Karrierekolumne

Karrierekolumne aus den "Nachrichten aus der Chemie"

Philipp Gramlich und Karin Bodewits sind Gründer von Natural Science Careers – ein Unternehmen für Karriereberatung und Soft-Skill-Seminare für Naturwissenschaftler:innen. Für die Nachrichten aus der Chemie schreiben beide über Beobachtungen aus ihrer Beratungstätigkeit.

 

Heft 02/24 Überqualifiziert

Karl steht am Ende seiner Promotion – und hat sich auf eine Stelle beworben, die für Master-Absolvent:innen ohne Berufserfahrung ausgeschrieben ist. „Warum finden Sie, dass das eine passende Stelle für Sie ist?”, will ich wissen. „Bei so einem Top-Arbeitgeber dachte ich, dass ich bei einer Stelle für niedriger qualifizierte Bewerbende mehr Chancen habe.” 

Etwa die Hälfte der Teilnehmenden unseres Workshops meint, Karl könnte mit seiner Taktik Erfolg haben. Dennoch gibt es Einwände: „Müssen sie Dir dann nicht trotzdem das Promovierten-Gehalt zahlen?”, fragt Maurice. „Und wärst Du überhaupt ein attraktiver Kandidat?”, erkundigt sich Julia.

Überqualifiziert zu sein senkt Karls Attraktivität für den Arbeitgeber, statt sie zu steigern. Die Frage wird aufkommen: Wird Karl sich nach einigen Monaten langweilen und das Unternehmen verlassen? Dann wäre womöglich der gesamte Einstellungs- und Einlernprozess hinfällig. Der Arbeitgeber wird sich sicherlich auch Gedanken machen, ob der Kandidat ein ängstlicher Charakter ist.

Der Fachkräftemangel ist inzwischen in der Chemieindustrie angekommen. Für die meisten Bewerbenden gibt es also keinen Grund, sich unter Wert zu verkaufen. Nur in wenigen Ausnahmen kann eine Bewerbung auf niedrigeres Niveau sinnvoll sein: bei einem Karrierebruch, Zuzug aus dem Ausland oder wenn – abgesehen vom Qualifikationsniveau – die Stelle außergewöhnlich gut zu Ihnen passt.

Bewerbungen als Überqualifizierte:r sind sehr schwer zu schreiben. Wie nehmen Sie dem Arbeitgeber die Angst, dass Sie schnell wieder abhauen, werden aber gleichzeitig als angemessen ambitioniert wahrgenommen? Zeigen Sie, was Sie an der Stelle reizt, was Sie trotz der Überqualifikation alles lernen können. Wie passt das zu Ihren bisherigen beruflichen Entscheidungen? Können Sie damit das Bild eines Mitarbeiters zeichnen, für den es in Ordnung ist, statt Entscheidungen zu treffen und Initiative zu ergreifen, einfachere Tätigkeiten auszuführen und dennoch – oder gerade deswegen – dem Team wertvolle Dienste zu leisten? Skizzieren Sie eine Wachstumsperspektive für Ihre berufliche Zukunft, die zu Ihrer Vergangenheit passt und dem Arbeitgeber zeigt, dass Sie die Stelle zumindest für einige Zeit mit Freude ausfüllen werden.

Übrigens: Ob der Arbeitgeber Sie gemäß Ihrer Qualifikation bezahlen muss, hängt davon ab, ob er dem Tarifvertrag unterliegt. Das ist also in der Regel nur bei den größeren Firmen der Fall, bei den kleineren ist es Verhandlungssache.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 01/24 Von klein nach groß

In einem Beratungsgespräch mit einer Doktorandin in der Bewerbungsphase besprechen wir Fragen, die im Vorstellungsgespräch kommen könnten: „Bei Ihrem Profil kann ich mir gut vorstellen, dass Sie gefragt werden, ob Sie sich vorstellen können, in einem anderen Bereich zu arbeiten.” Gewohnt schnörkellos antwortet sie: „Ich möchte an der Simulation von Katalysatoren arbeiten, idealerweise im Grenzbereich zwischen Hochschule und einer kleinen Firma.” Ich lasse eine Pause, und wir müssen beide lachen. „Ok, damit bekomme ich wohl Extrapunkte für ‚nicht flexibel‘”, resümiert sie schmunzelnd.

