Karrierekolumne

Karrierekolumne aus den "Nachrichten aus der Chemie"

Philipp Gramlich und Karin Bodewits sind Gründer von Natural Science Careers – ein Unternehmen für Karriereberatung und Soft-Skill-Seminare für Naturwissenschaftler:innen. Für die Nachrichten aus der Chemie schreiben beide über Beobachtungen aus ihrer Beratungstätigkeit.

 

Heft 12/21 Bin ich eine Verliererin?

Nach einem Workshop sucht eine Teilnehmerin das Gespräch mit mir. „Ich habe das Gefühl, ich bin eine Verliererin“, vertraut sie mir an. Ist das nun übertriebenes Understatement oder das besonders im Hochschulbereich verbreitete Hochstaplersyndrom? Mir jedenfalls erschien sie als die aufgeweckteste Teilnehmerin im ganzen Kurs. „Wie kommen Sie darauf?“, erkundige ich mich. „Nun ja, all meine gleichaltrigen Bekannten haben feste Stellen, bekommen Kredite für einen Hauskauf, während ich in meiner Projektarbeit auf der Stelle trete“, führt sie aus. Sechs Sprachen hat sie sich bereits selbst beigebracht, doch nur Englisch und ihre Muttersprache spricht sie fließend. Sie hat ständig Ideen, doch hat der Tag bekanntlich nur 24 Stunden, weshalb sie unter dem nagenden Gefühl der Überforderung leidet. 

„Sie sind keine Verliererin, Sie sind eine Starterin“, kann ich sie beruhigen. Starter sind impulsive, kreative Menschen, die ständig Ideen aushecken, allerdings wenig Interesse am Abschluss einer Sache haben. „Langweilig, nichts Neues“ scheint ihnen ein innerer Quälgeist zuzurufen. Starter sind keineswegs Verlierer, sie benötigen nur das richtige Umfeld, in das sie sich hineinbewegen – oder das sie sich aufgrund ihrer Persönlichkeit oft genug selbst schaffen. Wichtig für Starter ist das Zusammenspiel mit ihrem Gegenstück, den Finishern. Diese sehen nichts lieber als den Absenden-Knopf, wenn ein Arbeitspaket abgeschlossen ist. Sie sind Leute, die etwas schaffen und strukturiert arbeiten. Starter können nicht ohne Finisher und andersrum. 

Was bedeutet das im Einzelfall? Bewerben Sie sich nur auf Stellen, bei denen Sie sich als Starterin oder Finisher ausleben können. Eine technische Fähigkeit können Sie später noch in der Berufspraxis erlernen, doch Ihre Persönlichkeit können Sie kaum ändern, das müssen Sie bereits bei der Auswahl der Stellen beachten. 
Wählen Sie Bewerbende aus oder stellen ein Team zusammen? Dann achten Sie auf Balance zwischen verschiedenen Typen, die je nach Aufgabe immer ein wenig anders aussehen wird. Bei einem Start-up benötigen Sie andere Qualitäten als für eine Qualitätsmanagementabteilung. 

In manchen Situationen müssen wir tun, was die Aufgabe verlangt, etwa wenn die Starterin ihre Abschlussarbeit fertigstellen muss. Soweit möglich sollten Sie sich in Rollen hineinfinden, die zu Ihrem Persönlichkeitstypen passen.
 

Heft 11/21 Was den ersten vom zweiten Schritt unterscheidet

„Jana hat echt Mumm“, höre ich Bartosz in der Kaffeepause eines Karriereseminars erzählen. Neugierig schließe ich mich dem Gespräch an. „Sie hat vor zwei Jahren in unserer Arbeitsgruppe promoviert und gleich eine Stelle in der Industrie bekommen. Jetzt hat sie hingeschmissen – ohne eine neue Stelle zu haben.“ „Ist die mutig!“ „Oder dumm?“ „Wow“, raunt es durch die Gruppe.

Nach der Pause nutze ich den Fall für einen spontanen Exkurs: „Ist Jana dumm oder mutig?“, frage ich in die Runde. „Raffael aus unserer Gruppe könnte seine Bude mit seinen Angewandten-Papers tapezieren, und dennoch hat er mehr als ein halbes Jahr gebraucht, um eine Stelle zu finden. Ich stimme für dumm“, konstatiert Hedwig.

