Elisabeth Dane, geboren 1903 in Mayen, legte eine außergewöhnliche Karriere an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München hin: Promotion trotz verschiedener Studienorte im Alter von 26 Jahren, Habilitation und Venia Legendi mit 31, eigene Arbeitsgruppe, Publikationen in Angewandte Chemie, Vorlesungen und Mitarbeit in der Redaktion von Liebigs Annalen der Chemie. Heinrich Wieland (1877 – 1957), ihr Förderer seit dem 2. Verbandsexamen 1927, schrieb, als die Habilitation 1933 anstand: „Frl. Dane … gehört zu den begabtesten unter den Schülern, die ich bisher ausgebildet habe. Sie ist von einer Selbstständigkeit und Treffsicherheit des wissenschaftlichen Denkens, wie ich sie bei Frauen bisher nicht vorgefunden habe, ... Ich bin an sich der Auffassung, dass Frauen nur in Sonderfällen zur akademischen Tätigkeit herangezogen werden sollten, aber ein derartiger Sonderfall liegt hier vor.”
Es folgten 35 Jahre als Privatdozentin, Professorin für Organische Chemie (1939 – 1968) an der der LMU, 30 Jahre lang verantwortete sie die Ausbildung der Mediziner in der Chemie. Sie war die erste Professorin für Chemie in München und eine der ersten der LMU. Elisabeth Dane hatte eine eigene Arbeitsgruppe, war die erste Bestseller-Autorin des GDCh-Verlags-Chemie, 1998 wurde in München eine Straße nach ihr benannt. Und doch kennt heute in der Chemie ihren Namen kaum jemand mehr.
Wie passiert so etwas? Ein Grund ist sicher, dass alle Autor:innen der bisher verfassten Chemikerinnen-Biographien (t1p.de/p9v0z) nicht an der LMU München studiert hatten, es gab schlicht keine persönlichen Bezüge.
Recherchiert man die Lebensläufe und Karrieren der Pionierinnen, kann man Muster erkennen. Für die erste Phase ist ein generisches, überdurchschnittliches Interesse für Naturwissenschaften wichtig und die Offenheit eines gebildeten Elternhauses. Dann kommen männliche (!) Mentoren und der Aufbau von internen und externen Netzwerken ins Spiel. In der zweiten Karriere-Phase ist es wichtig, in der Forschung weiter „mitzugehen“, neue Methoden und Theorien zusammen mit einer engagierten Arbeitsgruppe aufzugreifen. Als Einzelkämpferin mit vielen Aufgaben außerhalb der Forschung fällt man zurück. Für Elisabeth Dane läuft es zunächst sehr gut: Heinrich Wieland, Nobelpreis 1927, erkennt ihre Fähigkeiten, sie veröffentlicht zusammen mit ihm und alleine hervorragende Arbeiten zur Synthese und Strukturaufklärung komplexer Naturstoffe; er bezieht sie als Privatassistentin in viele Projekte ein, fördert die selbstständige Forschung und vertraut ihr die für das Institut sehr wichtige Ausbildung der Mediziner in der Chemie an.
Doch dann kam die bereits zweite Kriegszeit für Elisabeth Danes Mentor Heinrich Wieland. 1942 feiert man seinen 65. Geburtstag, Elisabeth Dane ist 39 Jahre alt, Junggesellin und die einzige Frau unter seiner großen Schülerschar. Über diese Zeit und insbesondere über Elisabeth Dane schreibt ihr sechs Jahre jüngerer Kollege Franz Wille (1909 – 1986), als er an seinem 70. Geburtstag zurückblickte:
…. Frl. Dane herrschte im Parterre. Sie war das Hörrohr des Chefs. Schwierige Institutsangelegenheiten waren stets, bevor sie dem Chef vorgetragen wurden, mit ihr zu besprechen. Wir Dozenten pflegten uns damals kaum zu besuchen. Aber einmal kam Frl. Dane doch, das werde ich nie vergessen. Es war morgens um 1/2 8; sie klingelte und kam sofort hereingestürmt „Wille, Sie brauchen gar nicht aufzustehen und ins Institut zu gehen. Das ist kaputt.“ Das war im Dezember 1944.