Mit Fragen wie dieser wollen Arbeitgeber sehen, dass Ihre Vorstellung von der eigenen beruflichen Zukunft nicht zu festgefahren ist – gleichzeitig aber auch, dass Sie wissen, was Sie wollen. Wenn Sie angeben, dass Sie für wirklich alles zu haben sind, nur um bei diesem Arbeitgeber einen Fuß in die Tür zu bekommen, dann nimmt er Sie als verzweifelt wahr.

Meine Gesprächspartnerin konzentriert sich und macht einen zweiten Versuch. „Am Anfang meiner Doktorarbeit habe ich im Labor gearbeitet, was mir Spaß gemacht hat. Ich finde es sehr wichtig, Kontakt mit den experimentell arbeitenden Kolleg:innen zu halten. Wir simulieren schließlich ihre Experimente.“ Neulich habe sie mal wieder im Labor vorbeigeschaut, um mit einem Kollegen zu sprechen, erzählt sie. „Er zeigte mir eine Übergangsmetalllegierung, die golden glänzte. Ich hatte eine silbrige Farbe erwartet und erfuhr im Gespräch, dass sich die Farbe durch relativistische Effekte erklären lässt.“ Eine entscheidende Info für sie: „Das war wichtig für meine Simulationen – werden diese Effekte weggelassen, dann stimmen meine Modelle nicht mehr. Ich könnte mir durchaus vorstellen, in Zukunft wieder näher ans Labor zu rücken.”

Ich bin baff. Diese Antwort ist in vielerlei Hinsicht besser als die erste: Die Doktorandin erklärt ihr Interesse an der Simulation und gibt im gleichen Atemzug an, in welche Richtungen sich ihr Interesse plausiblerweise in Zukunft entwickeln könnte. Das tut sie anhand eines realen und gut nachvollziehbaren Beispiels, das sie als interessierte und selbstkritische Wissenschaftlerin darstellt.

Wenn Sie etwas erklären möchten, dann ist es für die Zuhörenden verständlicher, wenn Sie mit einem konkreten Beispiel einsteigen. Darauf basierend können Sie dann die allgemeinen Schlussfolgerungen ableiten.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 12/23 Wo soll es hingehen?

„Wie lange kann ich die Entscheidung zwischen Industrie und Hochschulkarriere aufschieben?”, fragt die Doktorandin Iryna in einem Karriereworkshop. Erfrischend direkt drückt sie damit aus, was nicht wenige andere im Raum ebenfalls denken. „Ich finde akademische Forschung klasse, bin aber auch sehr neugierig darauf, wie es in der Industrie läuft.”

Es gibt einige Positionen, bei denen Sie gleichzeitig einen Fuß in beiden Welten haben. Sie können beispielsweise eine Promotion oder einen Postdoc in der Industrie machen. Dabei sollten Sie vorab klären, ob Sie publizieren dürfen, was nicht immer der Fall ist. Auf höheren Karrierestufen gibt es die echten Stars, die mehrere Hüte gleichzeitig aufhaben. Denken Sie an die Professorin, die in Aufsichtsräten sitzt und Gelder mit Industriekooperationen einwirbt. Ihr Gegenstück sind die industriellen Wissenschaftsstars, für die eine Stiftungsprofessur eingerichtet wird.

Vor ein paar Jahrzehnten waren Uni und Hochschule noch weiter voneinander entfernt als heute. Das war und ist in der Chemie weniger stark ausgeprägt als in anderen Fachbereichen. Heute bemühen sich beide Seiten immer mehr, zusammenzuarbeiten. Beide Seiten unterhalten Stabsstellen, deren Hauptaufgabe es ist, als Sprachrohr zur Außenwelt zu dienen und Verbindungen aufzubauen.