Die GDCh-Statistik führt uns jedes Jahr vor Augen, dass selbst hochqualifizierte Chemiker:innen beim Berufseinstieg gute Nerven beweisen müssen. Im Juli berichteten die Blauen Blätter, dass im ersten Jahr nach Abschluss ein Fünftel auf Inlands-Postdocs parkt, zehn Prozent gar arbeitslos sind. Wir sehen seit mehr als einem Jahrzehnt hohe Einschreibungszahlen in Chemiestudiengängen, während der Arbeitsmarkt kaum wächst. Der Wettbewerb kann also hart sein.

„Die Arbeitslosenquote unter Chemiker:innen ist unter drei Prozent, die GDCh-Zahlen kommen mir zu hoch vor“, protestiert Esther. 

Es ist ein gängiges Phänomen: Nach einem schwierigen Berufseinstieg wirkt der Wechsel von Stelle zu Stelle meist wie ein Kinderspiel. Auf das Berufsleben gerechnet ist die Arbeitslosigkeit dann gering. Was also ändert sich zwischen erster und zweiter Stellensuche? Ich sehe folgende Faktoren: Ist der Berufseinstieg geschafft, haben wir besseren Zugang zu industriespezifischen Netzwerken und erlernen neue Fähigkeiten. Und wir lernen mehr Karriereoptionen kennen, sodass wir am Arbeitsmarkt leichter eine Nische für uns finden. Ich vermute also, dass Jana ihren Marktwert selbstsicher einschätzt.

Von der Hochschule aus solche Netzwerke zu entwickeln und Nischen im Arbeitsmarkt zu entdecken, ist schwieriger, aber keineswegs unmöglich. Fortbildungen, zum Beispiel über Graduiertenschulen, können dabei helfen. Darüber hinaus können Sie in gezielten Gesprächen etwas über Ihre Optionen erfahren und dabei Kontakte außerhalb der Hochschule knüpfen. 

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 10/21 Wer liest Ihre Bewerbung?

In einem Seminar besprechen wir Bewerbungen. „Hier sehen Sie eine Karte Ihrer Stadt. Wo ist wohl der Quadratmeterpreis besonders hoch?“, frage ich in die Runde. „Wo viel Schampus getrunken wird und wenig los ist“, ruft Ralf, der die Stadt wie seine Westentasche kennt. Genau wie in einer Stadt gibt es auch in Ihren Bewerbungsunterlagen besonders teure Gegenden, nämlich die Stellen, die naturgemäß die Blicke der Leserschaft auf sich ziehen. Dort sollten daher die relevantesten Informationen stehen.

„Wer wird Ihre Bewerbung lesen?“, frage ich weiter. „Meine künftige Vorgesetzte, also vermutlich jemand mit wissenschaftlichem Hintergrund, und jemand aus der Personalabteilung“, meint Sofia. „Und manchmal filtert eine Art Algorithmus die Unterlagen nach Schlüsselwörtern“, ergänzt Burcu. Sie haben also mit bis zu drei Lesergruppen zu tun. Bei kleinen Firmen wird lediglich die Chefin die Bewerbung lesen, die vermutlich Wissenschaftlerin oder Ingenieurin ist. Bei größeren Firmen macht das zudem die Personalabteilung und bei den ganz großen noch ein Algorithmus. Die Reihenfolge ist allerdings so: zuerst prüft der Algorithmus, dann die Personalabteilung und schließlich die Fachabteilung. Die Stimme künftiger Vorgesetzter kommt nur dann zum Tragen, wenn die Personalabteilung Ihre Bewerbung überhaupt weiterleitet.

