Karrierekolumne

Karrierekolumne aus den "Nachrichten aus der Chemie"

Philipp Gramlich und Karin Bodewits sind Gründer von Natural Science Careers – ein Unternehmen für Karriereberatung und Soft-Skill-Seminare für Naturwissenschaftler:innen. Für die Nachrichten aus der Chemie schreiben beide über Beobachtungen aus ihrer Beratungstätigkeit.

 

Heft 06/22 Bitte keine Wissenschaftler

Wir sind zu Gesprächen zwischen dem Landwirtschaftsministerium und Lobbyorganisationen eingeladen. Denn vor einem Jahr haben wir eine NGO mit dem Ziel gegründet, die Verwendung von Torf in den Niederlanden zu reduzieren. Nun haben wir einen parlamentarischen Antrag mitverfasst, ein Abgeordneter hat ihn eingereicht, und er wurde angenommen. Bei dieser Thematik spielt vieles hinein, in das wir uns einlesen und beraten lassen: Bodenkunde, Klimabilanzierung, Gartenbau, um nur einige zu nennen. Und nun sagt Gerrit, der uns bei allen Fragen rund um politische Prozesse berät, mit Nachdruck: „Ihr müsst dafür sorgen, dass bei den Gesprächen keine Wissenschaftler mit am Tisch sitzen.“ Das sitzt. Was meint er damit? 

Er schiebt nach: „Wissenschaftliche und wirtschaftliche Fakten sind die Basis für solche Gespräche. Doch wenn Wissenschaftler direkt mit am Tisch sitzen, dann wird das nichts. Die kommen nicht auf den Punkt.“ 

Wissenschaftler:innen sind nur in indirekten Rollen gern gesehen und streben nur selten von sich aus nach einer aktiveren Rolle. Das Ergebnis: Obwohl es in den Niederlanden haufenweise Wissenschaftler:innen gibt, die sich mit Mooren und Torfersatz beschäftigen, wurde das Thema jahrelang nicht mehr in der Öffentlichkeit kommuniziert. „Ich bin Wissenschaftlerin und keine Aktivistin“ oder „Bei dieser Zeitung kann ich nicht ausreichend Zitate einfügen“ sind typische Begründungen.

Wir sehen solche Muster immer wieder bei der Mehrheit der Wissenschaftler:innen. Probieren Sie es selbst – besuchen Sie eine Konferenz und fragen an einem Poster: „Können Sie mir den Inhalt näherbringen?“ In den meisten Fällen werden Sie mit einem Monolog übergossen, ohne dass Ihr Gesprächspartner nach Ihrem Hintergrund und Ihrem Interesse fragt. Geprägt durch Jahre intellektuell anspruchsvoller Arbeit in einem kompetitiven Umfeld etabliert sich für viele von uns eine Kultur des Schlau-sein-Wollens: Wir begreifen nicht, dass es Menschen gibt, für die das alles nicht selbstverständlich ist.

Verständliche Kommunikation über Ihre Arbeit ist keine Luxusaufgabe, sondern essenziell. Je höher Sie auf der Karriereleiter kommen, desto mehr müssen Sie mit Menschen sprechen, die Ihre Arbeit nicht verstehen. Wenn Sie Einfluss auf die Welt außerhalb Ihrer direkten Arbeit nehmen möchten, dann sollten Sie so kommunizieren, dass man Sie gerne am Tisch haben möchte.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 05/22 Ihre Rolle im Team

Ein Karriereseminar beginne ich mit den Parallelen zwischen Teamarbeit und Teamsport. „Denken Sie bitte ein paar Jahre in die Zukunft. Sie arbeiten auf einer Position und bei einem Arbeitgeber Ihrer Wahl. Verwenden Sie bitte die Funktionen in einem Sportverein als Analogie: Welche Position nehmen Sie ein?“ „Mittelfeldspielerin“, macht Ingrid den Anfang. „Ich bringe gerne Leute zusammen und suche dann nach den Verbindungen zwischen Arbeitsbereichen.“ Oleg nennt Verteidiger, weil „ich gerne eine Situation analysiere, um eine Strategie zu entwickeln.“ Anke kommt auf Mittelstürmerin, denn sie „würde gerne mit den Kund:innen arbeiten“ und vergleicht den Torschuss mit einem Verkaufserfolg.

