Nora Kräutle

Nora Kräutle (1891-1981): Die erste Absolventin der Technischen Hochschule Stuttgart

Nora Kräutle studierte in Stuttgart Chemie und war eine der ersten Chemikerinnen bei den Farbwerken in Höchst. Doch mit der Hochzeit im Jahr 1919 endete ihre Berufstätigkeit. Ihr Mann arbeitete im selben Unternehmen – und das war nicht erwünscht.

Eleonore (Nora) Kräutle wurde 1891 in Stuttgart geboren. Ihr Vater war Oberbaurat bei der Königlich Württembergischen Staatseisenbahn. Nach dem Besuch der Höheren Töchterschule und dem Abitur am Königin-Charlotte-Gymnasium in Stuttgart studierte sie Chemie an der Technischen Hochschule (TH) ihrer Geburtsstadt. Mit dem Diplomexamen im Januar 1914 und der Verleihung des akademischen Grades „Dipl.-Ing. Chemie“ war sie die erste Diplom-Ingenieurin der TH Stuttgart. Ihre Doktorarbeit fertigte sie im Labor von Alexander Gutbier (1876-1926) an, Professor für Elektrochemie und chemische Technologie an der TH Stuttgart. Nach kriegsbedingter Unterbrechung mit Tätigkeiten als Helferin beim Roten Kreuz und beim Stuttgarter Nahrungsmittelamt wurde Kräutle im Juli 1915 als erste Frau an einer Technischen Hochschule des Deutschen Reiches mit Auszeichnung promoviert. 

Anschließend arbeitete sie ein Jahr in Heidelberg im Privatlaboratorium von Max Buchner (1866-1934), auf dessen Initiative 1926 die Deutsche Gesellschaft für chemisches Apparatewesen (DECHEMA) gegründet wurde. Als Buchner nach Hannover ging und eine Stelle beim Chemieunternehmen Riedel de Haen in Seelze antrat, wechselte auch Kräutle in die Industrie. Im Januar 1917 begann sie als eine der ersten Chemikerinnen bei den damaligen „Farbwerken Höchst am Main, vormals Meister Lucius & Brüning“ im nassauischen Höchst am Main, das wenige Jahre später nach Frankfurt am Main eingemeindet wurde. Aus diesem Unternehmen ging später der Chemie- und Pharmakonzern Hoechst AG hervor.

Im Jahr 1919 heiratete Kräutle ihren Kollegen Anton Gramberg (1875-1966). Damit endete ihre Karriere, denn es schickte sich nicht, als Ehepaar in derselben Firma zu arbeiten. Während ihr Mann beruflich aufstieg, wurde der begabten Chemikerin nahegelegt, das Unternehmen zu verlassen. Außerdem bekam das Paar zwei Kinder, um deren Erziehung sie sich kümmerte. 
Nora Kräutle verstarb 1981 in Frankfurt am Main.

Im Januar 2014 erinnerte die Universität Stuttgart, die aus der TH Stuttgart hervorging, an ihre erste Absolventin. Zum 100-jährigen Jubiläum des Diplomabschlusses von Nora Kräutle verlieh die Hochschule erstmals den Prima!-Preis. Er zeichnet herausragende Abschlussarbeiten von Absolventinnen der Universität Stuttgart aus.
 

Nora Kräutle als Studentin im Labor in der Technischen Hochschule (heute: Universität) Stuttgart im Wintersemester 1911/12. Foto: Universitätsarchiv Stuttgart SN89/15DD

Quelle

G. Hardtmann und N. Hille: Die Anfänge des Frauenstudiums in Württemberg: Erste Absolventinnen der TH Stuttgart. Eine Jubiläumsschrift, Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 2014


Hinweis
Die in dieser Reihe veröffentlichten Texte erheben nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Veröffentlichung. Autoren und andere beteiligte Personen sind keine wissenschaftshistorischen Expert*innen. Zweck der Reihe ist es, die meist unbekannten Chemikerinnen vorzustellen und an die bekanten Chemikerinnen zu erinnern. Leser*innen, die mehr wissen wollen, möchten wir ermutigen, wissenschaftliche Quellen zu den vorgestellten Frauen zu studieren. In einigen Fällen gibt es ausführliche chemiehistorische Arbeiten.

Autoren
Prof. Dr. Eberhard Ehlers
Prof. Dr. Heribert Offermanns 

Redaktionelle Bearbeitung 
Dr. Uta Neubauer

Projektleitung
Dr. Karin J. Schmitz (GDCh-Öffentlichkeitsarbeit)

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Foto: Universitätsarchiv Stuttgart SN89/15DD

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zuletzt geändert am: 21.07.2021 09:59 Uhr von