Die Teile Ihrer Bewerbung, auf die die menschliche Leserschaft zuerst schaut, sind besonders wertvoll: Das Bewerbungsfoto zieht Blicke auf sich, danach alles, was weit oben steht oder hervorgehoben ist. Platzieren Sie dort ausschließlich Information, die speziell diesen Arbeitgeber interessieren. Sie haben Spielräume, etwa indem Sie unter das Foto eine kleine Zusammenfassung Ihres Profils in drei Stichpunkten schreiben oder indem Sie bei „Fähigkeiten“ die für diesen Arbeitgeber wichtigsten nach oben rücken. Personaler achten mehr auf Motivation und Persönlichkeit, was Sie für diese Lesergruppe herausarbeiten sollten. Mit Jargon und wissenschaftlichen Details sollten Sie in jedem Fall sparsam umgehen – die versteht keiner Ihrer Leser. Der Algorithmus schließlich erhält seine Stichwörter aus den billigen Teilen Ihrer Bewerbung, etwa indem Sie triviale Kriterien aus der Stellenausschreibung wie „MS Office“ im unteren Teil bei Fähigkeiten listen.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 09/21 Fragen Sie jemanden, der sich auskennt

„Vielleicht klingt es wie ein Luxusproblem“, berichtet Dirk in einem Karriereseminar. „Ich habe bereits ein Stellenangebot, bei einer finnischen Firma. Ich müsste also in ein anderes Land ziehen. Wie kann ich wissen, worauf ich mich einlasse?“

Natürlich hat Dirk das Internet nach allen verfügbaren Quellen zur Firma durchsucht und zudem im Vorstellungsgespräch einen Eindruck gewonnen. Doch was ist Fassade, was ist Substanz? Dazu kommen der organisatorische Aufwand und die kulturellen Veränderungen im Ausland. Keine Entscheidung, die man auf die leichte Schulter nehmen sollte. „Wie komme ich an authentische Informationen, noch dazu in kurzer Zeit?“, fragt er.

Ein bewährtes Mittel, das glücklicherweise auch in CoronaZeiten funktioniert, sind Gespräche mit Expertinnen. Nehmen Sie Kontakt auf mit Leuten, die mehr über ein Thema wissen als Sie. In Dirks Fall wären das also alle, die schon einmal in Finnland gelebt und die für dieses Unternehmen gearbeitet haben – auch an anderen Standorten.

Wie stellen Sie das an? Eine unpersönliche Anfrage an info@unternehmen.com hat geringe Erfolgsaussichten. Einen engen persönlichen Kontakt benötigen Sie für so eine Anfrage trotzdem nicht. Im Idealfall fädelt jemand, der Sie kennt, den Kontakt ein. Doch wenn das für Sie nicht möglich ist, stoßen Sie bei Ihrer Recherche hoffentlich auf persönliche E-MailAdressen oder Profile in den sozialen Medien. Dann reicht es oftmals, wenn aus Ihrer Anfrage hervorgeht, dass Sie sich vorbereitet haben. Sie müssen ausdrücken, dass Sie mit genau dieser Person sprechen möchten.

Wechseln wir kurz die Perspektive: Warum sollte jemand einer fremden Person seine wertvolle Zeit widmen?

Menschen reden gerne über sich selbst. Durch den Rahmen „Expertinneninterview“ unterstreichen Sie den respektvollen Ansatz. Sie tun Ihnen einen einfachen, jedoch wertvollen Gefallen und fühlen sich dabei effektiv und nützlich. Und der Gefallen kommt ja vielleicht irgendwann zurück.

Expertinneninterviews sind Netzwerk-Instrumente, die mit Introvertierten auf beiden Seiten kompatibel sind. Voraussetzung ist, dass sie gut vorbereitete, inhaltsgetriebene Einzelinteraktionen sind.

Nach dem Gespräch fragen Sie nach weiteren Kontakten, mit denen Sie sprechen können. Dadurch werden Sie sich durch einzelne Puzzlestücke Antworten auf Ihre Fragen zusammensetzen.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 07-08/21 Aufschreiben statt vermuten

In einem Workshop diskutieren wir Bewerbungsunterlagen. „Meine Publikationsliste wird mir bei den Bewerbungen das Genick brechen“, murmelt Adrian. Er hat sich in seiner gesamten Promotion auf ein einziges Projekt konzentriert. Als seine Chefin die Ergebnisse zur Publikation einreichte, stand er bei den Autoren nur an Stelle drei. „Ich bin immer davon ausgegangen, dass ich bei der Publikation der Erstautor sein werde.“ „Glücklicherweise wollen Sie sich sowieso in Richtung Industrie orientieren“, werfe ich ein, „da zählt die Publikationsliste viel weniger als an der Uni“, und ergänze: „Lassen Sie uns dennoch einen Blick darauf werfen, wie sich solche Situationen vermeiden lassen.“