„Interessant, vielen Dank“, schließe ich, „ich habe ja Sportverein, nicht Sportmannschaft gesagt. Möchte niemand Trainer oder gar Präsidentin des Vereins werden?“ „Ich denke, man wird im Berufsleben einfach irgendwann Führungskraft“, meint Manfred. Ich sehe an den Blicken der anderen, dass sie seine Aussage nicht ganz teilen. „In der Tat wächst Führungsverantwortung oft schrittweise“, sage ich. Allerdings ist es eine bewusste Wahl, ob man sich in Richtung Führungskraft oder Experte, etwa in der Forschung, entwickelt.

Egal ob als Teammitarbeiter:in oder als Leiter:in: Sie sollten sich darüber im Klaren sein, welche Rolle Sie gerade innehaben und was Sie möchten. Wenn Wunsch und Wirklichkeit zu weit auseinanderklaffen, wird die Zusammenarbeit schwierig. Wir alle kennen die Kronprinzen, die ohne Führungsposition versuchen, die Zügel an sich zu reißen. Ich frage in die Runde: „Gibt es auch das Gegenstück zum Kronprinzen?“ „Also eine Führungskraft, die keine sein möchte?“, erkundigt sich Ingrid. Ich nicke. „Das Gefühl habe ich manchmal bei meinem Doktorvater – ein Mikromanager, der am liebsten jede Reaktion noch selbst ansetzen würde.“ Sie schildert, wie demotivierend das ist und wie sehr er dadurch seine eigentlichen Aufgaben vernachlässigt. „Es fühlt sich an, als würde er uns nicht vertrauen.“

Reflektieren Sie Ihre eigenen Erfahrungen und Beobachtungen. Welche Rolle möchten Sie gerne einnehmen, wo sehen Sie Ihre Stärken am besten eingesetzt? Wenn Sie sich dann nicht sicher sind, ob eine bestimmte Menge an Führungsverantwortung zu Ihnen passt, ist das kein Problem. Außer an der Hochschule ist es möglich, zwischen Management- und Expertenrolle zu wechseln.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 04/22 Wir reden über dasselbe

In einem Karriereworkshop sehen wir uns Stellenausschreibungen aus der Industrie an. „Diese Anzeige ist wirklich nicht für Berufseinsteigerinnen geschrieben“, sagt Sam und teilt ihren Bildschirm. Sie deutet auf eine Zeile, von der sie sich besonders vor den Kopf gestoßen fühlt: Erfahrungen im Matrix-Projektmanagement sind eine Voraussetzung. „Wie hätte ich denn solche typischen Industrie-Erfahrungen während meiner Unizeit sammeln können?“ Ich möchte an dieser Stelle die Begriffe genauer betrachten. Vielleicht ist es der Industriejargon, der die Verunsicherung hervorruft. 

„Wer von Ihnen könnte ein Organigramm des eigenen Departments zeichnen?“, frage ich in die Runde. Teils entsetzte, teils amüsierte Blicke. An einem typischen Uni-Department sind nur wenige der Verantwortlichkeiten in einer hierarchischen Struktur ersichtlich. Der Rest ergibt sich aus den Interaktionen zwischen Mitgliedern verschiedener Gruppen und Individuen. Und das ist die Definition der Matrixstruktur: Projekte werden von zeitlich begrenzten Teams aus verschiedenen Zweigen der Struktur bearbeitet. „Sie alle haben also bereits Erfahrung darin, in einer Matrix zu arbeiten, Sie nennen es nur anders.“

Ich zeige eine Grafik von Nick Reddiford, www.researching.io/blog/researching-skills. Basis dafür sind tausende Fragebögen und Interviews mit Promovierenden sowie Wissenschaftler:innen aus der Industrie. „Auf der linken Seite sehen Sie die Top-10-Fähigkeiten, mit denen sich akademische Wissenschaftler:innen beschreiben. Rechts sind die Fähigkeiten, die sich die Industrie wünscht. Projektmanagement ist rechts an Position zwei.“ Ich erweitere die Tabelle auf der linken, akademischen Seite. Projektmanagement findet sich auch hier, allerdings erst auf Rang 35.

