Karrierekolumne

Karrierekolumne aus den "Nachrichten aus der Chemie"

Philipp Gramlich und Karin Bodewits sind Gründer von Natural Science Careers – ein Unternehmen für Karriereberatung und Soft-Skill-Seminare für Naturwissenschaftler:innen. Für die Nachrichten aus der Chemie schreiben beide über Beobachtungen aus ihrer Beratungstätigkeit.

 

Heft 06/21 Bittere Lektüre

„In etwa einem Jahr bin ich mit der Promotion fertig und brauche einen Job, bis dahin werde ich mich wohl kaum in Superwoman verwandeln“, stöhnt Vera. Sie hat sich Stellenanzeigen angesehen, und es erging ihr dabei wie Vielen: Stellenanzeigen sind eine unangenehme Lektüre für das Selbstbewusstsein. Sie geben uns das Gefühl, die Stellen seien für viel besser Qualifizierte geschaffen.

„Superwoman wohnt nicht in Deutschland, machen Sie sich also keine Sorgen“, beruhige ich sie. „Horst Meier ist Ihr Konkurrent um die Stelle. Das ist die Messlatte.“ Stellenausschreibungen sind nicht nur für die Bewerbenden geschrieben, sondern sollen den Arbeitgeber auch gegenüber all den zufälligen Leser:innen in ein positives Licht setzen. Daher klingen sie oft mehr nach Superwoman als nach Horst Meier.

„Onzin“, grummelt Wouter, seine verschränkten Arme vor der Brust lassen keinen Zweifel an der Bedeutung des Worts. „Wie sieht es denn bei Stellenausschreibungen in den Niederlanden aus?“, frage ich ihn. Ich bin dankbar, dass er mir die Überleitung in kulturelle Unterschiede so leicht gemacht hat. „Eine Stellenausschreibung beschreibt die Person, die die Stelle mal einnehmen wird. Alles andere ist doch ... Unsinn.“

Stellenausschreibungen klingen nicht überall auf der Welt unrealistisch. Wenn Sie sich im Ausland bewerben, sollten Sie mit Leuten sprechen, die dort arbeiten, um die Anforderungen in Stellenanzeigen zu kalibrieren.

„Aber wenn da ein Muss-Kriterium steht, das ich nicht erfülle, dann bin ich raus, oder?“, erkundigt sich Vera. Die Anforderungen an die Bewerbenden sind oftmals in Kann- und Muss-Kriterien eingeteilt oder einfach in der Reihenfolge fallender Bedeutung geordnet. Die Abstufung zwischen Kann und Muss ist dann fließend. Wenn Sie zwischen 60 und 70 Prozent der Kriterien erfüllen, werden Ihre Bewerbungen langsam realistisch. Fokussieren Sie Ihre Bewerbung auf Ihre Stärken. Auf die fehlenden Punkte müssen Sie nicht zwingend eingehen.

Bei den Muss-Kriterien ist das anders: Sie müssen sie nicht unbedingt erfüllen, aber Sie müssen sie ansprechen. Zeigen Sie, wie Sie sich in die Richtung entwickeln könnten oder wie Sie die Schwäche mit Stärken kompensieren. Tun Sie das an sichtbarer Stelle, etwa im ersten Drittel des Anschreibens, um nicht voreilig aussortiert zu werden. Sie zeigen dadurch Reflexionsvermögen und sind durchaus noch im Rennen, wenn der Rest Ihrer Bewerbung stark ist.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 05/21 Erzählen Sie mal über sich

Vor einigen Jahren stand ich mit schlotternden Knien auf meiner ersten wissenschaftlichen Konferenz. Wie spannend, wie nervenzerreibend ... Ein gepflegter Herr mittleren Alters nähert sich wortlos meinem Poster und studiert es konzentriert. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn ansprechen soll. So ist es mein Gast, der die Initiative ergreift: „Could you quickly walk me through your poster, please?“ Meine Erklärungen sind verworren. Er verliert bereits nach wenigen Sätzen das Interesse.

Nach der Konferenz recherchiere ich: ein renommierter Professor aus Oxford, dessen Arbeit wir mit unserer Methodik gut unterstützten könnten. Ich sah mich schon als Koautor auf einer seiner Publikationen, doch leider reagierte er nicht auf meine Emails. Welch eine vertane Chance.

