strebt sie?“ „Veröffentlichungen“, antwortet Raffael nach kurzer Denkpause, „was denn sonst?“, wobei er mich bei den letzten drei Worten nachahmt. 

Wenn wir betrachten, ob eine Organisation zu uns passt, müssen wir deren zentrale Erfolgskriterien kennen und entscheiden, ob diese zu uns passen. Allerdings sind voreilige Schlüsse zu vermeiden. Das Erfolgskriterium Geld bedeutet nicht automatisch Turbokapitalismus oder Ausbeutung. Genauso wenig ist das Erfolgskriterium Publikationen mit idealistischem Streben nach Wissen gleichzusetzen. Es kommt immer darauf an, wie genau dieser Erfolg im konkreten Fall erreicht werden soll: mit oder ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt. Publikationen können genauso auf einem Götzenaltar stehen wie Geld. 

„Es gibt doch noch andere Arbeitgeber als Hochschule und Industrie“, wirft Sandra ein. Ich pflichte ihr bei, aber entgegne, dass wir auch hier dieselben Betrachtungen anstellen. Der öffentliche Dienst erhält seine Aufgabe – und damit seine Erfolgskriterien – von den übergeordneten Stellen, etwa den Ministerien. Es geht darum, mit Steuergeldern einen Dienst an der Gemeinschaft zu verrichten. So weit, so idealistisch. Jede Organisation strebt allerdings auch nach Selbsterhalt. Im schlimmsten Fall kämpft dann Bürokratie gegen Modernisierung. 

Letzter Versuch von Raffael: „Gemeinnützige Organisationen. Das Erfolgskriterium ist Gutes tun. Was ist dabei die negative Seite?“ Hier ist es wieder der Klassiker Selbsterhalt. Der zeigt sich dann, wenn NGOs Spendengelder mit rührseligen, aber irrelevanten Themen einwerben. 

Potenzielle Arbeitgeber zu verstehen, ist mehr Arbeit als gedacht. Dadurch ergeben sich aber immer wieder Entdeckungen. Idealistische Ziele lösen sich vielleicht in Nichts auf. Und das Ziel, Geld zu verdienen, muss nicht automatisch zu herzlosem Materialismus führen.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 12/20 Kein Kolloquium

Ein Online-Bewerbungstraining. Gemeinsam versetzen wir uns in das unterhaltsame Szenario, dass wir in einem Vorstellungsgespräch für eine Stelle sitzen, die wir absolut nicht haben wollen. „Wie können wir das so richtig versemmeln?“, frage ich in die Runde. 

„Momentan ist ja alles virtuell, da gibt‘s eine ganze Reihe Fallstricke“, prustet Franziska heraus. „Kamera oder Gesicht zu hoch oder zu tief, da sieht man gleich aus wie Hannibal Lecter oder wie ein einziges großes Nasenloch!“ Das gemeinsame Gelächter erzeugt weitere Ideen. „Start negative, end negative, ein Klassiker zum genussvollen Vermiesen aller Gespräche!“, ist die nächste Idee. Einwürfe wie „Schimpfen über die Deutsche Bahn zum Einstieg, dann über das Wetter bei der Verabschiedung“ folgen. „Lange und superspezifische Monologe wie im Promotionsvortrag“, „Weder Augenkontakt noch Lächeln“ sowie das „Fragen nach der Verfügbarkeit von Spargelgerichten in der Kantine“ fliegen durch den virtuellen Raum.

Ich leite den zweiten Teil ein: „Wir sind nach fünf Minuten bereits fast fertig mit dieser Übung. Nun müssen wir all Ihre Ideen nur noch ins Positive drehen und ordnen, schon sind wir fertig mit unseren Regeln und Tipps.“ Nach kurzer Zeit haben wir die wichtigsten Eckpunkte zusammengefasst: 

Zur Begrüßung ein freundlicher Small Talk, nichts stört in dieser Phase mehr als das Fixieren auf Probleme. Sehr oft dürfen Sie zum Einstieg erstmal frei reden, die Aufforderung ist „Erzählen Sie von sich“. Ein knapper Abriss Ihrer Motivation ist hier gefragt, Sie brauchen nicht Ihr gesamtes Leben und Leiden ausbreiten. 