Wer eine naturwissenschaftliche Masterarbeit oder eine Promotion anfertigt, bearbeitet ein komplexes Projekt. Dazu gehört Projektmanagement, ob es nun Ihrem Bauchgefühl oder einer professionellen Infrastruktur entspringt. Frische Absolvent:innen beschreiben ihre Fähigkeiten ungern mit Begriffen wie Projektmanagement, da sie diese der Welt der Industrie zuordnen. Hilfreicher ist es, wenn Sie auf die Substanz dessen schauen, was Sie in den letzten Jahren getan haben; beschreiben Sie dies dann mit Begriffen, die der Gegenseite geläufig sind. Das ist keine Aufschneiderei, sondern Übersetzungsarbeit.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 03/22 In der Grauzone navigieren

In einem Workshop beschäftigen wir uns mit Vorstellungsgesprächen. Isolde meldet sich zu Wort: „Wie reagiere ich auf Fragen nach Kindern?“ „Oder bei Fragen nach der Gesundheit?“, fragt Pavel, der zuvor freimütig von seiner Diabeteserkrankung erzählt hatte. 

Eine Faustregel: Fragen sind zulässig, wenn der Arbeitgeber dadurch einschätzen kann, ob Sie die Aufgaben der Arbeitsstelle in der Regel erfüllen können. In diesem Sinne darf eine künftige Busfahrerin zu ihrem Augenlicht befragt werden. Wissenschaftler:innen arbeiten häufig in Laboren oder Büros, weshalb die meisten gesundheitlichen Einschränkungen kein Ausschlusskriterium sind. Wie steht es mit Leuten, die ihre Arbeit zwar ausfüllen können, jedoch ein erhöhtes Ausfallrisiko haben – etwa durch eine chronische Krankheit wie der Diabetiker Pavel oder die Eltern kleiner Kinder? Das gilt als „Allgemeines Lebensrisiko“, ist also ein normaler Teil des Lebens. Diese Bewerbenden können ihre Stelle in der Regel ausfüllen, Fragen danach sind unzulässig. „Was mache ich, wenn solche Fragen dennoch gestellt werden?“, erkundigt sich Elisa. 

Im Vorstellungsgespräch ist Ihr Privatleben vor neugierigen Fragen geschützt. Meist werden diese Fragen allerdings nicht als solche gestellt. Es werden eher vieldeutige Aussagen in den Raum gestellt: „Sie sind sich hoffentlich bewusst, dass so eine anspruchsvolle Stelle kaum mit umfangreichen privaten Verpflichtungen zu vereinbaren ist.“ In diesem Fall ist die einfachste Antwort, die Aussage zu bestätigen, ohne etwas über sich selbst preiszugeben: „Ja, ich bin mir dessen bewusst.“ Wenn solche Fragen als Fragen formuliert werden, begeht der Arbeitgeber einen Rechtsbruch. Sie dürfen schweigen, lügen oder vor Gericht klagen. Leider haben alle drei Optionen Schwächen. In ein Schweigen würden Arbeitgeber hineininterpretieren, was sie möchten. Lügen ist ebenfalls schwierig: Bekommen Sie das in einer stressigen Situation hin, und wäre eine positive Zusammenarbeit danach überhaupt möglich? Und wer möchte gegen seinen zukünftigen Arbeitgeber vor Gericht ziehen? 

Es gibt zumindest eine halbwegs praktikable Lösung. Sie können einen Warnschuss abgeben und das Gespräch zurück aufs Wesentliche lenken: „Wenn Sie mir erklären können, was meine Familienpläne mit meiner Arbeit auf dieser Stelle zu tun haben, beantworte ich die Frage gerne.“ Sie lassen dadurch erkennen, dass Sie Bescheid wissen, stellen aber nicht gleich Drohungen in den Raum.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 02/22 Was brauchen Sie wirklich für eine Stelle?