Die Industrie bemüht sich, neue Produkte und Techniken zu finden (technology scouting) und begleitet akademische Projekte, etwa indem sie diese finanziert.

An Hochschulen sind nicht nur die Professor:innen an diesen Kooperationen beteiligt. Mittlerweile wurden viele Aufgaben des Wissenschaftsmanagements professionalisiert, um solche Interaktionen zu unterstützen: Denken Sie etwa an die Patentverwertungsstellen oder Gründungsberatungen.

Technologieparks sind bedeutsame Katalysatoren der Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Industrie. Hier finden Ausgründungen aus der Hochschule oft ihre erste Heimat. „Wo würden Sie die Fraunhofer-Institute verorten?”, schließe ich das Thema. Keine einfache Frage: Fraunhofer-Institute sind öffentliche Einrichtungen, die sich aber zum größten Teil aus Industriemitteln für ihre Auftragsforschung finanzieren.

Es ist einfacher für Sie, wenn Sie bereits früh wissen, wo Sie beruflich zu Hause sind. Sie müssen aber vielleicht gar nicht Auf Wiedersehen zu einer Seite sagen. Im Grenzbereich zwischen Hochschule und Industrie gibt es spannende Aufgaben für Chemiker:innen.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 11/23 Chemie für Laien

In einem Workshop analysieren wir, wie wir ein Laienpublikum mitnehmen können auf die Reise durch unsere Forschung. „Ich verstehe, dass wir nicht mit Fachausdrücken um uns schmeißen sollen”, beginnt Max. „Ich fühle mich aber nicht wohl dabei, Fachausdrücke durch Metaphern zu ersetzen. Wir sind doch nicht bei der Bild-Zeitung.” Sam ergänzt: „The God Particle statt Higgs-Boson – das ist doch nur reißerisch, ohne Mehrwert.”

Begriffe wie God Particle helfen dabei, Aufmerksamkeit zu erheischen. Damit ist aber auch schon alles Positive gesagt. Mit schlechten Metaphern holt man sich viel Beifang ins Boot: Übertreibung, Verwirrung oder Ausfransen der Diskussion in philosophische Debatten. Wenn das Higgs-Boson das Götterteilchen ist, stammt das Proton dann vom heiligen Geist? 

„Wie steht es mit Blueprint of Life für Desoxyribonukleinsäure?”, wirft Shixin ein. Das passt schon besser. Wir verstehen dadurch, wie die Proteine auf dem Bauplan der DNA codiert sind. Neuere Erkenntnisse wie epigenetische Informationsebenen werden mit Blueprint of Life zwar nicht erfasst, doch liegt das außerhalb der Reichweite eines einfachen Bilds. 

Haben Sie keine Angst davor, bildhafte Sprache zu verwenden. Manche Sprachbilder sind so wirkmächtig, dass sie in den allgemeinen Sprachgebrauch übergehen. Den Begriff Zelle hat Robert Hooke als Metapher Ende des 17. Jahrhunderts eingeführt, als er unter dem Mikroskop Strukturen erkannte, die ihn an kleine Zimmer, lateinisch „cella“, erinnerten. Einen ähnlichen Weg hat die optische Welle hinter sich. Oder denken Sie an den ökologischen Fußabdruck, invasive Spezies, Nahrungsketten oder den Treibhauseffekt – alles Begriffe, die mit der Zeit von der Metapher in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sind. 