Wir müssen uns und unsere Projekte ständig vorstellen. Zum Thema „pitchen“, wie kurze Vorstellungsformate im Englischen gerne genannt werden, finden wir viele Anleitungen zu geschliffenen Monologen. Leider sind diese nicht authentisch und neigen dazu, Selbstmarketings überzubetonen. Muss das so sein?

In einer Klassifizierung wäre meine Posterpräsentation Stufe 0: keine Vorbereitung, Gestammel. Der geschliffenen Monolog wäre dann Stufe 1: Vorbereitet, aber zu glatt. Stufe 2 ist glücklicherweise recht einfach zu erreichen: Wir müssen uns dafür interessieren, wen wir vor uns haben, und unsere Erklärungen anpassen. Das ist durch die Rückfrage nach dem fachlichen Hintergrund des Fragestellers zu erreichen – idealerweise vertieft durch Rückfragen wie: „Ist es das, was Sie interessiert?“

Es gibt eine dritte Stufe, wie ich neulich in einem meiner Seminare erlebte. Auf meine Aufforderung, sich gegenseitig ihre Projekte vorzustellen, verfielen zwei Teilnehmer in scheinbar belangloses Geplauder. Nach ein paar Minuten stellte ich sie auf die Probe und fragte, was sie voneinander erfahren hatten. „Sven hat gerade seinen zweiten Postdoc begonnen, den er als Sprungbrett für eine Ausgründung verwenden will. Er hat ein Verfahren entwickelt, das Pilzbefall auf Oberflächen ohne zusätzliche Chemikalien verhindert. Das funktioniert so...“ Ich war beeindruckt, wie viel Information die beiden in der kurzen Zeit ausgetauscht hatten. Das war Stufe 3: eine entspannter und gleichzeitig zielgerichteter Dialog.

Selbstvorstellungen in Monologform sind nicht ideal, aber auch nicht nutzlos. Sehen Sie diese als Vorübungen zu den höheren Stufen an.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 04/21 Chatten funktioniert immer

„Seit der Pandemie haben unsere Doktorandinnen keine Chance mehr, ein akademisches Netzwerk aufzubauen. Haben Sie vielleicht eine Lösung dafür?“ erkundigt sich eine Professorin bei der Abschlussrunde ihres Online-Retreats. Ich entgegne: „Für das Netzwerken ist die Pandemie gar nicht so schlecht!“

Wie diese Professorin bin ich früher oft zu Konferenzen gereist. Nach ellenlangen Vortragsblöcken begannen die wirklich wichtigen Teile: Kaffeepause, Mittagspause, Konferenzdinner. Oft wackelte ich durch überfüllte Räume mit schrecklicher Akustik. Ich wählte eher zufällig einen Stehtisch und hoffte, dort eine interessante Person zu erwischen. Dabei war ich ständig in einem Balanceakt: Hunger stillen, aber nicht mit vollem Mund sprechen, eine Frage stellen, dezent abbeißen und dann interessiert und kauend zuhören. Das Timing klappte selten. Stattdessen geht es so: Frage erhalten, Häppchen unzerkaut schlucken, hektisch antworten. Andersherum kann es schwierig sein, sich auf einen Gesprächspartner zu konzentrieren, der mampfend Monologe hält. Ganz zu schweigen davon, dass weder ich noch andere Menschen am Ende eines langen Konferenztags gut riechen.

Bei virtuellen Netzwerkereignissen treten solche Probleme nicht auf. Zwar ist ein zufälliges Gespräch während einer Kaffeepause nicht einfach online reproduzierbar, doch Sie können viel tun, um virtuell zu netzwerken, wenn Sie Ihre Vorgehensweise anpassen. Der erste Schritt besteht darin, sich mit der Technik vertraut zu machen. Lehnen Sie Einladungen ab, wenn die Konferenzplattform zu selbstgebastelt wirkt und Sie Zeitverschwendung fürchten.