„Ich möchte zwei Fragen mit Ihnen diskutieren“, gebe ich in einem Karriereseminar in die Runde. „Was ist nötig, um eine gute Qualitätsmanagerin zu werden? Und was ist nötig, um eine exzellente Qualitätsmanagerin zu werden?“ Pauls Gesicht verzieht sich, bevor er antwortet: „Das ist offensichtlich eine Fangfrage, aber mir fällt nichts Besseres ein: Erstens, Liebe zur Erbsenzählerei. Zweitens, große Liebe zur Erbsenzählerei.“ „Erwischt“, gebe ich gespielt gekränkt zu. „Das war eine Fangfrage. Beim ersten Teil stimme ich zu.“ Um ein halbwegs brauchbarer Qualitätsmanager zu werden, würde es reichen, mit Freude exakt und detailversessen zu arbeiten. Was aber macht eine exzellente Qualitätsmanagerin aus? Wo trennt sich der Weizen von der Spreu? 

Das Alltagsleben von Qualitätsmanagern sieht etwas anders aus als viele meinen. Audits sind der Kern ihrer Arbeit. In stundenlangen Meetings untersuchen sie zusammen mit den Verantwortlichen aus den jeweiligen Abteilungen, ob es in der Dokumentations- und Arbeitsinfrastruktur Schwächen gibt und wie diese zu beseitigen sind. Solche Audits sind klassische Beispiele für „Wichtig, nicht dringend“: Die Verantwortlichen sitzen meist wie auf glühenden Kohlen, um sich wieder dem Tagesgeschäft widmen zu können.

„Für so ein Audit braucht man ein dickes Fell“, wirft Geraldine ein. Damit bringt sie die Diskussion auf den rechten Weg. Die Kernfähigkeiten, um sich im Qualitätsmanagement von gut zu exzellent zu entwickeln, sind: Verhandlungsgeschick, Freundlichkeit, verständnisvolles und gleichzeitig nachdrückliches Auftreten, die Fähigkeit, mit den Spezialist:innen pragmatische und dabei regelkonforme Lösungen entwickeln. Dafür müssen sich Qualitätsmanager:innen in verschiedene Arbeitsbereiche eindenken können. Die Anforderungen, um in diesem Berufsfeld lediglich zu funktionieren, unterscheiden sich von denen, um darin richtig gut zu werden.

So eine Analyse der Erfolgskriterien sollten Sie mit einer Reihe an Berufsbildern machen, bevor Sie sich entscheiden, in welche Richtung Sie sich entwickeln möchten. Sie können dadurch deutlich besser vorhersehen, ob Sie in dieses Umfeld passen könnten. Und wenn Sie sich bewerben, werden Sie sich nicht nur mit Allgemeinplätzen oder kopierten Formulierungen aus der Stellenanzeige darstellen. Sie können dann das Bild einer erfolgreichen Mitarbeiterin zeichnen, die weiß, worauf sie sich einlässt.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 01/22 Das Internet vergisst nichts

In einem Karriere-Workshop möchte ich beleuchten, welche Spuren wir im Internet hinterlassen. Ich teile einen Artikel über einen Bewerber, dessen Bewerbungsphase von seinem schillernden Facebook-Profil überschattet wurde: Drogen, Corona-Parties und schnell wechselnde nichtplatonische Bekanntschaften. Sabine holt nach einem Lachanfall Luft: „Immer witzig, so etwas zu lesen, aber so dämlich ist doch niemand, oder?“ „Ich kenne genügend Fälle von gebildeten Leuten, die ähnlich naiv gehandelt haben,“ entgegne ich. Ein ehemaliger Kollege beispielsweise hatte sich krank gemeldet, ging auf ein Musikfestival und postete das auf Instagram. Dieser Vertrauensbruch wurde mit fristloser Kündigung quittiert.