Wenn Sie eigene Bilder oder Vergleiche entwickeln und abschätzen möchten, ob es eine gute oder schlechte Metapher ist, sollten Sie sich fragen: Geht ein Begriff nur flott von der Zunge? Dann ist es eine schlechte Metapher. Hilft ein Sprachbild hingegen, einen Sachverhalt für Ihr Publikum zugänglicher zu machen, dann ist es eine gute Metapher.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 10/23 Klein oder groß

In einem Workshop zum Thema „Ihr Weg in die Industrie” diskutieren wir die Vor- und Nachteile zukünftiger Arbeitgeber. „Mehr Geld, mehr Jobs, mehr Möglichkeiten“, fasst Bertrand die Argumente für die Großindustrie zusammen. „Das ist ein klasse Startpunkt für unsere Diskussion”, bedanke ich mich. Er schaut mich an, als hätte er mit seiner Aussage bereits alle Diskussionen besiegelt. Mehr Geld stimmt in aller Regel. Die Großindustrie zahlt nach dem Chemietarif, der nach den jahrzehntelangen Verhandlungen und einem konstruktiven Verhältnis zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern großzügig ausfällt: etwa 80 000 Euro bekommen promovierte Berufseinsteiger, um die 69 000 Euro solche mit Masterabschluss. Kleinere Unternehmen zahlen mindestens 15 bis 20 Prozent weniger. 

„Mehr Jobs?”, frage ich in die Runde. „Pro Betrieb sicherlich, aber auf die gesamte Wirtschaft gesehen bezweifele ich das”, wirft Inge ein. In der Tat sind Start-ups und in Deutschland insbesondere der Mittelstand ein Motor für den Arbeitsmarkt. Bei den Möglichkeiten hängt es von der Branche ab. Von einer Summer School eines Pharmariesen berichtet Bertrand, es gebe „Trainee-Programme, eine eigene Fortbildungsakademie, interne Karrierebegleiter: Ich weiß nicht, ob man das toppen kann.” Damit hat er recht.

Dennoch spricht einiges für kleinere Arbeitgeber: Sie sind weniger sichtbar und müssen sich daher bemühen, Arbeitskräfte zu finden und an sich zu binden. Viele von ihnen machen ihren Rückstand auf die Großindustrie mit Flexibilität, Einfallsreichtum und externen Bildungsangeboten wett.

Allerdings ist es aufgrund der vielen Mittelständler gar nicht so einfach, den passenden Arbeitgeber zu finden. Fach- und Lobbyverbände oder Technologieparks helfen bei der Suche. Unternehmen, die gerade öffentliche Fördermittel oder Risikokapital eingeworben haben, werden sich bald für neue Mitarbeitende interessieren – das ist der Zeitpunkt für eine Inititativbewerbung. Anhand der Informationen über kleine Unternehmen aus Patenten, Publikationen oder Zeitungsartikeln können Sie eine Bewerbung dort persönlicher gestalten.

In der Großindustrie bekommen Sie ein höheres Gehalt und einen bekannten Namen auf Ihrem Lebenslauf. Abgesehen davon ist es Geschmacksache, ob Sie ein großes oder ein kleineres Unternehmen vorziehen.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 09/23 Floskeln oder Einladung zum Gespräch?

„Lassen Sie uns über Small Talk sprechen.” Die Teilnehmenden des Workshops zum Thema Selbstpräsentation verziehen ihre Gesichter. „Könnten Sie Ihre Mimik in Worte umwandeln?”, frage ich in die Runde. „Tja, Ich bin nicht begeistert, dass ich mich sogar auf wissenschaftlichen Konferenzen mit seichtem Geplätscher beschäftigen muss, das auch noch entscheidend für meinen beruflichen Erfolg zu sein scheint”, beschwert sich Jens. „Sorry, es ist ja Dir selbst überlassen, ob Du bei Floskeln bleibst oder das Gespräch weiter entwickelst“, entgegnet Jenny, „ich liebe die freie Interaktion mit Unbekannten.” Irina hingegen fürchtet, sie erzähle immerzu nur Unsinn.

