Experiment Zukunft

Experiment Zukunft – Wertedenken in der Chemie

Fish-Bowl
Workshop
Eurogress Aachen

Auf dem „Experiment Zukunft“ beleuchtet die GDCh wissenschaftliche, gesellschaftliche und politische Probleme und erarbeitet in modernen Workshopformaten Lösungsvorschläge. 2019 wurde die Veranstaltung nach 2017 zum zweiten Mal im Anschluss an das GDCh-Wissenschaftsforum Chemie durchgeführt. „Wissen und Nichtwissen“ war zuletzt das Leitmotiv, dem sich die Beteiligten in verschiedenen Themenfeldern näherten. „Wissen“ wird oft als wichtigste Ressource des 21. Jahrhunderts apostrophiert, allerdings spielt es in der öffentlichen Meinungsbildung oft gar nicht die entscheidende Rolle. Eine derartige Haltung kann ganze Gesellschaften in eine prekäre Rolle und die Zukunft in schwieriges Fahrwasser bringen.

Im ersten Block beleuchteten Eva Wille, Beatrice Lugger und Thisbe K. Lindhorst verschiedene Facetten von „Transformation“ des Wissens. Eva Wille, Vice President and Executive Director Chemistry, Wiley-VCH, Weinheim kritisierte die „Kommunikationslawine“ mit Pressemeldung, Social Media-Ankündigungen und Veröffentlichung auf Preprint-Servern, die eine wissenschaftlichen Veröffentlichung heute oft begleitet. Dass Kommunikation sich verändert hat, konstatierte auch Beatrice Lugger, Wissenschaftliche Direktorin und Geschäftsführerin des Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation, Karlsruhe. Durch Soziale Medien kann jeder heute irgendetwas, unabhängig vom Wahrheitsgehalt in die Welt setzen. Viele Menschen sind in ihren Filterblasen gefangen und bekommen keine neutralen Informationen mehr. Um bei den aktuellen Themen wie Klimawandel etc. keine Angst oder Resignation zu erzeugen und das Vertrauen in die Wissenschaft zu stärken, forderte sie neue Formen der Wissenschaftskommunikation. Sie wünschte sich außerdem, dass auch die Kommunikation mit der Öffentlichkeit die Reputation eines Wissenschaftlers steigern müsse und nicht ausschließlich wissenschaftliche Veröffentlichung in Fachzeitschriften. Thisbe K. Lindhorst, Otto-Diels-Institut für Organische Chemie der Universität Kiel, betonte, dass die Wissenschaft auch „an den Mann oder die Frau“ gebracht werden muss. „Wenn wir das nicht schaffen, wird die Wissenschaft nicht mehr gehört in Politik und Gesellschaft.“ Sie betonte, wie wichtig Dialogbereitschaft mit allen Bereichen der Gesellschaft sei und mahnte, dass Wissenschaftler fähig sein müssten, sich selbst und ihre Fachdisziplin stetig zu hinterfragen. Außerdem müssten sie fähig sein, ihre Fachsprache in verständliche Sprache umzuwandeln.

Zum Schwerpunktthema „Kreativität“ referierte Katharina Al-Shamery, Institut für Chemie der Universität Oldenburg, wie sich das Finden neuer Themen in den letzten Jahren verändert hat. Handys dienen als Wissensspeicher und Scibots können Wissenschaftlern heute erfolgversprechende Forschungsfelder vorschlagen und somit Forschungsrichtungen beeinflussen. Sie fördern damit eine „Schwarmintelligenz“, die aber nicht notwendigerweise die richtigen Entscheidungen trifft. Georg Franck, Institut für Architekturwissenschaften der TU Wien, betonte, das „Aufmerksamkeit“ die zentrale Währung der Wissensproduktion sei, und dass das Aufmerksamkeitsvermögen mit der Komplexität des Wissens immer weniger Schritt halten kann. Er kritisierte, dass Wissenschaftler „Zitate zählen, wie andere Profit“.

Im Block „Organisation“ forderte Johannes F. Teichert, Institut für Chemie der TU Berlin, flachere Hierarchien an den Hochschulen und eine offenere Kultur gegenüber Fehlern und Misserfolgen. Er schlug auch ein zweistufiges Evaluierungssystem vor, so dass Wissenschaftler, die es nicht bis zur Professur schaffen, im akademischen Mittelbau gehalten werden, um ihre Kompetenz weiterhin nutzen zu können. Martin Quack, Laboratorium für Physikalische Chemie der ETH Zürich definierte die Wissenschaftsfreiheit als Grundwert. Er kritisierte die bürokratische Kontrolle durch Rankings und Zitationsindices, die nicht die Eignung als Wissenschaftler anzeigen könne. „Start reading papers instead of rating papers“ forderte er von Wissenschaftlern und betonte, dass als Grundwerte für Menschen, die in der Wissenschaft tätig werden, noch immer „persönliche Integrität und ein gutes Herz“ wichtiger seien als messbare Faktoren.