Die virtuelle Welt beeinflusst unser reales Leben. „Welche weniger offensichtlichen Fallstricke gibt es selbst für bedachte Internetnutzer:innen?“, frage ich in die Runde. Es dauert ein wenig, doch dann fällt Eduardo eine ehemalige Kollegin ein, die unbedingt in den Wissenschaftsjournalismus wollte. Im zweiten Jahr ihrer Doktorarbeit besuchte sie eine Konferenz, für die sie nur pro forma ein Abstract einreichen musste. Da sie nicht viel Zeit hatte, kopierte sie hektisch ein paar Sätze zusammen. In ihrem ersten Bewerbungsgespräch sah sie zu ihrem Schrecken einen Ausdruck von genau diesem Abstract auf dem Tisch. So ein Abstract kann als Arbeitsprobe für eine ganze Reihe von Berufen dienen.

Veraltete Profile in sozialen Medien oder Datenbanken für Stellensuchende sehen nicht nur schlecht aus, sie können auch dazu führen, dass Sie als inkonsistent wahrgenommen werden. Aussagen im Anschreiben wie: „Ich möchte nichts lieber als meine Ausbildung zur Patentanwältin bei Ihnen beginnen“, passen nicht zu der „Liebe zur Feldforschung“, die dieselbe Bewerberin ein Jahr zuvor geäußert hatte.
Genauso ungünstig kann es sein, wenn Sie im Internet gar nicht zu finden sind – etwa wenn Sie sich auf Stellen in PR- oder Marketing-Abteilungen bewerben. Ihr „hohes intrinsisches Interesse an modernen Kommunikationsformen“ verliert dadurch an Glaubwürdigkeit. 

Moderne Kommunikations- und Selbstvermarktungswege sind weder gut noch schlecht, sie sollten eben mit Verstand beschritten werden.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 12/21 Bin ich eine Verliererin?

Nach einem Workshop sucht eine Teilnehmerin das Gespräch mit mir. „Ich habe das Gefühl, ich bin eine Verliererin“, vertraut sie mir an. Ist das nun übertriebenes Understatement oder das besonders im Hochschulbereich verbreitete Hochstaplersyndrom? Mir jedenfalls erschien sie als die aufgeweckteste Teilnehmerin im ganzen Kurs. „Wie kommen Sie darauf?“, erkundige ich mich. „Nun ja, all meine gleichaltrigen Bekannten haben feste Stellen, bekommen Kredite für einen Hauskauf, während ich in meiner Projektarbeit auf der Stelle trete“, führt sie aus. Sechs Sprachen hat sie sich bereits selbst beigebracht, doch nur Englisch und ihre Muttersprache spricht sie fließend. Sie hat ständig Ideen, doch hat der Tag bekanntlich nur 24 Stunden, weshalb sie unter dem nagenden Gefühl der Überforderung leidet. 

„Sie sind keine Verliererin, Sie sind eine Starterin“, kann ich sie beruhigen. Starter sind impulsive, kreative Menschen, die ständig Ideen aushecken, allerdings wenig Interesse am Abschluss einer Sache haben. „Langweilig, nichts Neues“ scheint ihnen ein innerer Quälgeist zuzurufen. Starter sind keineswegs Verlierer, sie benötigen nur das richtige Umfeld, in das sie sich hineinbewegen – oder das sie sich aufgrund ihrer Persönlichkeit oft genug selbst schaffen. Wichtig für Starter ist das Zusammenspiel mit ihrem Gegenstück, den Finishern. Diese sehen nichts lieber als den Absenden-Knopf, wenn ein Arbeitspaket abgeschlossen ist. Sie sind Leute, die etwas schaffen und strukturiert arbeiten. Starter können nicht ohne Finisher und andersrum. 

Was bedeutet das im Einzelfall? Bewerben Sie sich nur auf Stellen, bei denen Sie sich als Starterin oder Finisher ausleben können. Eine technische Fähigkeit können Sie später noch in der Berufspraxis erlernen, doch Ihre Persönlichkeit können Sie kaum ändern, das müssen Sie bereits bei der Auswahl der Stellen beachten. 
Wählen Sie Bewerbende aus oder stellen ein Team zusammen? Dann achten Sie auf Balance zwischen verschiedenen Typen, die je nach Aufgabe immer ein wenig anders aussehen wird. Bei einem Start-up benötigen Sie andere Qualitäten als für eine Qualitätsmanagementabteilung. 