Wie im persönlichen Gespräch sollten Sie auch online Interesse zeigen und Fragen stellen. Dafür gibt es die Chat-Funktion, mit der Sie während eines Vortrags Fragen stellen, Fragen anderer beantworten oder auf deren Kommentaren aufbauen können. Sie können in Konferenzen reinschnuppern, für die der Aufwand einer Anreise zu groß wäre. Dazu kommen die sozialen Medien, die die Kontaktaufnahme unterstützen. Natürlich sind Einzelgespräche für die Vernetzung enorm wichtig. Übernehmen Sie die Initiative und laden Sie Menschen zu einem virtuellen Kaffee oder einem Expertinnengespräch ein: „Ich würde das gerne weiter mit Ihnen besprechen.“ Ihre Gesprächspartnerin wird sich über so eine Einladung freuen, vor allem, wenn sie sich selbst noch nicht in der neuen Netzwerk-Realität zurechtfindet.

Karin Bodewits, k.bodewits@naturalscience.careers

Heft 03/21 Geht es nur darum, wen Sie kennen?

Wir haben gerade unser Netzwerkseminar damit begonnen, dass die meisten Jobs in der Wissenschaft und außerhalb über das persönliche Netzwerk vergeben werden. Menschen zu kennen ist der Schlüssel zum Erfolg, sagte ich. „Es stört mich“, grummelt Max, „dass es nur darum geht, wen du kennst.“ „Ich gebe zu, einige Dampfplauderer kommen leider ziemlich weit, wenn sie die richtigen Leute kennen. Aber die meisten nutzen eine Kombination aus Netzwerk und Fachwissen, um an die Spitze zu gelangen,“ tröste ich ihn. 

Ein Beispiel ist Paul Erdös. Er war Mathematiker und die vermutlich schrulligste Netzwerkikone in der Geschichte der Wissenschaft. Erdös arbeitete mit über 500 Forschern zusammen und publizierte dadurch in einem Jahr mehr als die meisten Forschenden in ihrem gesamten Leben. Mathematische Probleme zu lösen war für ihn eine soziale Aktivität. Erdös war großartig in Mathematik und eine Person, die andere Wissenschaftler besser machen wollte. Er ermutigte sie und half ihnen. Paul Erdös war aber auch eigenartig. Das Time Magazine betitelte ihn als „The Oddball‘s Oddball“. Erdös erschien ohne Vorwarnung vor der Haustür anderer Mathematiker – in schmutzigem Regenmantel und durch Amphetamine aufgedreht. Für einen Tag, eine Woche oder einen Monat mussten sich seine mehr oder minder freiwilligen Gastgeber um diesen hilflosen Gast kümmern. Er kochte nicht, und seine Unterhosen wusch er auch nicht selbst. Hatte er mitten in der Nacht plötzlich Lust auf Mathematik, weckte er seine Gastgeber, indem er auf Töpfe und Pfannen schlug. 

„Stellen Sie sich vor, Erdös wäre nicht besonders gut in Mathe gewesen. Er würde – ohne Vorwarnung – an Ihre Tür klopfen und Sie mitten in der Nacht wecken, um Rechnungen durchzuführen. Außerdem würde er Sie bitten, für ihn Essen zu machen und seine Wäsche zu waschen. Würden Sie sein Verhalten ertragen?“ Max fängt an zu lachen. „Wahrscheinlich nicht“, antwortet er. „Genau. Erdös war brillant, er hatte etwas zu bieten. Deshalb tolerierten die Leute diesen wunderlichen Charakter.“ 

Auch Sie müssen etwas zu bieten haben. Erarbeiten Sie sich Wissen und Fähigkeiten, die Sie einzigartig machen. Verlieren Sie dabei nicht den Willen, nicht nur sich, sondern auch Andere weiterzubringen. Das erleichtert das Netzwerken. Denn es geht nicht nur darum, wen Sie kennen. Es geht auch darum, was Sie wissen.

Karin Bodewits, k.bodewits@naturalscience.careers

Heft 02/21 Geht es nur ums Geld?

In einem Karriereseminar für Promovierende besprechen wir verschiedene Berufsbilder. „Ich habe gehört, in der Industrie geht es nur ums Geld. Stimmt das wirklich?“, meldet sich Raffael zu Wort. „Ja, natürlich, um was denn sonst?“, entgegne ich mit gespielter Naivität. Alle Organisationen haben ihre eigenen Erfolgskriterien. In der Industrie ist Geld das dominante Erfolgskriterium. „Wie sieht es denn bei Ihrer Doktormutter aus?“, hake ich nach. „Wonach strebt sie?“ „Veröffentlichungen“, antwortet Raffael nach kurzer Denkpause, „was denn sonst?“, wobei er mich bei den letzten drei Worten nachahmt. 