Die meisten Fragen können Sie vorhersehen. Bei Motivationsfragen sollten Sie erklären können, warum Sie in Ihrem Lebenslauf von A nach B gekommen sind. Standardfragen können Sie im Internet nachsehen und für sich selbst oder im Freundeskreis üben. Werden Sie etwa nach Ihren Stärken gefragt, dann ist nicht Selbstlob gefragt; legen Sie einfach die Fakten auf den Tisch und überlassen Sie die Bewertung der Gegenseite. Bei Fragen nach Schwächen geht es hingegen darum, wie Sie damit umgehen und ob Sie sich trauen, diese zuzugeben

Vorstellungsgespräche sind idealerweise freundliche, professionelle und zielgerichtete Kennenlerngespräche. Um sich vorzubereiten, brauchen Sie lediglich ein wenig Zeit und Ruhe.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 11/20 Vorbereitung ist machbar

In einem Karriereseminar kündige ich an, dass wir in das Thema Vorstellungsgespräche einsteigen. „Cool, das unfairste Format seit Einführung der Gladiatorenkämpfe“, platzt Pepijn heraus. „Danke für den Hinweis. Wie kommen Sie zu Ihrem Urteil?“ hake ich nach. „Ganz einfach“, schnaubt er in sein Mikrofon, „die können meinen Lebenslauf nach Belieben durchforsten, meine Referenzen befragen und sich so für das Gespräch rüsten. Ich hingegen finde auf deren Homepage nur Allgemeinplätze.“

Beim Vorstellungsgespräch, meist der ersten persönlichen Begegnung zwischen Arbeitgebern und Bewerbenden, wollen beide Seiten gut vorbereitet sein und damit einen positiven Eindruck hinterlassen. Für Bewerbende gibt es eine Reihe an Möglichkeiten, mehr über die andere Seite zu erfahren, als vordergründig sichtbar ist. 

Eine einfache Suche im Internet ergibt erste Aufschlüsse. Auf der Firmenhomepage stehen natürlich Marketingtexte, dennoch liefert sie Eckpunkte für die weitere Suche, etwa Produkte oder Firmengeschichte. Spannender sind Texte wie wissenschaftliche Veröffentlichungen oder Patente des Arbeitgebers. Und schließlich: Was schreiben die Presse und Analysten über das Unternehmen?

Bei den meisten Unternehmen können Sie wirtschaftliche Daten einsehen. Je nach Gesellschaftsform müssen Firmen unterschiedlich detaillierte Zahlen veröffentlichen, die auch ohne Abschluss in Finanzbuchhaltung Einsichten gewähren. Ist etwa die Firma in einem Steuerparadies veranlagt, dann können Sie „Unsere Werte“ auf der Firmenhomepage gleich neu kalibrieren. Ist die Gewinnspanne gering, könnte es dem Unternehmen an Dynamik fehlen – Sie werden wenig Geld für Ihre Ideen bekommen. Eine hohe Gewinnspanne könnte bedeuten, dass das Quartalsergebnis wichtiger ist als langfristige Planung oder die Gesundheit der Belegschaft.

Die beste Informationsquelle sind Experten. Fragen Sie Menschen, die bereits bei dem Arbeitgeber oder in derselben Branche gearbeitet haben. Wenn Sie solche Kontakte über Ihr Netzwerk finden, sind die Erfolgsaussichten gut. Sie gewinnen Einblicke, die meist weit über die Selbstdarstellung im Internet hinausgehen. 

„Gut, damit ich kann mich vorbereiten, der Gladiator muss nicht nackt in die Arena. Aber viele der Fragen, die dann gestellt werden, sind doch doppelbödig. Da blicke ich nicht durch“, kommentiert Pepijn. „Das schauen wir uns als nächstes an“, schließe ich und läute eine Pause ein.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 10/20 Von der Gehalts- zur Vertragsverhandlung

In einem Seminar über Vorstellungsgespräche eröffnen wir den letzten Teil: Gehaltsverhandlungen. Die Grundlagen haben wir schnell erarbeitet. In der chemischen Industrie sind die Einstiegsgehälter recht einheitlich: Die meisten großen Arbeitgeber zahlen den großzügigen Chemietarif, die Kleineren liegen fast ausnahmslos 15 bis 20 Prozent darunter. Daran können Sie sich orientieren, wenn Sie Ihren Marktwert recherchieren. Sie fragen nach, studieren Gehaltsvergleiche und addieren zu Ihrem Marktwert fünf bis zehn Prozent, das ist dann Ihre Gehaltsvorstellung. Auf zwei Details müssen Sie dabei achten. Das erste: Gehaltsvergleiche enthalten manchmal Boni, manchmal nicht, die der GDCh sind immer all-inclusive. 