Um „Kompetenz“ ging es im letzten Block des Vormittags. Wolfram Carius, Leiter Pharma Product Supply, Bayer AG, Berlin, stellte die massiven Disruptionen der Pharmazeutischen Industrie vor, die von der Digitalisierung und zunehmend auch von der künstlichen Intelligenz verursacht werden. „Geschäftsmodelle ändern sich fundamental und schnell“. Er warnte davor, dass Deutschland gegenüber den USA und China den Anschluss verlieren könne, wenn es nicht gelingt, immer schneller auf neue Herausforderungen zu reagieren. Er forderte den Mut, Exzellenz gezielt zu fördern, anstatt Gelder gleichmäßig zu verteilen. „Wissenschaft spielt nicht die Rolle, die sie spielen muss“, kritisierte er und konstatierte, dass viele Politiker zwar keine Fachkenntnisse hätten, aber in den Medien dauernd zu Wort kämen, während die Wissenschaft zwar Expertise hätte, aber kein Gehör fände. Volker Stollorz, Geschäftsführer des Science Media Center Germany, Köln forderte, dass moderne Gesellschaften Einwanderungsgesellschaften für neues Wissen sein müssten. Er betonte die Kompetenzungleichheit in der Gesellschaft, mit der man umgehen müsse. „It needs excellence to recognize excellence“. Bürger, die keine Wissenschaftler seien, müssen zwangsläufig jemandem, der das Wissen habe, vertrauen können, daher sei persönliche Integrität für Wissenschaftler ein essenzieller Punkt, ebenso wie das Engagement für das Gemeinwohl und nicht für die Interessen einzelner Organisationen oder Konzerne.

Nach einer Mittagspause verteilten sich die Teilnehmer auf vier Workshops, um zu den vier Themenblöcken konkrete Handlungsempfehlungen auszuarbeiten, die im Abschlussplenum an GDCh-Präsident Matthias Urmann übergeben wurden.

Drei Forderungen aus den Workshops zu jedem Thema

Organisation

  • Die GDCh sollte Interesse an und Bild von der Chemie schon in der Schule positiv prägen so dass die Chemie nicht als Wissenschaft der Störfälle und Unfälle angesehen wird, sondern als die Wissenschaft, die alles möglich macht. Dazu sollte Kommunikation zwischen Kommunikationswissenschaftlern an den Hochschulen und Lehrenden an den Schulen intensiviert werden.
  • Die GDCh sollte dazu beitragen, moderne Organisations- und Managementmethoden der Industrie auch in die Hochschulen zu tragen. Die GDCh sollte nutzen, dass ihre Mitglieder sowohl auf der Industrie als auch aus den Hochschule kommen, um den Austausch zu fördern.
  • GDCh sollte Stellung beziehen, wie künftig eine Professur ausgestaltet und ausgefüllt werden soll. Dabei muss sie darauf achten, dass eine solche Empfehlung nicht nur erstellt, sondern auch umgesetzt wird.

Transformation

  • Die GDCh sollte versuchen, ihre Stimme in der Öffentlichkeit zu verstärken. Formate wie Experiment Zukunft sollten auch für die Politik und Öffentlichkeit geöffnet und in anderen Ebenen, zum Beispiel in Ortsgruppen erneut durchgeführt werden.
  • Die GDCh-Mitglieder sollten sich besser untereinander vernetzen und verstärkt miteinander kooperieren. Strukturen in der GDCh sollten transparenter werden um die Mitwirkung der Mitglieder in verschiedenen Gremien zu unterstützen.
  • Es ergeht der Vorschlag an die GDCh, einen Arbeitskreis Wissenschaftskommunikation einzurichten, der in enger Interaktion mit den anderen Strukturen der GDCh steht.

Kreativität

  • Die Künstliche Intelligenz kann eine wichtige Rolle bei der Nutzung der Kreativität spielen. Auch wenn bei diesem Wissenschaftsforum bereits einige Veranstaltungen zu diesem Thema durchgeführt wurden, sollte der künstlichen Intelligenz ein eigenes Wissenschaftsforum gewidmet werden.
  • Für die Kreativität ist Kommunikation unabdingbar. Daher sollte der Kommunikation bereits im Studium mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden, sollten Studierende in Kommunikation besser geschult werden. Chemiedidaktiker sollten in intensiven Austausch mit anderen Wissenschaftlern treten, da sie wertvolle Impulse geben können. Sie können die Kommunikation unterstützen und damit die Kreativität fördern.
  • Studierende sollten 15% ihres Studiums zur freien Verfügung haben, um in Nachbardisziplinen oder auch ganz anderen Gebieten reinzuschauen und sich Anregungen zu holen. Dies sollte auch in der Forschung in Hochschule und Industrie möglich sein, um in anderen Projekten ohne Zeit- und Erfolgsdruck kreativ zu sein.