Hätte Adrian vor Projektbeginn eine Vereinbarung mit seiner Chefin getroffen, stünde er heute möglicherweise besser da. Die Industrie ist hier Vorbild: Dort wird vor Beginn eines Projekts ein Projektplan verfasst, der die Verantwortlichkeiten definiert. Es ist zwar unrealistisch, den Apparat eines Industriebetriebs an der Universität nachzustellen. Auch ist akademische Forschung ergebnisoffener, weshalb es schwieriger ist, Vereinbarungen über die Zukunft zu treffen. Könnten wir dennoch Verbindlichkeit erreichen, ohne die Kreativität mit allzu viel Papierkram abzuwürgen?

Schreiben Sie auf, worauf Sie sich mit dem Betreuer informell geeinigt haben, verwandeln Sie Annahmen in konkrete Aussagen. Das muss kein rechtssicherer Vertrag sein. Eine E-Mail, mit der Sie ein Gespräch protokollieren, kann Wunder wirken: Damit agieren Sie als Kollegin, die anderen einen Gefallen tut. Sie können die E-Mail etwa so beenden: „Lass mich wissen, wenn ich etwas vergessen oder falsch verstanden habe.“ Mit dieser minimalen Dokumentation erzeugen Sie Klarheit und können im Streitfall mit Fakten statt mit Annahmen argumentieren. Bei fortlaufenden, komplexen Projekten können Sie ein gemeinsames Dokument teilen, in dem dann etwa die Liste der Autor:innen laufend und transparent für alle ans Geschehen angepasst wird. Sie vermeiden durch mehrere kleine Abstimmungen im laufenden Projekt einen großen Streit am Ende.

Anwälte streiten sich, ob eine E-Mail der Schriftform genügt, um vor Gericht zu gelten. Darum geht es im Umgang zwischen Kolleg:innen nicht. Aufzuschreiben, was Sie gehört haben, ist kein Ausdruck des Misstrauens und muss nicht viel Zeit kosten. Sie treten damit professionell auf und vermeiden Konflikte durch sachliche Diskussionen.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 06/21 Bittere Lektüre

„In etwa einem Jahr bin ich mit der Promotion fertig und brauche einen Job, bis dahin werde ich mich wohl kaum in Superwoman verwandeln“, stöhnt Vera. Sie hat sich Stellenanzeigen angesehen, und es erging ihr dabei wie Vielen: Stellenanzeigen sind eine unangenehme Lektüre für das Selbstbewusstsein. Sie geben uns das Gefühl, die Stellen seien für viel besser Qualifizierte geschaffen.

„Superwoman wohnt nicht in Deutschland, machen Sie sich also keine Sorgen“, beruhige ich sie. „Horst Meier ist Ihr Konkurrent um die Stelle. Das ist die Messlatte.“ Stellenausschreibungen sind nicht nur für die Bewerbenden geschrieben, sondern sollen den Arbeitgeber auch gegenüber all den zufälligen Leser:innen in ein positives Licht setzen. Daher klingen sie oft mehr nach Superwoman als nach Horst Meier.

„Onzin“, grummelt Wouter, seine verschränkten Arme vor der Brust lassen keinen Zweifel an der Bedeutung des Worts. „Wie sieht es denn bei Stellenausschreibungen in den Niederlanden aus?“, frage ich ihn. Ich bin dankbar, dass er mir die Überleitung in kulturelle Unterschiede so leicht gemacht hat. „Eine Stellenausschreibung beschreibt die Person, die die Stelle mal einnehmen wird. Alles andere ist doch ... Unsinn.“

Stellenausschreibungen klingen nicht überall auf der Welt unrealistisch. Wenn Sie sich im Ausland bewerben, sollten Sie mit Leuten sprechen, die dort arbeiten, um die Anforderungen in Stellenanzeigen zu kalibrieren.