Das zweite Detail betrifft das Zielgehalt. Ich frage die Zuhörer, ob sie eine Zahl oder ein Intervall nennen. „Ein Intervall, das habe ich so gelesen“, antwortet Sofie. Ich entgegne: „Wenn Sie 65 000 bis 70 000 sagen, würde ich als Arbeitgeber die höhere Zahl gar nicht wahrnehmen, sondern Sie direkt von 65 000 auf meine Zielmarke runterhandeln.“

Von einem Unternehmen sollten Sie sich niemals mit Luft und Liebe bezahlen lassen; dennoch geht es bei Verhandlungen nicht nur um das Gehalt. Dazu ein Beispiel von einer meiner Gehaltsverhandlungen bei einer Beförderung: Meine Führungsverantwortung wurde um ein Produktionsteam im Dreischichtbetrieb erweitert. In meinem Arbeitsvertrag stand ursprünglich nichts von Nachtarbeit, doch würde ich im Notfall mein Team nicht im Stich lassen. Aber dieses Zugeständnis wollte ich meinem Arbeitgeber nicht schenken. Zudem wünschte ich mir einen Tag pro Woche im Home Office, die Flexibilität und die eingesparte Anfahrt erschienen mir attraktiv. Beide Elemente einzeln waren für jede Seite ein kleines Zugeständnis, aus dem die jeweils andere Gewinn ziehen konnte. 

Schauen Sie sich also bei Ihren Gehaltsverhandlungen an – idealerweise gemeinsam mit Ihrem Verhandlungspartner –, was für beide Seiten wertvoll sein könnte. Die Möglichkeiten reichen von Boni bis zu Fortbildungen oder Flexibilität in all ihren Formen. Im Idealfall legen beide Seiten erstmal Ideen auf den Tisch, ohne sich festzulegen. Dann können Sie diese Elemente kombinieren, bis Sie eine gute Situation erreicht haben. Gehaltsverhandlung ist dann ein zu enger Begriff, denken Sie lieber an Vertragsverhandlungen.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 09/20 Nur Jobs für Spezialisten?

Franz ist aufgelöst. Seine Partnerin hat ein Angebot für ihren Traumjob in den Niederlanden in der Tasche. Eine Fernbeziehung möchten beide vermeiden. Franz würde gerne für längere Zeit ins Ausland ziehen, doch hadert er mit seinen Bewerbungen – nach vielen Stunden Recherche hat er kein einziges Stellenangebot für Bioorganiker wie ihn gefunden: „In den Niederlanden sehe ich stets nur Stellen für Polymerchemiker oder Biotechnologen.“ 

Die anderen Teilnehmenden des Karriereseminars richten sich in ihren Bürostühlen auf und starren in ihre Webcams. Sie scheinen mit Franz zu fühlen oder sind gespannt, ob es für seinen Fall eine Lösung gibt. „Who the hell needs Polymerchemiker?“, entfährt es Brian, einem kanadischen Postdoc. Er ist vermutlich der extrovertierteste Mensch, dem ich jemals begegnet bin. „Weißt Du, Franz, die Hard Skills kannst Du lernen.“ 

Brian hat recht. Technisches Wissen können wir uns zügig aneignen, das macht uns Wissenschaftler aus. Es gibt zwar einige Positionen, die sehr spezielle und schwer zu erlernende Kenntnisse vom ersten Tag an erfordern, doch das sind Ausnahmen. Was wir nicht so leicht erlernen, sind die Soft Skills; es bedarf mehr als eines Kurses, um aus einem Befehlsempfänger eine Führungskraft zu machen. Noch schwieriger wird es, wenn Persönlichkeitsmerkmale fehlen. In diesen Fällen sollten Bewerbende wie Arbeitgeber die Finger von einer Zusammenarbeit lassen.

Warum fällt es Wissenschaftlern so schwer, ihre Passung an eine Stelle nicht nur über ihre fachliche Spezialisierung zu bewerten? Es liegt an der Ausbildung. Wir wurden an den Hochschulen in einem Umfeld großgezogen, in dem die rein technischen Fähigkeiten als einziger Erfolgsfaktor gelten. Nach Jahren des Studiums sind wir darauf konditioniert. Aus diesem Grund sieht sich Franz zuallererst als Bioorganiker und nicht als Wissenschaftler, der über ein breites Spektrum übertragbarer Fähigkeiten verfügt. Solche können Sie an verschiedenen Forschungsobjekten gleichermaßen erwerben. 