Wir können hier mit einigen Vorurteilen aufräumen. Erstens: Nicht alles, was eine Wissenschaftlerin sagt, muss superschlau sein. Ein „Was bringt Sie zu dieser Konferenz?” bedeutet ja nichts anderes als: „Gerne können wir uns unterhalten, müssen aber nicht.” Betrachten Sie Ihre Bemühungen um einen Gesprächsbeginn als Service für diejenigen, die sich das nicht trauen. Zweitens: Das überproportionale Gewicht des Netzwerkens in unserem Berufsleben untergräbt weder die Meritokratie noch entwertet es die langen Jahre des Studiums. Ihre wissenschaftliche Kernqualifikation ist die Grundlage für Ihre Karriere. Um zu punkten, benötigen Sie allerdings ein breiteres Spektrum an Fähigkeiten.

Die Grundregeln des Small Talk sind denkbar einfach. Fangen Sie nicht negativ an. Niemand interessiert sich dafür, dass Sie Wetter, Konferenzkaffee oder die verspätete Regionalbahn nicht mögen. Gehen Sie auch nicht mit vorgeformten Annahmen ins Gespräch. „Sie sind wohl zum ersten Mal auf dieser Konferenzserie, ich habe Sie noch nie gesehen”, ist dann besonders peinlich, wenn sich herausstellt, dass Ihr Gegenüber eine der Organisatorinnen der Konferenz ist.

Gehen Sie die Sache spielerisch an und setzen Sie sich ein zufällig ausgewähltes Ziel. Versuchen Sie etwa herauszufinden, ob Ihr Gegenüber Biochemiker, Analytikerin oder Synthesechemiker ist. Ob Ihnen das gelingt, ist egal. Das Spiel zwingt sie, den ersten Schritt zu machen. Wenn Sie mit offenen Fragen ins Gespräch gehen, lassen Sie die andere Seite reden und geben dieser die Chance, das Gespräch mitzugestalten.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 07-08/23 Atme den Raum

„Ich habe schon bei Präsentationen einen Mordsbammel”, gesteht Simon. „Bei Vorstellungsgesprächen sitze ich ja noch mehr auf dem Präsentierteller. Am schlimmsten finde ich den Small Talk zu Beginn”, fasst er seine Ängste zusammen. 

In der Tat wirken die vermeintlich lockeren Teile eines Vorstellungsgesprächs auf manche beängstigend. Zum Glück können wir diesem Lampenfieber begegnen. „Gut, dann probieren wir doch erstmal die einfachere Situation, die Präsentation“, schlage ich vor. „Kommen Sie bitte vor die Gruppe und zeigen uns den Beginn Ihrer letzten Präsentation.” Simon beginnt sofort zu sprechen, als er sich von seinem Stuhl erhebt: „Thanks for inviting me to this conference. My talk is about …” 

Wie Simon geht es den meisten Leuten in Situationen, die sie nervös machen. Die Vortragenden wollen es schnell hinter sich bringen und beginnen deswegen zu früh zu sprechen. Bei einer Präsentation erzeugen sie dadurch einen hektischen Beginn – für sich und für das Publikum. Die Vortragenden sind außer Atem, wenn es losgeht, und müssen mehrere Dinge gleichzeitig bewerkstelligen: einen guten Sprechplatz finden, mit der Technik klarkommen und Kontakt zum Publikum herstellen. Die Zuhörerschaft verwirrt solch ein Beginn: Ist das nun schon Teil der Präsentation? 

Im Workshop üben wir diese ersten Sekunden einer Präsentation. Die Bühne betreten, einen Platz finden, im Raum umherschauen. An diesem Punkt halten wir noch einen Moment inne, atmen ein, erfreuen uns an den freundlichen Gesichtern und beginnen erst dann zu sprechen, wenn wir und das Publikum bereit sind. Das Lampenfieber verfliegt dann oft, wenn der Beginn des Vortrags gut eingeübt ist. 

Bei einem Small Talk vor einem Vorstellungsgespräch fühlen wir ebenfalls eine gewisse Hetze, wollen schnell etwas Relevantes sagen und verhaspeln uns. Natürlich bleiben Sie nicht wie in unserer Übung sekundenlang wortlos vor Ihrem Gegenüber stehen, doch Zeit für einen Atemzug sollten Sie sich nehmen. 