Wenn wir betrachten, ob eine Organisation zu uns passt, müssen wir deren zentrale Erfolgskriterien kennen und entscheiden, ob diese zu uns passen. Allerdings sind voreilige Schlüsse zu vermeiden. Das Erfolgskriterium Geld bedeutet nicht automatisch Turbokapitalismus oder Ausbeutung. Genauso wenig ist das Erfolgskriterium Publikationen mit idealistischem Streben nach Wissen gleichzusetzen. Es kommt immer darauf an, wie genau dieser Erfolg im konkreten Fall erreicht werden soll: mit oder ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt. Publikationen können genauso auf einem Götzenaltar stehen wie Geld. 

„Es gibt doch noch andere Arbeitgeber als Hochschule und Industrie“, wirft Sandra ein. Ich pflichte ihr bei, aber entgegne, dass wir auch hier dieselben Betrachtungen anstellen. Der öffentliche Dienst erhält seine Aufgabe – und damit seine Erfolgskriterien – von den übergeordneten Stellen, etwa den Ministerien. Es geht darum, mit Steuergeldern einen Dienst an der Gemeinschaft zu verrichten. So weit, so idealistisch. Jede Organisation strebt allerdings auch nach Selbsterhalt. Im schlimmsten Fall kämpft dann Bürokratie gegen Modernisierung. 

Letzter Versuch von Raffael: „Gemeinnützige Organisationen. Das Erfolgskriterium ist Gutes tun. Was ist dabei die negative Seite?“ Hier ist es wieder der Klassiker Selbsterhalt. Der zeigt sich dann, wenn NGOs Spendengelder mit rührseligen, aber irrelevanten Themen einwerben. 

Potenzielle Arbeitgeber zu verstehen, ist mehr Arbeit als gedacht. Dadurch ergeben sich aber immer wieder Entdeckungen. Idealistische Ziele lösen sich vielleicht in Nichts auf. Und das Ziel, Geld zu verdienen, muss nicht automatisch zu herzlosem Materialismus führen.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 12/20 Kein Kolloquium

Ein Online-Bewerbungstraining. Gemeinsam versetzen wir uns in das unterhaltsame Szenario, dass wir in einem Vorstellungsgespräch für eine Stelle sitzen, die wir absolut nicht haben wollen. „Wie können wir das so richtig versemmeln?“, frage ich in die Runde. 

„Momentan ist ja alles virtuell, da gibt‘s eine ganze Reihe Fallstricke“, prustet Franziska heraus. „Kamera oder Gesicht zu hoch oder zu tief, da sieht man gleich aus wie Hannibal Lecter oder wie ein einziges großes Nasenloch!“ Das gemeinsame Gelächter erzeugt weitere Ideen. „Start negative, end negative, ein Klassiker zum genussvollen Vermiesen aller Gespräche!“, ist die nächste Idee. Einwürfe wie „Schimpfen über die Deutsche Bahn zum Einstieg, dann über das Wetter bei der Verabschiedung“ folgen. „Lange und superspezifische Monologe wie im Promotionsvortrag“, „Weder Augenkontakt noch Lächeln“ sowie das „Fragen nach der Verfügbarkeit von Spargelgerichten in der Kantine“ fliegen durch den virtuellen Raum.

Ich leite den zweiten Teil ein: „Wir sind nach fünf Minuten bereits fast fertig mit dieser Übung. Nun müssen wir all Ihre Ideen nur noch ins Positive drehen und ordnen, schon sind wir fertig mit unseren Regeln und Tipps.“ Nach kurzer Zeit haben wir die wichtigsten Eckpunkte zusammengefasst: 

Zur Begrüßung ein freundlicher Small Talk, nichts stört in dieser Phase mehr als das Fixieren auf Probleme. Sehr oft dürfen Sie zum Einstieg erstmal frei reden, die Aufforderung ist „Erzählen Sie von sich“. Ein knapper Abriss Ihrer Motivation ist hier gefragt, Sie brauchen nicht Ihr gesamtes Leben und Leiden ausbreiten. 