In manchen Situationen müssen wir tun, was die Aufgabe verlangt, etwa wenn die Starterin ihre Abschlussarbeit fertigstellen muss. Soweit möglich sollten Sie sich in Rollen hineinfinden, die zu Ihrem Persönlichkeitstypen passen.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 11/21 Was den ersten vom zweiten Schritt unterscheidet

„Jana hat echt Mumm“, höre ich Bartosz in der Kaffeepause eines Karriereseminars erzählen. Neugierig schließe ich mich dem Gespräch an. „Sie hat vor zwei Jahren in unserer Arbeitsgruppe promoviert und gleich eine Stelle in der Industrie bekommen. Jetzt hat sie hingeschmissen – ohne eine neue Stelle zu haben.“ „Ist die mutig!“ „Oder dumm?“ „Wow“, raunt es durch die Gruppe.

Nach der Pause nutze ich den Fall für einen spontanen Exkurs: „Ist Jana dumm oder mutig?“, frage ich in die Runde. „Raffael aus unserer Gruppe könnte seine Bude mit seinen Angewandten-Papers tapezieren, und dennoch hat er mehr als ein halbes Jahr gebraucht, um eine Stelle zu finden. Ich stimme für dumm“, konstatiert Hedwig.

Die GDCh-Statistik führt uns jedes Jahr vor Augen, dass selbst hochqualifizierte Chemiker:innen beim Berufseinstieg gute Nerven beweisen müssen. Im Juli berichteten die Blauen Blätter, dass im ersten Jahr nach Abschluss ein Fünftel auf Inlands-Postdocs parkt, zehn Prozent gar arbeitslos sind. Wir sehen seit mehr als einem Jahrzehnt hohe Einschreibungszahlen in Chemiestudiengängen, während der Arbeitsmarkt kaum wächst. Der Wettbewerb kann also hart sein.

„Die Arbeitslosenquote unter Chemiker:innen ist unter drei Prozent, die GDCh-Zahlen kommen mir zu hoch vor“, protestiert Esther. 

Es ist ein gängiges Phänomen: Nach einem schwierigen Berufseinstieg wirkt der Wechsel von Stelle zu Stelle meist wie ein Kinderspiel. Auf das Berufsleben gerechnet ist die Arbeitslosigkeit dann gering. Was also ändert sich zwischen erster und zweiter Stellensuche? Ich sehe folgende Faktoren: Ist der Berufseinstieg geschafft, haben wir besseren Zugang zu industriespezifischen Netzwerken und erlernen neue Fähigkeiten. Und wir lernen mehr Karriereoptionen kennen, sodass wir am Arbeitsmarkt leichter eine Nische für uns finden. Ich vermute also, dass Jana ihren Marktwert selbstsicher einschätzt.

Von der Hochschule aus solche Netzwerke zu entwickeln und Nischen im Arbeitsmarkt zu entdecken, ist schwieriger, aber keineswegs unmöglich. Fortbildungen, zum Beispiel über Graduiertenschulen, können dabei helfen. Darüber hinaus können Sie in gezielten Gesprächen etwas über Ihre Optionen erfahren und dabei Kontakte außerhalb der Hochschule knüpfen. 

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 10/21 Wer liest Ihre Bewerbung?

In einem Seminar besprechen wir Bewerbungen. „Hier sehen Sie eine Karte Ihrer Stadt. Wo ist wohl der Quadratmeterpreis besonders hoch?“, frage ich in die Runde. „Wo viel Schampus getrunken wird und wenig los ist“, ruft Ralf, der die Stadt wie seine Westentasche kennt. Genau wie in einer Stadt gibt es auch in Ihren Bewerbungsunterlagen besonders teure Gegenden, nämlich die Stellen, die naturgemäß die Blicke der Leserschaft auf sich ziehen. Dort sollten daher die relevantesten Informationen stehen.