„Aber wenn da ein Muss-Kriterium steht, das ich nicht erfülle, dann bin ich raus, oder?“, erkundigt sich Vera. Die Anforderungen an die Bewerbenden sind oftmals in Kann- und Muss-Kriterien eingeteilt oder einfach in der Reihenfolge fallender Bedeutung geordnet. Die Abstufung zwischen Kann und Muss ist dann fließend. Wenn Sie zwischen 60 und 70 Prozent der Kriterien erfüllen, werden Ihre Bewerbungen langsam realistisch. Fokussieren Sie Ihre Bewerbung auf Ihre Stärken. Auf die fehlenden Punkte müssen Sie nicht zwingend eingehen.

Bei den Muss-Kriterien ist das anders: Sie müssen sie nicht unbedingt erfüllen, aber Sie müssen sie ansprechen. Zeigen Sie, wie Sie sich in die Richtung entwickeln könnten oder wie Sie die Schwäche mit Stärken kompensieren. Tun Sie das an sichtbarer Stelle, etwa im ersten Drittel des Anschreibens, um nicht voreilig aussortiert zu werden. Sie zeigen dadurch Reflexionsvermögen und sind durchaus noch im Rennen, wenn der Rest Ihrer Bewerbung stark ist.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 05/21 Erzählen Sie mal über sich

Vor einigen Jahren stand ich mit schlotternden Knien auf meiner ersten wissenschaftlichen Konferenz. Wie spannend, wie nervenzerreibend ... Ein gepflegter Herr mittleren Alters nähert sich wortlos meinem Poster und studiert es konzentriert. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn ansprechen soll. So ist es mein Gast, der die Initiative ergreift: „Could you quickly walk me through your poster, please?“ Meine Erklärungen sind verworren. Er verliert bereits nach wenigen Sätzen das Interesse.

Nach der Konferenz recherchiere ich: ein renommierter Professor aus Oxford, dessen Arbeit wir mit unserer Methodik gut unterstützten könnten. Ich sah mich schon als Koautor auf einer seiner Publikationen, doch leider reagierte er nicht auf meine Emails. Welch eine vertane Chance.

Wir müssen uns und unsere Projekte ständig vorstellen. Zum Thema „pitchen“, wie kurze Vorstellungsformate im Englischen gerne genannt werden, finden wir viele Anleitungen zu geschliffenen Monologen. Leider sind diese nicht authentisch und neigen dazu, Selbstmarketings überzubetonen. Muss das so sein?

In einer Klassifizierung wäre meine Posterpräsentation Stufe 0: keine Vorbereitung, Gestammel. Der geschliffenen Monolog wäre dann Stufe 1: Vorbereitet, aber zu glatt. Stufe 2 ist glücklicherweise recht einfach zu erreichen: Wir müssen uns dafür interessieren, wen wir vor uns haben, und unsere Erklärungen anpassen. Das ist durch die Rückfrage nach dem fachlichen Hintergrund des Fragestellers zu erreichen – idealerweise vertieft durch Rückfragen wie: „Ist es das, was Sie interessiert?“

Es gibt eine dritte Stufe, wie ich neulich in einem meiner Seminare erlebte. Auf meine Aufforderung, sich gegenseitig ihre Projekte vorzustellen, verfielen zwei Teilnehmer in scheinbar belangloses Geplauder. Nach ein paar Minuten stellte ich sie auf die Probe und fragte, was sie voneinander erfahren hatten. „Sven hat gerade seinen zweiten Postdoc begonnen, den er als Sprungbrett für eine Ausgründung verwenden will. Er hat ein Verfahren entwickelt, das Pilzbefall auf Oberflächen ohne zusätzliche Chemikalien verhindert. Das funktioniert so...“ Ich war beeindruckt, wie viel Information die beiden in der kurzen Zeit ausgetauscht hatten. Das war Stufe 3: eine entspannter und gleichzeitig zielgerichteter Dialog.