Die meisten Fragen können Sie vorhersehen. Bei Motivationsfragen sollten Sie erklären können, warum Sie in Ihrem Lebenslauf von A nach B gekommen sind. Standardfragen können Sie im Internet nachsehen und für sich selbst oder im Freundeskreis üben. Werden Sie etwa nach Ihren Stärken gefragt, dann ist nicht Selbstlob gefragt; legen Sie einfach die Fakten auf den Tisch und überlassen Sie die Bewertung der Gegenseite. Bei Fragen nach Schwächen geht es hingegen darum, wie Sie damit umgehen und ob Sie sich trauen, diese zuzugeben

Vorstellungsgespräche sind idealerweise freundliche, professionelle und zielgerichtete Kennenlerngespräche. Um sich vorzubereiten, brauchen Sie lediglich ein wenig Zeit und Ruhe.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 11/20 Vorbereitung ist machbar

In einem Karriereseminar kündige ich an, dass wir in das Thema Vorstellungsgespräche einsteigen. „Cool, das unfairste Format seit Einführung der Gladiatorenkämpfe“, platzt Pepijn heraus. „Danke für den Hinweis. Wie kommen Sie zu Ihrem Urteil?“ hake ich nach. „Ganz einfach“, schnaubt er in sein Mikrofon, „die können meinen Lebenslauf nach Belieben durchforsten, meine Referenzen befragen und sich so für das Gespräch rüsten. Ich hingegen finde auf deren Homepage nur Allgemeinplätze.“

Beim Vorstellungsgespräch, meist der ersten persönlichen Begegnung zwischen Arbeitgebern und Bewerbenden, wollen beide Seiten gut vorbereitet sein und damit einen positiven Eindruck hinterlassen. Für Bewerbende gibt es eine Reihe an Möglichkeiten, mehr über die andere Seite zu erfahren, als vordergründig sichtbar ist. 

Eine einfache Suche im Internet ergibt erste Aufschlüsse. Auf der Firmenhomepage stehen natürlich Marketingtexte, dennoch liefert sie Eckpunkte für die weitere Suche, etwa Produkte oder Firmengeschichte. Spannender sind Texte wie wissenschaftliche Veröffentlichungen oder Patente des Arbeitgebers. Und schließlich: Was schreiben die Presse und Analysten über das Unternehmen?

Bei den meisten Unternehmen können Sie wirtschaftliche Daten einsehen. Je nach Gesellschaftsform müssen Firmen unterschiedlich detaillierte Zahlen veröffentlichen, die auch ohne Abschluss in Finanzbuchhaltung Einsichten gewähren. Ist etwa die Firma in einem Steuerparadies veranlagt, dann können Sie „Unsere Werte“ auf der Firmenhomepage gleich neu kalibrieren. Ist die Gewinnspanne gering, könnte es dem Unternehmen an Dynamik fehlen – Sie werden wenig Geld für Ihre Ideen bekommen. Eine hohe Gewinnspanne könnte bedeuten, dass das Quartalsergebnis wichtiger ist als langfristige Planung oder die Gesundheit der Belegschaft.

Die beste Informationsquelle sind Experten. Fragen Sie Menschen, die bereits bei dem Arbeitgeber oder in derselben Branche gearbeitet haben. Wenn Sie solche Kontakte über Ihr Netzwerk finden, sind die Erfolgsaussichten gut. Sie gewinnen Einblicke, die meist weit über die Selbstdarstellung im Internet hinausgehen. 

„Gut, damit ich kann mich vorbereiten, der Gladiator muss nicht nackt in die Arena. Aber viele der Fragen, die dann gestellt werden, sind doch doppelbödig. Da blicke ich nicht durch“, kommentiert Pepijn. „Das schauen wir uns als nächstes an“, schließe ich und läute eine Pause ein.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 10/20 Von der Gehalts- zur Vertragsverhandlung

In einem Seminar über Vorstellungsgespräche eröffnen wir den letzten Teil: Gehaltsverhandlungen. Die Grundlagen haben wir schnell erarbeitet. In der chemischen Industrie sind die Einstiegsgehälter recht einheitlich: Die meisten großen Arbeitgeber zahlen den großzügigen Chemietarif, die Kleineren liegen fast ausnahmslos 15 bis 20 Prozent darunter. Daran können Sie sich orientieren, wenn Sie Ihren Marktwert recherchieren. Sie fragen nach, studieren Gehaltsvergleiche und addieren zu Ihrem Marktwert fünf bis zehn Prozent, das ist dann Ihre Gehaltsvorstellung. Auf zwei Details müssen Sie dabei achten. Das erste: Gehaltsvergleiche enthalten manchmal Boni, manchmal nicht, die der GDCh sind immer all-inclusive. 