Kompetenz

  • Die GDCh sollte die Mitglieder unter ihnen, die Experten für ein bestimmtes Thema sind, mit Journalisten, die wiederum mit Politik und Gesellschaft kommunizieren, zusammenbringen und so den Zugang zu Fachwissen ermöglichen
  • Fachgesellschaften wie die GDCh genießen das Vertrauen und Image, dass dort das Expertenwissen gebündelt ist. Die GDCh muss dafür Sorge tragen, dass sie das Tor zum Expertenwissen bleibt, d.h. sie muss für Experten attraktiv bleiben, damit sie diese Kompetenz nicht verliert.
  • Die GDCh könnte zu Kernthemen Plattformen bieten, auf denen ihre Experten diskutieren könnten. Sie könnte die Clusterbildung für chemische Expertise fördern und ihre Experten motivieren, ihre Expertise mit Journalisten und der Öffentlichkeit zu teilen.

Resümee

Wissenschaft ist von der Suche nach Wissen getrieben, aber die Bewertung der Wissenschaft, die Deutungshoheit, haben die Wissenschaftler aus der Hand gegeben, wurde in der Schlussrunde kritisiert. Informationen werden heute schneller verbreitet als je zuvor, aber das, was in der Wissenschaft so wichtig ist, die Überprüfung und Wahrheitsfindung, die braucht Zeit und sollte mit Expertise gemacht werden. Die Rolle der GDCh ist dabei wichtig, denn Unternehmen tun sich dabei schwer, weil sie ein Glaubwürdigkeitsproblem haben. Die GDCh hat den Vorteil, neutral und kein Interessenverband zu sein, sondern in der ganzen Breite das Ansehen der Chemie zu fördern. Die GDCh kann und sollte daher die Experten stellen, die mit einem gewissen zeitlichen Abstand die Informationen bewerten. Klar wurde aber auch, dass sich die GDCh weiter intensiv um ihre Mitglieder und um junge Talente bemühen muss, damit es immer genug Nachwuchs und frischen Wind gibt. Es sind schließlich die Mitglieder, die die Themen der GDCh in die Gesellschaft tragen.

Politik, Gesellschaft, Wissenschaft müssen zusammenarbeiten, darüber waren sich die Teilnehmer der Schlussrunde einig. Und alle gemeinsam müssen darauf achten, dass es nicht zur Entkopplung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft kommt. „Unsere Verantwortung als GDCh ist es, die Daten und Fakten, die wir haben, so aufzubereiten, dass andere sie verstehen. Unser Expertenwissen müssen wir besser transportieren und so in die Gesellschaft tragen, dass es auch in der Gesellschaft genutzt werden kann. Das können und sollten wir leisten“, sagte GDCh-Präsident Matthias Urmann am Schluss der Veranstaltung. Er fuhr fort: „Vertrauen in der Wissenschaft ist die Basis von allem. Man kann Vertrauen nicht einfordern, sondern nur darum bitten, man muss es vorleben, in dem man wahrhaftig ist und offen kommuniziert.“

„Wissen ist ein Tropfen und Nichtwissen ist ein Ozean“, zitierte Moderatorin Ines Arland den Naturforscher Isaac Newton am Schluss der Veranstaltung und Thisbe K. Lindhorst forderte, die GDCh solle ihre Kraft und ihre Kompetenz in den Dienst der Gesellschaft stellen. Sie kann Verantwortung für die Lösung der globalen Probleme übernehmen und mithelfen, in eine gute Zukunft zu führen.

Zusammenfassung: Karin J. Schmitz, GDCh,
Sketchnotes: Dr. Johannes Richers – www.jorichers.com

2017 – Experiment Zukunft im Spreespeicher Berlin

Das Experiment Zukunft fand zum ersten Mal am 14. September 2017 im Rahmen des GDCh-Wissenschaftsforums Chemie im Spreespeicher Berlin statt. Rahmen und Ausgangsbasis bildeten vier Themenblöcke, die als Gegensatzpaare formuliert waren: „Arm und reich“ wurde am Thema Bildung und Ausbildung diskutiert, bei „Krieg und Frieden“ wurde die Frage nach ethisch korrektem Verhalten in der Chemie gestellt, „Leben und Tod“ wurde mit dem Thema Pharmaforschung bespielt und bei „Satt und hungrig“ ging es um die Landwirtschaft, um die Welternährung und um Themen der Nachhaltigkeit. Impulsredner waren Martin Brudermüller, damals stellvertretender Vorstandsvorsitzender und Chief Technology Officer der BASF; Jonathan Forman, Science Policy Adviser der Organisation für das Verbot chemischer Waffen, Den Haag; Angelika Hilbeck, ETH Zürich; Gisela Lück, Universität Bielefeld; Edwin Mmutlane, University of Johannesburg; Leonhard Möckl, Stanford University; Stefan Oschmann, CEO von Merck, sowie Helga Rübsamen-Schaeff, Vorsitzende des Scientific Advisory Board des Pharmaunternehmens AiCuris.

Zur Webseite auf wifo2017.de

Download des detaillierten Programms von 2017 als PDF

zuletzt geändert am: 24.09.2019 10:24 Uhr von M.Bräutigam