Gertrud Kornfeld

Gertrud Kornfeld (1891-1955) Photochemie in allen Facetten

Nach dem Entzug der Lehrbefugnis durch die Nationalsozialisten war es für Gertrud Kornfeld unmöglich, ihre universitäre Karriere fortzusetzen. Sie emigrierte in die USA und forschte bis an ihr Lebensende im Dienst des Fotofilmherstellers Eastman Kodak.

Gertrud Kornfeld wurde am 25. Juli 1891 in Prag geboren. Als Tochter einer deutschsprachigen böhmischen Fabrikantenfamilie, die zum gehobenen jüdischen Bürgertum gehörte, erhielt sie eine ausgezeichnete Schulausbildung. Mit dem österreichischen Abitur erlangte sie schließlich die Voraussetzung für ein Studium.

Von 1910 bis 1915 studierte Kornfeld Chemie, physikalische Chemie und Physik an der deutschsprachigen Karl-Ferdinands-Universität in Prag. Ab 1914 forschte sie dort im Arbeitskreis ihres Mentors Viktor Rothmund (1870-1927), der sich vor allem mit der elektrochemischen Reduktion und der sogenannten Passivität von Metallen beschäftigte. Kornfeld wurde 1915 mit einer Arbeit über „Hydrate in Lösung“ promoviert und war bis 1918 oder 1919 (s. Anmerkung unten) als Assistentin am chemischen Institut der Prager Universität tätig. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs war es Wissenschaftlerinnen an mehreren deutschen Universitäten endlich erlaubt, eine akademische Position zu besetzen. Kornfeld vertiefte in dieser Zeit ihre Kenntnisse über die chemische Reaktionskinetik, ein damals aufstrebendes Forschungsgebiet.

Da Kornfeld zur deutschsprachigen Bevölkerung Prags gehörte, verließ sie die Stadt im Jahr 1919 mit der Gründung der Tschechoslowakei. Als ehemalige Assistentin von Rothmund erhielt sie umgehend eine Forschungsassistentenstelle bei Max Bodenstein (1871-1942) an der Technischen Hochschule Hannover, wo sie bis 1923 oder 1925 (s. Anmerkung unten) blieb. Bodenstein zählt zu den Begründern der chemischen Reaktionskinetik. Er erforschte vor allem lichtinduzierte Kettenreaktionen wie die Chlorknallgas-Reaktion, bei der sich Chlorwasserstoff aus den Elementen bildet. Darüber hinaus leistete er weitere wichtige Beiträge zur Photochemie. Beide Gebiete – die Photochemie und die Reaktionskinetik – bildeten jetzt auch Kornfelds Forschungsschwerpunkte.

Bodenstein erhielt 1923 einen Ruf nach Berlin als Nachfolger des Nobelpreisträgers Walther Nernst (1864-1941) und mit ihm wechselte auch Kornfeld an das physikalisch-chemische Institut der dortigen Universität. 1928 habilitierte sie sich in Berlin für das Fach Chemie. Sie blieb weiterhin Assistentin bei Bodenstein, betreute mehrere Doktorarbeiten und kam mit großer Begeisterung ihren Lehrverpflichtungen nach. In der Forschung war Kornfeld ebenfalls erfolgreich: Um 1929 entwickelte sie das Membranmanometer, das Drücke bis 16 Millibar misst. Es beruht darauf, dass der Gasdruck ein dünnes Blech verbiegt und so einen Zeiger bewegt.

Neben ihren Erfolgen musste Kornfeld viele Enttäuschungen und Frustrationen verbuchen, die eine Universitätskarriere schließlich unmöglich machten. Nachdem die Nationalsozialisten ihr im Herbst 1933 die Lehrbefugnis entzogen hatten, reiste die mittlerweile 42-jährige Chemikerin mit Hilfe eines Stipendiums spontan nach England. Sie forschte an der Universität in Nottingham und am Imperial College in London, ohne jedoch eine feste Anstellung zu erhalten. Die relativ hohe Position in der Wissenschaft, die sie in Berlin einmal innehatte, erreichte sie in Großbritannien nie. Unterstützt durch ein weiteres Stipendium arbeitete sie bis 1936 an der Universität in Wien. Von dort emigrierte sie 1937 mit einem Besuchervisum in die USA. 

Auch in den Vereinigten Staaten blieb Kornfeld die Fortführung ihrer Universitätskarriere versagt. Sie trat eine Stelle als Forschungschemikerin bei Eastman Kodak in Rochester im US-Bundesstaat New York an. Für den Hersteller von Filmen und anderer fotografischer Ausrüstung war sie bis zu ihrem Lebensende tätig. Im Jahr 1943 erhielt Kornfeld die amerikanische Staatsbürgerschaft. Verheiratet war sie nie.

Kornfeld lernte sowohl die universitären als auch die industriellen Facetten ihres Berufes kennen und zählt ohne Frage zu den herausragenden Chemikerinnen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihre frühen Forschungsarbeiten waren richtungsweisend für die Photochemie, doch es war ihr nicht vergönnt, an diese Erfolge in den späteren Lebensphasen anzuknüpfen. Gertrud Kornfeld verstarb im Sommer 1955 wenige Wochen vor ihrem 64. Geburtstag in Rochester (USA).
 

Quellen

  • A. Vogt: Vom Hintereingang zum Hauptportal? Lise Meitner und ihre Kolleginnen an der Berliner Universität und in der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 2007
  • H. Walter: Kornfeld, Gertrud. In: Neue Deutsche Biographie (NDB), Band 12, S. 590, Duncker & Humblot, Berlin, 1980
  • www.hu-berlin.de/de/ueberblick/geschichte/wissenschaftlerinnen/kornfeld

Anmerkung: verschiedene Angaben in verschiedenen Quellen


Hinweis
Die in dieser Reihe veröffentlichten Texte erheben nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Veröffentlichung. Autoren und andere beteiligte Personen sind keine wissenschaftshistorischen Expert*innen. Zweck der Reihe ist es, die meist unbekannten Chemikerinnen vorzustellen und an die bekanten Chemikerinnen zu erinnern. Leser*innen, die mehr wissen wollen, möchten wir ermutigen, wissenschaftliche Quellen zu den vorgestellten Frauen zu studieren. In einigen Fällen gibt es ausführliche chemiehistorische Arbeiten.

Autoren
Prof. Dr. Eberhard Ehlers
Prof. Dr. Heribert Offermanns 

Redaktionelle Bearbeitung 
Dr. Uta Neubauer

Projektleitung
Dr. Karin J. Schmitz (GDCh-Öffentlichkeitsarbeit)

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Abbildung: Humboldt-Universität zu Berlin/Institut für Informatik

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zuletzt geändert am: 06.08.2021 15:27 Uhr von K.J.Schmitz