Das zweite Detail betrifft das Zielgehalt. Ich frage die Zuhörer, ob sie eine Zahl oder ein Intervall nennen. „Ein Intervall, das habe ich so gelesen“, antwortet Sofie. Ich entgegne: „Wenn Sie 65 000 bis 70 000 sagen, würde ich als Arbeitgeber die höhere Zahl gar nicht wahrnehmen, sondern Sie direkt von 65 000 auf meine Zielmarke runterhandeln.“

Von einem Unternehmen sollten Sie sich niemals mit Luft und Liebe bezahlen lassen; dennoch geht es bei Verhandlungen nicht nur um das Gehalt. Dazu ein Beispiel von einer meiner Gehaltsverhandlungen bei einer Beförderung: Meine Führungsverantwortung wurde um ein Produktionsteam im Dreischichtbetrieb erweitert. In meinem Arbeitsvertrag stand ursprünglich nichts von Nachtarbeit, doch würde ich im Notfall mein Team nicht im Stich lassen. Aber dieses Zugeständnis wollte ich meinem Arbeitgeber nicht schenken. Zudem wünschte ich mir einen Tag pro Woche im Home Office, die Flexibilität und die eingesparte Anfahrt erschienen mir attraktiv. Beide Elemente einzeln waren für jede Seite ein kleines Zugeständnis, aus dem die jeweils andere Gewinn ziehen konnte. 

Schauen Sie sich also bei Ihren Gehaltsverhandlungen an – idealerweise gemeinsam mit Ihrem Verhandlungspartner –, was für beide Seiten wertvoll sein könnte. Die Möglichkeiten reichen von Boni bis zu Fortbildungen oder Flexibilität in all ihren Formen. Im Idealfall legen beide Seiten erstmal Ideen auf den Tisch, ohne sich festzulegen. Dann können Sie diese Elemente kombinieren, bis Sie eine gute Situation erreicht haben. Gehaltsverhandlung ist dann ein zu enger Begriff, denken Sie lieber an Vertragsverhandlungen.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 09/20 Nur Jobs für Spezialisten?

Franz ist aufgelöst. Seine Partnerin hat ein Angebot für ihren Traumjob in den Niederlanden in der Tasche. Eine Fernbeziehung möchten beide vermeiden. Franz würde gerne für längere Zeit ins Ausland ziehen, doch hadert er mit seinen Bewerbungen – nach vielen Stunden Recherche hat er kein einziges Stellenangebot für Bioorganiker wie ihn gefunden: „In den Niederlanden sehe ich stets nur Stellen für Polymerchemiker oder Biotechnologen.“ 

Die anderen Teilnehmenden des Karriereseminars richten sich in ihren Bürostühlen auf und starren in ihre Webcams. Sie scheinen mit Franz zu fühlen oder sind gespannt, ob es für seinen Fall eine Lösung gibt. „Who the hell needs Polymerchemiker?“, entfährt es Brian, einem kanadischen Postdoc. Er ist vermutlich der extrovertierteste Mensch, dem ich jemals begegnet bin. „Weißt Du, Franz, die Hard Skills kannst Du lernen.“ 

Brian hat recht. Technisches Wissen können wir uns zügig aneignen, das macht uns Wissenschaftler aus. Es gibt zwar einige Positionen, die sehr spezielle und schwer zu erlernende Kenntnisse vom ersten Tag an erfordern, doch das sind Ausnahmen. Was wir nicht so leicht erlernen, sind die Soft Skills; es bedarf mehr als eines Kurses, um aus einem Befehlsempfänger eine Führungskraft zu machen. Noch schwieriger wird es, wenn Persönlichkeitsmerkmale fehlen. In diesen Fällen sollten Bewerbende wie Arbeitgeber die Finger von einer Zusammenarbeit lassen.