Selbstvorstellungen in Monologform sind nicht ideal, aber auch nicht nutzlos. Sehen Sie diese als Vorübungen zu den höheren Stufen an.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 04/21 Chatten funktioniert immer

„Seit der Pandemie haben unsere Doktorandinnen keine Chance mehr, ein akademisches Netzwerk aufzubauen. Haben Sie vielleicht eine Lösung dafür?“ erkundigt sich eine Professorin bei der Abschlussrunde ihres Online-Retreats. Ich entgegne: „Für das Netzwerken ist die Pandemie gar nicht so schlecht!“

Wie diese Professorin bin ich früher oft zu Konferenzen gereist. Nach ellenlangen Vortragsblöcken begannen die wirklich wichtigen Teile: Kaffeepause, Mittagspause, Konferenzdinner. Oft wackelte ich durch überfüllte Räume mit schrecklicher Akustik. Ich wählte eher zufällig einen Stehtisch und hoffte, dort eine interessante Person zu erwischen. Dabei war ich ständig in einem Balanceakt: Hunger stillen, aber nicht mit vollem Mund sprechen, eine Frage stellen, dezent abbeißen und dann interessiert und kauend zuhören. Das Timing klappte selten. Stattdessen geht es so: Frage erhalten, Häppchen unzerkaut schlucken, hektisch antworten. Andersherum kann es schwierig sein, sich auf einen Gesprächspartner zu konzentrieren, der mampfend Monologe hält. Ganz zu schweigen davon, dass weder ich noch andere Menschen am Ende eines langen Konferenztags gut riechen.

Bei virtuellen Netzwerkereignissen treten solche Probleme nicht auf. Zwar ist ein zufälliges Gespräch während einer Kaffeepause nicht einfach online reproduzierbar, doch Sie können viel tun, um virtuell zu netzwerken, wenn Sie Ihre Vorgehensweise anpassen. Der erste Schritt besteht darin, sich mit der Technik vertraut zu machen. Lehnen Sie Einladungen ab, wenn die Konferenzplattform zu selbstgebastelt wirkt und Sie Zeitverschwendung fürchten.

Wie im persönlichen Gespräch sollten Sie auch online Interesse zeigen und Fragen stellen. Dafür gibt es die Chat-Funktion, mit der Sie während eines Vortrags Fragen stellen, Fragen anderer beantworten oder auf deren Kommentaren aufbauen können. Sie können in Konferenzen reinschnuppern, für die der Aufwand einer Anreise zu groß wäre. Dazu kommen die sozialen Medien, die die Kontaktaufnahme unterstützen. Natürlich sind Einzelgespräche für die Vernetzung enorm wichtig. Übernehmen Sie die Initiative und laden Sie Menschen zu einem virtuellen Kaffee oder einem Expertinnengespräch ein: „Ich würde das gerne weiter mit Ihnen besprechen.“ Ihre Gesprächspartnerin wird sich über so eine Einladung freuen, vor allem, wenn sie sich selbst noch nicht in der neuen Netzwerk-Realität zurechtfindet.

Karin Bodewits, k.bodewits@naturalscience.careers

Heft 03/21 Geht es nur darum, wen Sie kennen?

Wir haben gerade unser Netzwerkseminar damit begonnen, dass die meisten Jobs in der Wissenschaft und außerhalb über das persönliche Netzwerk vergeben werden. Menschen zu kennen ist der Schlüssel zum Erfolg, sagte ich. „Es stört mich“, grummelt Max, „dass es nur darum geht, wen du kennst.“ „Ich gebe zu, einige Dampfplauderer kommen leider ziemlich weit, wenn sie die richtigen Leute kennen. Aber die meisten nutzen eine Kombination aus Netzwerk und Fachwissen, um an die Spitze zu gelangen,“ tröste ich ihn. 

Ein Beispiel ist Paul Erdös. Er war Mathematiker und die vermutlich schrulligste Netzwerkikone in der Geschichte der Wissenschaft. Erdös arbeitete mit über 500 Forschern zusammen und publizierte dadurch in einem Jahr mehr als die meisten Forschenden in ihrem gesamten Leben. Mathematische Probleme zu lösen war für ihn eine soziale Aktivität. Erdös war großartig in Mathematik und eine Person, die andere Wissenschaftler besser machen wollte. Er ermutigte sie und half ihnen. Paul Erdös war aber auch eigenartig. Das Time Magazine betitelte ihn als „The Oddball‘s Oddball“. Erdös erschien ohne Vorwarnung vor der Haustür anderer Mathematiker – in schmutzigem Regenmantel und durch Amphetamine aufgedreht. Für einen Tag, eine Woche oder einen Monat mussten sich seine mehr oder minder freiwilligen Gastgeber um diesen hilflosen Gast kümmern. Er kochte nicht, und seine Unterhosen wusch er auch nicht selbst. Hatte er mitten in der Nacht plötzlich Lust auf Mathematik, weckte er seine Gastgeber, indem er auf Töpfe und Pfannen schlug. 