„Das wissenschaftliche Fachgebiet ist nur ein Kriterium unter mehreren. Schränken Sie Ihre Karriereoptionen dadurch nicht ein“, ergänze ich. „Bewirb Dich einfach!“, schließt Brian.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 07-08/20 Wettbewerb und Kooperation

Eine kurze Debatte zum Thema Netzwerken in einem Kurs für Doktoranden. Eine Hälfte der Teilnehmer soll die These „Netzwerken außerhalb meines Fachbereichs ist Zeitverschwendung“ verteidigen, während die andere Hälfte dagegen argumentiert. Als wir nach wenigen Minuten das Debattenformat verlassen, kommen eigene Meinungen zu Wort. Raffael will rasch einen Schlussstrich ziehen: „Ist doch klar. Je näher die Leute an unserem Thema arbeiten, desto eher lohnt es sich, Kontakt zu pflegen.“ Zustimmendes Nicken im Raum. 

Ich möchte das Thema noch nicht so schnell abschließen. „Rein von der Intensität her ist das einleuchtend.“ Ich zeichne konzentrische Kreise, im Mittelpunkt wir selbst, um uns herum im ersten Kreis unsere eigene Spezialisierung, dann im zweiten Kreis die anderen Naturwissenschaften, noch weiter außen dann andere Fachbereiche. Ich stimme der Gruppe zu, dass die Netzwerkintensität abfällt, wenn wir Fachbereiche betrachten, die weiter von unserem eigenen entfernt sind. „Welche Aktivitäten würden Sie in den jeweiligen Kreisen anstreben?“, frage ich in die Runde. Ich kann förmlich auf den Gesichtern lesen, dass sich überall der gleiche Gedanke formt: „Netzwerken halt.“ Schließlich meldet sich Theresa, eine Anorganikerin, die gerade erst mit der Promotion angefangen hat: „Bei dem inneren Kreis muss ich aufpassen, mich nicht zu verplappern, denn dort sitzt die Konkurrenz.“ Durch diesen Kommentar ändert sich die Haltung der anderen Teilnehmenden von abwehrend zu nachdenklich. „Bewertet werden wir meist von denen im inneren Kreis, in Auswahlgremien oder beim Peer Review unserer Anträge oder Publikationen“, fügt Raffael hinzu. Nach einigen weiteren Meldungen erhalten wir ein differenziertes Bild. 

Mit Leuten aus unserem eigenen Fachbereich sollten wir selbstverständlich Kontakt pflegen. Wir werden von ihnen bewertet, können uns von Wohlgesonnenen Rat holen und müssen taktisch denken, wenn es sich um Konkurrenten handelt. 

Aus der Netzwerkperspektive hat der zweite Kreis besonders interessante Leute zu bieten: unsere Kooperationspartner. Ich kenne das aus meiner eigenen Promotion. Die Arbeitsgruppe meines Doktorvaters konnte DNA redlich gut chemisch traktieren. Eine andere Gruppe aus demselben Spezialgebiet hätte uns nicht viel bieten können. Lohnenswert wurden Kooperationen dann, wenn unsere Moleküle Physikerinnen, Medizinern oder Biologinnen in die Hände fielen. 

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 06/20 Online und Offline

Die Covid-19-Pandemie zwingt uns zu Experimenten. So schmerzhaft diese Phase sein mag, sie bietet die Chance, Gewohnheiten zu hinterfragen. Man hört immer wieder Stimmen, die sagen: „Online kann nur eine Notlösung sein.“ Doch ein Zurück wird es nicht geben. Wer sich in eine scheinbare Vor-Corona-Idylle zurücksehnt, verkennt, wie stark die Krise in das Leben aller eingreift und wie sich in den nächsten Monaten Abläufe verändern werden. 

Zeitsprung: Wir schreiben das Jahr 2030. Die Coronakrise und damit der Lockdown zogen sich über Jahre, einen Impfstoff gab es erst 2024. Wir haben gelernt, uns selbst zu den komplexesten Themen in Telekonferenzen auszutauschen. Die Technik dafür erhielt einen Schub. „Für eine einzelne Besprechung in Mannschaftsstärke nach China fliegen? Das ist ja so 2019.“ Die Zeit und Energie für Anreise und Jetlag lassen sich besser nutzen, von Umweltaspekten ganz zu schweigen.