Warum fällt es Wissenschaftlern so schwer, ihre Passung an eine Stelle nicht nur über ihre fachliche Spezialisierung zu bewerten? Es liegt an der Ausbildung. Wir wurden an den Hochschulen in einem Umfeld großgezogen, in dem die rein technischen Fähigkeiten als einziger Erfolgsfaktor gelten. Nach Jahren des Studiums sind wir darauf konditioniert. Aus diesem Grund sieht sich Franz zuallererst als Bioorganiker und nicht als Wissenschaftler, der über ein breites Spektrum übertragbarer Fähigkeiten verfügt. Solche können Sie an verschiedenen Forschungsobjekten gleichermaßen erwerben. 

„Das wissenschaftliche Fachgebiet ist nur ein Kriterium unter mehreren. Schränken Sie Ihre Karriereoptionen dadurch nicht ein“, ergänze ich. „Bewirb Dich einfach!“, schließt Brian.

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

Heft 07-08/20 Wettbewerb und Kooperation

Eine kurze Debatte zum Thema Netzwerken in einem Kurs für Doktoranden. Eine Hälfte der Teilnehmer soll die These „Netzwerken außerhalb meines Fachbereichs ist Zeitverschwendung“ verteidigen, während die andere Hälfte dagegen argumentiert. Als wir nach wenigen Minuten das Debattenformat verlassen, kommen eigene Meinungen zu Wort. Raffael will rasch einen Schlussstrich ziehen: „Ist doch klar. Je näher die Leute an unserem Thema arbeiten, desto eher lohnt es sich, Kontakt zu pflegen.“ Zustimmendes Nicken im Raum. 

Ich möchte das Thema noch nicht so schnell abschließen. „Rein von der Intensität her ist das einleuchtend.“ Ich zeichne konzentrische Kreise, im Mittelpunkt wir selbst, um uns herum im ersten Kreis unsere eigene Spezialisierung, dann im zweiten Kreis die anderen Naturwissenschaften, noch weiter außen dann andere Fachbereiche. Ich stimme der Gruppe zu, dass die Netzwerkintensität abfällt, wenn wir Fachbereiche betrachten, die weiter von unserem eigenen entfernt sind. „Welche Aktivitäten würden Sie in den jeweiligen Kreisen anstreben?“, frage ich in die Runde. Ich kann förmlich auf den Gesichtern lesen, dass sich überall der gleiche Gedanke formt: „Netzwerken halt.“ Schließlich meldet sich Theresa, eine Anorganikerin, die gerade erst mit der Promotion angefangen hat: „Bei dem inneren Kreis muss ich aufpassen, mich nicht zu verplappern, denn dort sitzt die Konkurrenz.“ Durch diesen Kommentar ändert sich die Haltung der anderen Teilnehmenden von abwehrend zu nachdenklich. „Bewertet werden wir meist von denen im inneren Kreis, in Auswahlgremien oder beim Peer Review unserer Anträge oder Publikationen“, fügt Raffael hinzu. Nach einigen weiteren Meldungen erhalten wir ein differenziertes Bild. 

Mit Leuten aus unserem eigenen Fachbereich sollten wir selbstverständlich Kontakt pflegen. Wir werden von ihnen bewertet, können uns von Wohlgesonnenen Rat holen und müssen taktisch denken, wenn es sich um Konkurrenten handelt. 

Aus der Netzwerkperspektive hat der zweite Kreis besonders interessante Leute zu bieten: unsere Kooperationspartner. Ich kenne das aus meiner eigenen Promotion. Die Arbeitsgruppe meines Doktorvaters konnte DNA redlich gut chemisch traktieren. Eine andere Gruppe aus demselben Spezialgebiet hätte uns nicht viel bieten können. Lohnenswert wurden Kooperationen dann, wenn unsere Moleküle Physikerinnen, Medizinern oder Biologinnen in die Hände fielen. 

Philipp Gramlich, p.gramlich@naturalscience.careers

GDCh-Karrierekalender
Berufsbilder vor Ort erleben!

Termine und Informationen hier

zurück zur Übersicht Links rund um den Arbeitsmarkt

zurück zur Hauptseite Karriere und Beruf

zuletzt geändert am: 06.08.2021 09:10 Uhr von A.Gajda