„Wer wird Ihre Bewerbung lesen?“, frage ich weiter. „Meine künftige Vorgesetzte, also vermutlich jemand mit wissenschaftlichem Hintergrund, und jemand aus der Personalabteilung“, meint Sofia. „Und manchmal filtert eine Art Algorithmus die Unterlagen nach Schlüsselwörtern“, ergänzt Burcu. Sie haben also mit bis zu drei Lesergruppen zu tun. Bei kleinen Firmen wird lediglich die Chefin die Bewerbung lesen, die vermutlich Wissenschaftlerin oder Ingenieurin ist. Bei größeren Firmen macht das zudem die Personalabteilung und bei den ganz großen noch ein Algorithmus. Die Reihenfolge ist allerdings so: zuerst prüft der Algorithmus, dann die Personalabteilung und schließlich die Fachabteilung. Die Stimme künftiger Vorgesetzter kommt nur dann zum Tragen, wenn die Personalabteilung Ihre Bewerbung überhaupt weiterleitet.

Die Teile Ihrer Bewerbung, auf die die menschliche Leserschaft zuerst schaut, sind besonders wertvoll: Das Bewerbungsfoto zieht Blicke auf sich, danach alles, was weit oben steht oder hervorgehoben ist. Platzieren Sie dort ausschließlich Information, die speziell diesen Arbeitgeber interessieren. Sie haben Spielräume, etwa indem Sie unter das Foto eine kleine Zusammenfassung Ihres Profils in drei Stichpunkten schreiben oder indem Sie bei „Fähigkeiten“ die für diesen Arbeitgeber wichtigsten nach oben rücken. Personaler achten mehr auf Motivation und Persönlichkeit, was Sie für diese Lesergruppe herausarbeiten sollten. Mit Jargon und wissenschaftlichen Details sollten Sie in jedem Fall sparsam umgehen – die versteht keiner Ihrer Leser. Der Algorithmus schließlich erhält seine Stichwörter aus den billigen Teilen Ihrer Bewerbung, etwa indem Sie triviale Kriterien aus der Stellenausschreibung wie „MS Office“ im unteren Teil bei Fähigkeiten listen.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 09/21 Fragen Sie jemanden, der sich auskennt

„Vielleicht klingt es wie ein Luxusproblem“, berichtet Dirk in einem Karriereseminar. „Ich habe bereits ein Stellenangebot, bei einer finnischen Firma. Ich müsste also in ein anderes Land ziehen. Wie kann ich wissen, worauf ich mich einlasse?“

Natürlich hat Dirk das Internet nach allen verfügbaren Quellen zur Firma durchsucht und zudem im Vorstellungsgespräch einen Eindruck gewonnen. Doch was ist Fassade, was ist Substanz? Dazu kommen der organisatorische Aufwand und die kulturellen Veränderungen im Ausland. Keine Entscheidung, die man auf die leichte Schulter nehmen sollte. „Wie komme ich an authentische Informationen, noch dazu in kurzer Zeit?“, fragt er.

Ein bewährtes Mittel, das glücklicherweise auch in CoronaZeiten funktioniert, sind Gespräche mit Expertinnen. Nehmen Sie Kontakt auf mit Leuten, die mehr über ein Thema wissen als Sie. In Dirks Fall wären das also alle, die schon einmal in Finnland gelebt und die für dieses Unternehmen gearbeitet haben – auch an anderen Standorten.

Wie stellen Sie das an? Eine unpersönliche Anfrage an info@unternehmen.com hat geringe Erfolgsaussichten. Einen engen persönlichen Kontakt benötigen Sie für so eine Anfrage trotzdem nicht. Im Idealfall fädelt jemand, der Sie kennt, den Kontakt ein. Doch wenn das für Sie nicht möglich ist, stoßen Sie bei Ihrer Recherche hoffentlich auf persönliche E-MailAdressen oder Profile in den sozialen Medien. Dann reicht es oftmals, wenn aus Ihrer Anfrage hervorgeht, dass Sie sich vorbereitet haben. Sie müssen ausdrücken, dass Sie mit genau dieser Person sprechen möchten.

