Lieselotte Feikes

Lieselotte Feikes (1923-2008): Im Dienst des Umweltschutzes

Von 1953 bis 1984 arbeitete Lieselotte Feikes bei Freudenberg in Weinheim an der Bergstraße. Im Auftrag des Unternehmens entwickelte sie unter anderem ein Reinigungsverfahren für Gerbereiabwässer. Dafür erhielt sie zum Abschluss ihrer beruflichen Karriere das Bundesverdienstkreuz.

Lieselotte Feikes wurde 1923 in der Kleinstadt Viersen bei Düsseldorf geboren. Nach dem frühen Tod ihres Vaters Josef, der als Privatlehrer gearbeitet hatte, wuchs sie zusammen mit ihrer Schwester in einem Frauenhaushalt auf, der stark vom freundlichen Wesen der Mutter geprägt war. Schon während der Schulzeit interessierte sie sich sehr für die Mathematik, aber für ein Studium war ihr die Materie zu trocken. An der Chemie hingegen reizte sie das Experimentieren.

Nach dem Abitur im März 1942 wollte sie daher Chemie studieren. Doch nach dem Schulabschluss musste sie zunächst Reichsarbeitsdienst leisten. Erst im Sommersemester 1943 konnte sie sich dank der Unterstützung von Verwandten an der Universität Halle für das Fach Chemie einschreiben. Ihr wichtigster akademischer Lehrer war der spätere Nobelpreisträger Karl Ziegler (1898-1973). Nach nur drei Semestern musste Feikes ihr Studium im Sommer 1944 allerdings unterbrechen, weil Vorlesungen kriegsbedingt nicht mehr stattfanden. In den folgenden Monaten war sie als Laborantin im Kriegseinsatz am chemischen Institut der Universität Halle beschäftigt. Im Oktober 1944 wurde sie dort Laborantin bei Margot Goehring (später verh. Becke-Goehring, 1914-2009).

Nach Kriegsende kehrte Feikes zunächst zurück in ihre Heimat nach Viersen, bewarb sich von dort aber wieder um eine Anstellung bei Goehring, die mittlerweile an der Universität Heidelberg lehrte und forschte. Sie wurde angenommen und studierte von 1946 bis 1953 Chemie mit den Nebenfächern Physik und Geologie an der Heidelberger Universität. Während ihres Studiums war sie als Assistentin in der Analysenausgabe am chemischen Institut tätig.

Für ihre Dissertationsschrift unter dem Titel „Über die Umsetzung zwischen Polythionat-Ionen und Schwefelwasserstoff“ erhielt Feikes 1953 den Doktortitel. Noch während der Examensfeier wurde ihr empfohlen, bei Karl Freudenberg (1886-1983), dem Direktor des Instituts für organische Chemie, vorbeizuschauen. Er vermittelte ihr eine Stelle bei der im Familienbesitz befindlichen Carl Freudenberg & Co. KG in Weinheim an der Bergstraße. Das Unternehmen war aus einer Gerberei hervorgegangen, stellte aber auch damals schon Dichtungen und Vliesstoffe her. Zu den bekanntesten Produkten des Unternehmens zählen die Haushaltsartikel der Marke Vileda.

Feikes arbeitete ab Ende Juli 1953 für die Carl-Freudenberg-Werke in Weinheim, zunächst probeweise für drei Monate. Die damals 29-jährige Chemikerin beschäftigte sich vor allem mit der Analytik der im Unternehmen anfallenden Abwässer. Nach Ablauf der Probezeit bat sie um eine Festanstellung. In ihrer Bewerbung schrieb sie: „Die Arbeiten sind noch in vollem Gange, und mir macht es wirklich Freude, hier im Laboratorium zu arbeiten!“ Hans Freudenberg (1888-1966), damaliges Mitglied der Unternehmensleitung der Freudenberg-Gruppe, erkannte ihr wissenschaftliches Potenzial und bot ihr eine Weiterbeschäftigung an.

Feikes war von November 1953 bis Mai 1973 im Lederlabor des Unternehmens tätig, das sie ab 1969 auch leitete. Zudem wurde ihr die Aufgabe übertragen, sich um die Reinigung der Gerbereiabwässer an den Unternehmensstandorten Weinheim und Schönau zu kümmern, die eine erhebliche Belastung für Mensch und Umwelt darstellten – allerdings auch, weil Freudenberg Anfang des 20. Jahrhunderts ein Gerbverfahren mit Chromaten statt mit pflanzlichen Stoffen entwickelt hatte. Feikes konzipierte für die Reinigung der Gerbereiabwässer ein mehrstufiges Verfahren (mechanisch-chemisch-biologisch), das in zwei neu errichteten Kläranlagen des Unternehmens in Weinheim und Schönau zum Einsatz kam. Auch in den späteren Bau von Kläranlagen der Freudenberg-Gruppe in Frankreich, Brasilien und Mexiko brachte sie ihre Expertise ein. Ab Anfang der 1970er-Jahre war Feikes für den gesamten Umweltschutz der Freudenberg-Gruppe verantwortlich. Im Jahr 1983 schrieb sie das vielbeachtete Buch „Ökologische Probleme der Lederindustrie“.

Für ihre Verdienste um den Umweltschutz und die Abwassereinigung wurde Feikes im August 1985 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Bereits im Mai 1979 hatte sie für ihren Beitrag zur Lösung der Umweltprobleme der Lederindustrie den Jahrespreis des Vereins für Gerberei-Chemie und -Technik erhalten. 1984 wurde ihr die Ehrenmitgliedschaft des Vereins österreichischer Ledertechniker und 1989 die des Vereins für Gerberei-Chemie und -Technik verliehen.

Im Januar 1984 ging Feikes zwar in den Ruhestand, war aber noch bis 1991 beratend für die Freudenberg-Gruppe tätig. So blieb sie bis 1987 Umweltschutzbeauftragte des Unternehmens. Lieselotte Feikes starb am 29. Januar 2008 in Weinheim im Alter von 84 Jahren.

(Mitarbeit: Dr. Michael Horchler, Leiter Unternehmensarchiv / Freudenberg-Gruppe)

Quellen

•    S. M. Schwarzl und M. Hertel, Nachrichten aus der Chemie 50, 2002, S. 639
•    Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh): Chemikerinnen – es gab und es gibt sie, Broschüre 2003, S. 29
•    Unternehmensarchiv der Freudenberg & Co. KG, Weinheim


Hinweis
Die in dieser Reihe veröffentlichten Texte erheben nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Veröffentlichung. Autoren und andere beteiligte Personen sind keine wissenschaftshistorischen Expert*innen. Zweck der Reihe ist es, die meist unbekannten Chemikerinnen vorzustellen und an die bekanten Chemikerinnen zu erinnern. Leser*innen, die mehr wissen wollen, möchten wir ermutigen, wissenschaftliche Quellen zu den vorgestellten Frauen zu studieren. In einigen Fällen gibt es ausführliche chemiehistorische Arbeiten.

Autoren
Prof. Dr. Eberhard Ehlers
Prof. Dr. Heribert Offermanns 

Redaktionelle Bearbeitung 
Dr. Uta Neubauer

Projektleitung
Dr. Karin J. Schmitz (GDCh-Öffentlichkeitsarbeit)

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Foto: Freudenberg & Co. KG, Unternehmensarchiv

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zuletzt geändert am: 01.06.2021 09:53 Uhr von K.J.Schmitz