„Denken Sie bitte nicht, dass Sie gleich beim Small Talk bahnbrechende Erkenntnisse teilen müssten”, schließe ich die Diskussion. Ein Small Talk ist eine Aufwärmübung für beide Seiten. Ein: „Vielen Dank, die Anreise war angenehm” mit einem entspannten Lächeln reicht. Wenn Ihnen dann noch etwas Nettes einfällt, umso besser. 

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 06/23 Fragen der Zusammenarbeit

In einem Workshop für angehende Gruppenleitungen behandeln wir das Thema Drittmittel. Kooperationen mit der Industrie haben in der Chemie eine lange Geschichte und gelten in Deutschland kaum als anrüchig. Wenn die Forschungsfreiheit nicht zu sehr eingeschränkt wird, werten die meisten Auswahlkommissionen Industriegelder wie andere Drittmittel. 

„Ich verhandel gerade mit einer Firma über eine Kooperation”, berichtet Jeff. „Ich bin mir aber überhaupt nicht sicher, ob das ethisch sauber ist”, teilt er seine Sorgen. „Welche Art von Forschung möchten Sie denn mit der Industrie betreiben?”, erkundige ich mich. „Es geht um die Weiterentwicklung eines Detektors, den die Firma in ihre Geräte einbaut”, führt er aus. Nach ein paar Rückfragen aus dem Plenum ziehen wir ein beruhigendes Fazit: Wir fanden keine ethischen Probleme in Jeffs Kooperation. Im Erfolgsfall wird eine Firma Geräte mit höherer Auflösung anbieten, was Anwender:innen freuen wird. 

Gemeinsam denken wir weiter. Gibt es Forschungskooperationen, die moralisch komplexer sind als eine rein technische Entwicklung? „Rauchen”, wirft Rachel ein. Ihr Kommentar hat einen wahren Kern. In der Vergangenheit wurden Forschende gekauft, um Zweifel an der Schädlichkeit des Tabakrauchs, bestimmter Medikamente, von Zucker, DDT, Alkohol oder Opiaten zu säen. Das gibt es auch heute noch: Die Themen sind neu, die Taktiken dieselben. Der wissenschaftliche Konsens wird als zweifelhaft dargestellt, unnötige Studien verzögern Regelungen oder Verbote, die Probleme bei der Umstellung auf saubere Alternativen werden übertrieben. 

In unserer Diskussion zeichnet sich eine Linie ab: Rein technische Entwicklungen sehen die meisten als ethisch unproblematisch an. Die akademische Wissenschaftlerin als Bewertungsinstanz hingegegen wirft Fragen auf. 

Mögliche Probleme müssen also bereits vor der Zusammenarbeit angegangen werden. Kooperations- und Geheimhaltungsverträge können Wissenschaftler mit Unterstützung zusehends professionalisierter Abteilungen an den Unis prüfen: Wird ein gewünschtes Ergebnis bereits durch das Studiendesign vorgegeben? Werden die Ergebnisse selektiv verwendet, je nachdem wie die Antwort ausfällt? Und als wichtigstes: Erhält der Wissenschaftler einen Maulkorb? Wenn Sie diese Fragen im Vorfeld beantworten, sind Industriekooperationen ein interessantes Instrument, um Drittmittel zu diversifizieren.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 05/23 Die Pitch-E-Mail

In der Kaffeepause eines Workshops zum Thema Netzwerken amüsieren sich zwei Promovierende über eine E-Mail. „Dear Prof. Kohlenforschung, I would like to pursue a PhD at the institute of Schüth.” Als der Workshop weitergeht, nehme ich auf diese E-Mail Bezug: „Wenn Sie jemanden anschreiben, den Sie noch nicht kennen, wie tun Sie das, damit Sie Gehör finden?” Tim, der die restliche Kaffeepause damit verbracht hat, die E-Mail herumzuzeigen, deutet auf sein Telefon: „Auf keinen Fall so.” 