Ähnlich sieht es in der Lehre aus. Die ersten Gehversuche 2020 erscheinen in der Rückschau fast schon tragikomisch, die Internetleitungen wurden mit Aufzeichnungen von Vorlesungen vor leerem Hörsaal und verwackelten Videos verstopft. Als der Lockdown im Jahr 2025 beendet wurde, war die Lehre um viele Instrumente reicher. Gruppengröße, Lernvorlieben sowie private und berufliche Umstände können nun bei jeder Veranstaltung analysiert und berücksichtigt werden, sodass für jeden einzelnen Fall eine fein abgestimmte Mischung aus Präsenz-und Online-Inhalten möglich ist. Teilnehmende mit Pflege-Verpflichtungen? Dann kombinieren wir Abend-Webinare mit kompakten Präsenzveranstaltungen am Vormittag. Ein internationales Team soll sich zu einer mehrtägigen Veranstaltung treffen, um persönliche Kontakte aufzubauen? Dann bietet sich ein kompakter Workshop an einem Ort an, vorbereitet durch Online-Inhalte. Ohne den Zwang durch die Pandemie -wären wir wohl nie so weit gekommen. Zwei volle Tage in einem Seminarraum verbringen, bloß weil die Trainerin von weit her anreisen muss? Das kommt uns jetzt genauso veraltet vor wie einst der Vortrag auf Latein.

Selbstverständlich kann Online nicht alle Elemente persönlicher Interaktion abbilden. Aber Präsenzveranstaltungen können auch nicht alle Vorzüge von Online abbilden: darunter zeitliche und räumliche Flexibilität und die Möglichkeit, im eigenen Tempo zu reflektieren.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 04/20 Ehrlich und kritisch

Die Masterstudentin Vanessa hat ein Angebot einer Pharmafirma, dort ihre Abschlussarbeit anzufertigen. Außer wertvollen Erfahrungen erhofft sie sich dadurch insgeheim den Sprung in die Industrie auch ohne Promotion. Sie würde den Elfenbeinturm lieber heute als morgen verlassen, um die Welt da draußen zu erkunden. Die Entscheidung fällt ihr schwer. Daher unterhält sie sich mit ihrer Kommilitonin Tina. 
„Was genau würde denn passieren, wenn du die Stelle zur Masterarbeit annehmen würdest?“, erkundigt sich Tina. „Meine Profs wären sauer. Sie wollen das nicht,“ meint Vanessa. „Sie denken, ihnen werden nach fünf Jahren harter Betreuungsarbeit die Leute abgeworben.“ Tina muss schmunzeln, der Begriff Frondienst schießt ihr durch den Kopf. „Und, juckt dich das?“, fragt sie. „Es würde sich unangenehm anfühlen. Ich will keine verbrannte Erde zurücklassen“, antwortet Vanessa. „Ob du das durchziehst oder nicht, ist deine Entscheidung“, sagt Tina. „Professoren haben keinen Anspruch drauf, dass du jahrelang bei ihnen arbeitest. Das wäre ein Weg, der nicht zu dir passt.“ Vanessa atmet durch. Mit dem Vertrag des Unternehmens würde der Einfluss der Universität und der Hochschullehrer über sie schwinden. Und sie täte damit nichts Verbotenes.
 Vanessa nahm das Angebot für eine Masterarbeit in der Industrie an und erhielt im Anschluss eine Fest-anstellung. Mittlerweile ist sie – ohne Promotion – 
zur Teamleiterin aufgestiegen.

Egal, ob Sie vor schwierigen Entscheidungen mit einer Mentorin, einer Kollegin oder Ihrem besten Freund sprechen – damit diese Gespräche Denkprozesse in Ihnen auslösen, brauchen Ihre Gesprächspartner keine herausragenden Kompetenzen oder Qualifikationen, sondern nur zwei Eigenschaften: Ehrlichkeit und die Fähigkeit, den Status Quo kritisch in Frage zu stellen. So wie Tina mit ihrer entscheidenden Frage „Juckt Dich das?“ Solche Gespräche helfen, eine klare Sicht auf eine emotional aufgeladene Situation zu bekommen.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

GDCh-Karrierekalender
Berufsbilder vor Ort erleben!

Termine und Informationen hier

zurück zur Übersicht Links rund um den Arbeitsmarkt

zurück zur Hauptseite Karriere und Beruf

zuletzt geändert am: 16.03.2021 11:13 Uhr von A.Miller