Wechseln wir kurz die Perspektive: Warum sollte jemand einer fremden Person seine wertvolle Zeit widmen?

Menschen reden gerne über sich selbst. Durch den Rahmen „Expertinneninterview“ unterstreichen Sie den respektvollen Ansatz. Sie tun Ihnen einen einfachen, jedoch wertvollen Gefallen und fühlen sich dabei effektiv und nützlich. Und der Gefallen kommt ja vielleicht irgendwann zurück.

Expertinneninterviews sind Netzwerk-Instrumente, die mit Introvertierten auf beiden Seiten kompatibel sind. Voraussetzung ist, dass sie gut vorbereitete, inhaltsgetriebene Einzelinteraktionen sind.

Nach dem Gespräch fragen Sie nach weiteren Kontakten, mit denen Sie sprechen können. Dadurch werden Sie sich durch einzelne Puzzlestücke Antworten auf Ihre Fragen zusammensetzen.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 07-08/21 Aufschreiben statt vermuten

In einem Workshop diskutieren wir Bewerbungsunterlagen. „Meine Publikationsliste wird mir bei den Bewerbungen das Genick brechen“, murmelt Adrian. Er hat sich in seiner gesamten Promotion auf ein einziges Projekt konzentriert. Als seine Chefin die Ergebnisse zur Publikation einreichte, stand er bei den Autoren nur an Stelle drei. „Ich bin immer davon ausgegangen, dass ich bei der Publikation der Erstautor sein werde.“ „Glücklicherweise wollen Sie sich sowieso in Richtung Industrie orientieren“, werfe ich ein, „da zählt die Publikationsliste viel weniger als an der Uni“, und ergänze: „Lassen Sie uns dennoch einen Blick darauf werfen, wie sich solche Situationen vermeiden lassen.“

Hätte Adrian vor Projektbeginn eine Vereinbarung mit seiner Chefin getroffen, stünde er heute möglicherweise besser da. Die Industrie ist hier Vorbild: Dort wird vor Beginn eines Projekts ein Projektplan verfasst, der die Verantwortlichkeiten definiert. Es ist zwar unrealistisch, den Apparat eines Industriebetriebs an der Universität nachzustellen. Auch ist akademische Forschung ergebnisoffener, weshalb es schwieriger ist, Vereinbarungen über die Zukunft zu treffen. Könnten wir dennoch Verbindlichkeit erreichen, ohne die Kreativität mit allzu viel Papierkram abzuwürgen?

Schreiben Sie auf, worauf Sie sich mit dem Betreuer informell geeinigt haben, verwandeln Sie Annahmen in konkrete Aussagen. Das muss kein rechtssicherer Vertrag sein. Eine E-Mail, mit der Sie ein Gespräch protokollieren, kann Wunder wirken: Damit agieren Sie als Kollegin, die anderen einen Gefallen tut. Sie können die E-Mail etwa so beenden: „Lass mich wissen, wenn ich etwas vergessen oder falsch verstanden habe.“ Mit dieser minimalen Dokumentation erzeugen Sie Klarheit und können im Streitfall mit Fakten statt mit Annahmen argumentieren. Bei fortlaufenden, komplexen Projekten können Sie ein gemeinsames Dokument teilen, in dem dann etwa die Liste der Autor:innen laufend und transparent für alle ans Geschehen angepasst wird. Sie vermeiden durch mehrere kleine Abstimmungen im laufenden Projekt einen großen Streit am Ende.

Anwälte streiten sich, ob eine E-Mail der Schriftform genügt, um vor Gericht zu gelten. Darum geht es im Umgang zwischen Kolleg:innen nicht. Aufzuschreiben, was Sie gehört haben, ist kein Ausdruck des Misstrauens und muss nicht viel Zeit kosten. Sie treten damit professionell auf und vermeiden Konflikte durch sachliche Diskussionen.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

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zuletzt geändert am: 01.06.2022 09:05 Uhr von A.Miller