Jede E-Mail beginnt mit dem wichtigsten, weil sichtbarsten Teil, der Betreffzeile. Hierzu lautet die gängige Meinung, dass an dieser Stelle gleich der Grund der Kontaktaufnahme genannt werden sollte. Das ist in der Tat wichtig, doch stellen Sie sich vor, dass der Betreff lautet: „Postdoc in Ihrer Arbeitsgruppe.” Gut möglich, dass Sie damit eine unter vielen sind und erstmal auf dem Stapel „Lesen, wenn ich Zeit habe” landen. Falls Sie eine persönliche Verbindung herstellen können, dann sollten Sie diese in der Betreffzeile nennen, etwa: „Empfehlung von Dr. Gisdakis.” Falls der Empfänger Dr. Gisdakis kennt, wird er die E-Mail zeitnah lesen. 

In manchen Fällen wird es sich anbieten, eine Kontaktperson in CC zu nehmen, in anderen nicht. Dadurch ist Ihre Nachricht etwas persönlicher und Sie schaffen Transparenz. Allerdings sollten Sie bei mehreren Anfragen über dieselbe Kontaktperson darauf achten, dass deren Posteingang nicht vollläuft. 
Als nächstes eine höfliche Anrede. Das klingt selbstverständlich. Aber es gibt genügend Gegenbeispiele: E-Mails mit falschem oder falsch geschriebenem Namen des Empfängers. Im ersten Satz Ihrer E-Mail sollte endlich das „Warum” kommen mit ein bis zwei kurzen Sätzen. Im nächsten Satz erwähnen Sie Ihre Vorarbeit. Sehen Sie die Kürze Ihrer Einleitung sowie der gesamten E-Mail als Arbeitsprobe: Wird es ein Zeitfresser, sich mit Ihnen auseinander zu setzen, oder eine gut vorbereitete, effiziente Interaktion? Schwafler schwafeln meist in geschriebener wie in gesprochener Form. 

Schließen Sie die E-Mail, die insgesamt mit fünf Sätzen auskommt, mit Ihrem konkreten Anliegen. Auch dieser Punkt erscheint trivial, doch denken gerade Wissenschaftler:innen oft, dass ihre Leserschaft diesen Schluss selbst ziehen kann.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 04/23 Die Idealismus-Gehaltsschere

In einem Karriereworkshop besprechen wir, wie eigene Werte die Berufswahl beeinflussen. Die Frage, ob Idealismus ein Auswahlkriterium sein kann oder sogar muss, erregt die Gemüter. „Für kein Geld der Welt möchte ich an marginalen Verbesserungen von Lifestyle-Produkten arbeiten,” verkündet Rodrigo. „Na, wenn Du für eine NGO arbeitest, musst Du halt in Deiner WG wohnen bleiben,” erwidert Karsten spöttisch. „Ist das wirklich so?”, erkundigt sich Frederieke, „Je idealistischer ein Job ist, desto schlechter wird er bezahlt?“ 

Wie so oft ist die Antwort Ja und Nein. Die bestbezahlten Jobs sind da, wo viel Geld gemacht wird, etwa bei Großkonzernen. Diese Organisationen haben das Ziel, möglichst viel Geld zu verdienen, bei Aktiengesellschaften ist das sogar eine Verpflichtung. Sind diese Jobs deswegen weniger idealistisch? Sicherlich nicht immer. Wenn Arbeit dort dazu beiträgt, Prozesse effektiver und damit meist auch nachhaltiger zu gestalten, kann das sehr wohl ein positiver Beitrag sein. 

Manchmal können Chemiker das Thema beeinflussen, an dem sie arbeiten. Ein Hebel ist der Fachkräftemangel, der langsam in Lebenswissenschaften und Chemie ankommt. Ihre Arbeitskraft schließt eine Lücke. Sie haben in der Hand, für welchen Arbeitgeber Sie sich entscheiden: bei X Shampoos verbessern oder bei Y auf nachhaltige Rohstoffquellen umstellen. 