Das Institut war völlig zerstört, die Laboratorien wurden ausgelagert, die Forschung und Ausbildung notdürftig aufrechterhalten – alle fahren lange Stecken mit dem Fahrrad und mit den wenigen Zügen, um miteinander zu kommunizieren. Während alle männlichen Dozenten nach Kriegsende entlassen wurden, erhielt Elisabeth Dane, die kein NSDAP-Mitglied war, am 18. Dezember 1945 die Erlaubnis der Militärregierung „die Forschungsarbeiten auf dem Gebiet Vitamin A fortzusetzen“. Doch dafür blieb ihr kaum Zeit. Ihr gesundheitlich angeschlagener Mentor und Institutschef beauftragt Elisabeth Dane und seinen außerordentlich begabten, 17 Jahre jüngeren „Nachwuchsschüler“ Rolf Huisgen (1920 – 2020), die Schlüsselaufgaben des Instituts, das Medizinerpraktikum und den Wiederaufbau der organischen Chemie zu organisieren. Elisabeth Dane war in den Nachkriegsjahren die einzige Konstante für Heinrich Wieland, 1948 wurden die früheren Kollegen wieder eingestellt, und Rolf Huisgen wurde 1949 nach Tübingen berufen. Auch Elisabeth Dane bekam 1948/1949 einen Ruf – nach Rostock; doch sie lehnte ohne (!) fordernde Bleibeverhandlungen ab, da sie „ihre Mediziner und ihren Mentor und Kollegen Heinrich Wieland“ beim Wiederaufbau nicht allein lassen wollte. Es fand sich, auch wegen des komplett zerstörten Institutes, nicht schnell ein Nachfolger für Wieland. Mehrere seiner Schüler sagten ab, Elisabeth Dane traute man diese Funktion offensichtlich nicht zu, und so wurde 1952 schließlich Rolf Huisgen berufen. Elisabeth Dane war gerade 50 geworden.
Für die Forschung und um den Anschluss an die neue von der Theorie geprägte internationale Organische Chemie zu finden, blieb Elisabeth Dane zu wenig Zeit. Sie erforschte erfolgreich die noch junge Peptidchemie in der Pharmazeutischen Chemie, war vielleicht ihrer Zeit etwas voraus. Die Medizinerausbildung von 450 nicht besonders chemieaffinen Studenten mit 15 häufig wechselnden Assistenten samt dem damals üblichen mündlichen Examen zu organisieren war eine Herkulesarbeit. Elisabeth Dane wurde dafür BRD-weit bekannt, nicht zuletzt dank des 1960 erschienenen bis heute lieferbaren Buchs „Kleines chemisches Praktikum“, das sie mit Franz Wille verfasst hatte und regelmäßig aktualisierte; über 400 einfach zu reproduzierende Versuche verbunden mit kurzen Theorie-Texten machten das Werk und damit ihren Namen bekannt.
In den 1960er Jahren publizierte Elisabeth Dane wieder in der Angewandten und besuchte internationale Peptid-Kongresse in Oxford und Athen, die allerdings inzwischen primär aus biochemischen Instituten heraus bespielt wurden; Elisabeth Dane war aber im organischen Institut wegen der dort angesiedelten Medizinerausbildung geblieben. Das förderte nicht Elisabeth Danes wissenschaftliche Vernetzung. 1965 erzwang ein Herzinfarkt eine längere Auszeit und zügelte ihren Forschungselan, nicht jedoch ihre Zigarettenleidenschaft. Sie hätte gerne über das Pensionsalter hinaus am Institut weitergemacht, ihr Antrag wurde abgelehnt. So zog sie sich zurück in ihr selbst erbautes und gestaltetes Haus nach Gauting, weit außerhalb des Münchner Zentrums. Feiern zu runden Geburtstagen lehnte sie ab, beerdigt wurde sie auf eigenen Wunsch in aller Stille im März 1984 nach langer Krankheit und gepflegt von ihrer Schwester.
Wolfgang Beck schreibt in seinem 2023 erschienen Werk zur Geschichte der Chemischen Fakultät der LMU über Elisabeth Danes gleichaltrigen Kollegen: „Friedrich Klages (ebenfalls Wieland-Schüler) gehörte einer Generation an, die bei den Berufungen auf Lehrstühle infolge Kriegs- und Nachkriegswirren übersprungen wurden. Dies trifft auch für Elisabeth Dane, Hans Behringer, Rudolf Hüttl und Franz Wille zu.“
Vielleicht wäre eine Quote für ihre Karriere hilfreich gewesen. Ihr Weg zeigt, wie wichtig es ist, „dass die Chemie stimmt“ – und zwar immer wieder.
Dieser Beitrag ist erschienen in den "Nachrichten aus der Chemie", Mai 2025
Autorin: Dr. Eva E. Wille, Vorsitzende der Fachgruppe Seniorexperten Chemie
Foto: Nachrichten aus der Chemie
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zuletzt geändert am: 28.08.2025 12:02 Uhr von S.Fischer