„Stellen Sie sich vor, Erdös wäre nicht besonders gut in Mathe gewesen. Er würde – ohne Vorwarnung – an Ihre Tür klopfen und Sie mitten in der Nacht wecken, um Rechnungen durchzuführen. Außerdem würde er Sie bitten, für ihn Essen zu machen und seine Wäsche zu waschen. Würden Sie sein Verhalten ertragen?“ Max fängt an zu lachen. „Wahrscheinlich nicht“, antwortet er. „Genau. Erdös war brillant, er hatte etwas zu bieten. Deshalb tolerierten die Leute diesen wunderlichen Charakter.“ 

Auch Sie müssen etwas zu bieten haben. Erarbeiten Sie sich Wissen und Fähigkeiten, die Sie einzigartig machen. Verlieren Sie dabei nicht den Willen, nicht nur sich, sondern auch Andere weiterzubringen. Das erleichtert das Netzwerken. Denn es geht nicht nur darum, wen Sie kennen. Es geht auch darum, was Sie wissen.

Karin Bodewits, k.bodewits@naturalscience.careers

Heft 02/21 Geht es nur ums Geld?

In einem Karriereseminar für Promovierende besprechen wir verschiedene Berufsbilder. „Ich habe gehört, in der Industrie geht es nur ums Geld. Stimmt das wirklich?“, meldet sich Raffael zu Wort. „Ja, natürlich, um was denn sonst?“, entgegne ich mit gespielter Naivität. Alle Organisationen haben ihre eigenen Erfolgskriterien. In der Industrie ist Geld das dominante Erfolgskriterium. „Wie sieht es denn bei Ihrer Doktormutter aus?“, hake ich nach. „Wonach strebt sie?“ „Veröffentlichungen“, antwortet Raffael nach kurzer Denkpause, „was denn sonst?“, wobei er mich bei den letzten drei Worten nachahmt. 

Wenn wir betrachten, ob eine Organisation zu uns passt, müssen wir deren zentrale Erfolgskriterien kennen und entscheiden, ob diese zu uns passen. Allerdings sind voreilige Schlüsse zu vermeiden. Das Erfolgskriterium Geld bedeutet nicht automatisch Turbokapitalismus oder Ausbeutung. Genauso wenig ist das Erfolgskriterium Publikationen mit idealistischem Streben nach Wissen gleichzusetzen. Es kommt immer darauf an, wie genau dieser Erfolg im konkreten Fall erreicht werden soll: mit oder ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt. Publikationen können genauso auf einem Götzenaltar stehen wie Geld. 

„Es gibt doch noch andere Arbeitgeber als Hochschule und Industrie“, wirft Sandra ein. Ich pflichte ihr bei, aber entgegne, dass wir auch hier dieselben Betrachtungen anstellen. Der öffentliche Dienst erhält seine Aufgabe – und damit seine Erfolgskriterien – von den übergeordneten Stellen, etwa den Ministerien. Es geht darum, mit Steuergeldern einen Dienst an der Gemeinschaft zu verrichten. So weit, so idealistisch. Jede Organisation strebt allerdings auch nach Selbsterhalt. Im schlimmsten Fall kämpft dann Bürokratie gegen Modernisierung. 

Letzter Versuch von Raffael: „Gemeinnützige Organisationen. Das Erfolgskriterium ist Gutes tun. Was ist dabei die negative Seite?“ Hier ist es wieder der Klassiker Selbsterhalt. Der zeigt sich dann, wenn NGOs Spendengelder mit rührseligen, aber irrelevanten Themen einwerben. 

Potenzielle Arbeitgeber zu verstehen, ist mehr Arbeit als gedacht. Dadurch ergeben sich aber immer wieder Entdeckungen. Idealistische Ziele lösen sich vielleicht in Nichts auf. Und das Ziel, Geld zu verdienen, muss nicht automatisch zu herzlosem Materialismus führen.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

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zuletzt geändert am: 14.12.2021 09:59 Uhr von