Nichtregierungsorganisationen haben in der Regel weniger Geld als Konzerne und sind durch ihre Statuten daran gebunden, keine übertriebenen Gehälter zu zahlen. Das heißt aber nicht, dass alle Tätigkeiten im Non-profitBereich schlecht bezahlt sind. Gehälter in internationalen Organisationen können durchaus mit der Industrie mithalten. 

„Mit einem Abschluss in Chemie sind Sie in einer Luxussituation”, fasse ich die Diskussion zusammen. Selbst moderate Gehälter erlauben es Ihnen, aus der WG auszuziehen und eine Familie zu gründen. Sie können ohne finanzielle Not entscheiden, wo und wie Sie arbeiten möchten. Einen Unterschied bei gesellschaftlich relevanten Fragen können Sie mit Ihrer Berufswahl und Ihrem Engagement bei der Arbeit machen.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers
 

Heft 03/23 Tun oder reden?

„Klar ist Wissenschaftskommunikation wichtig”, sagt Teilnehmer Wolfgang in einem Karriere-Workshop. „Aber als Chemiker werde ich fürs Problemlösen bezahlt. Kommunikation übernimmt – zumindest bei einem Großkonzern – die PR-Abteilung.” 

Werden wir fürs Tun oder fürs Reden bezahlt, oder müssen wir beides können? Ist Wissenschaftskommunikation ein eigener Berufszweig für Leute, die den Problemlöser:innen diese Tätigkeit abnehmen? Oder etwas, das zum Alltag aller Wissenschaftler:innen gehört? 

In allen Berufszweigen müssen wir kommunizieren können, und das immer angepasst an die jeweilige Situation. Das gilt auch für diejenigen, bei denen das nicht explizit in der Berufsbezeichnung steht. 

Die Kommunikation mit Wissenschaftler:innen des eigenen Spezialgebiets an der Hochschule ist nur ein Teil des Ganzen: Auf speziellen Konferenzen müssen Sie ein gutes Bild abgeben. Ihre Publikationen beurteilt ein kleiner Kreis Ihrer fachlichen Nische. Bei Drittmittelanträgen ist Ihre Leserschaft bereits breiter: Sie müssen für Kolleg:innen aus anderen Fachbereichen verständlich und relevant erscheinen. Wenn Sie Kooperationen beginnen, dann meist außerhalb Ihrer Kernkompetenz. Ganz mutige Wissenschaftler:innen stellen sich der Quelle ihrer Gelder, den Steuerzahler:innen, und kommunizieren mit Laien. 

Außerhalb der Hochschule ist der Schritt aus unserer hoch spezialisierten Umgebung heraus meist abrupt. Die Fähigkeit, Ihre Arbeit vor einer Chefin zu rechtfertigen, die einen Abschluss im Finanzwesen oder als Juristin hat, fällt nicht vom Himmel, sondern Sie müssen sie sich erarbeiten. Ebenso sind die Hintergründe Ihrer Kolleg:innen und externer Kontakte wie Kunden oder Zulieferer oft breiter gestreut als an der Hochschule. 

Wir alle müssen also in unserem Berufsleben über unsere Arbeit sprechen, ob wir das wollen oder nicht. Keine PR-Abteilung nimmt uns diese Arbeit ab. Die gute Nachricht ist: Den meisten macht es Spaß, sobald sie sich darauf einlassen. Es geht ja nicht darum, etwas plump zu vereinfachen, sondern die Bedeutung unseres Themas einer bestimmten Zielgruppe verständlich zu machen. Das zu erreichen, verschafft Genugtuung. 

Sie werden in Ihrem Beruf fürs Tun und fürs Reden bezahlt. Versuchen Sie also, beides zu beherrschen.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

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zuletzt geändert am: 19.02.2024 13:34 Uhr von A.Miller