„Heimat muss nicht da sein, wo man geboren ist“

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt
Wer sich selbst in einem Land und dem eigenen Leben wie in einem Käfig fühlt, sollte ausbrechen, findet die gebürtige Iranerin Elham Barani-Liese. Wie sie das gemacht hat und welche Zwischenstationen es gab.
Elham Barani-Liese ist 39, promovierte theoretische Chemikerin und Geschäftsfrau. Sie lebt seit 2020 in Ettlingen bei Karlsruhe. Hier hat sie im Januar 2023 mit ihrem Ehemann die Firma SmartChance gegründet – diese ist spezialisiert auf Smarthome-Technik mit KI-basierten Services, darunter Sicherheitslösungen für Firmen und Privatpersonen. Eine typische Anwendung: gefährliche Situationen erkennen. Dazu prüft KI, was die Kameras sehen. Stürzt beispielsweise eine pflegebedürftige Person, wird eine Benachrichtigung aufs Smartphone gesendet, oder die KI ruft jemanden an.

Abb.1: Elham Barani-Liese Foto: Eliza Leusmann
Kindheit
Aufgewachsen ist Barani-Liese mit vier Brüdern und zwei Schwestern im Iran; ein Bruder ist vier Jahre jünger als sie, alle anderen Geschwister sind älter. Schon als Achtjährige wusste sie, dass sie Naturwissenschaften studieren möchte. Das hat sie an den Universitäten in Mazandaran und Mashhad getan. Heute nichts Ungewöhnliches, sagt sie: „Vor 50 Jahren war das anders, aber im Moment ist es sehr wichtig und normal für Frauen dort, Bildung zu haben.“ Auch ihre Schwestern haben studiert; eine hat einen Master-Abschluss in persischer Literatur, die andere hat Sportwissenschaften studiert und ist Sportlehrerin. Die Mutter hatte keine Möglichkeit zu studieren, doch bestand immer darauf, dass die Töchter zur Universität gehen – „weil sie erkannt hat, wie wertvoll Bildung ist und wie wichtig es ist, durch das Studium ein aktiver Teil der Gesellschaft zu werden.“
Die meisten Frauen in Iran haben heutzutage mindestens die Schulausbildung bis zum Abitur. Tatsächlich sind im Iran mehr als die Hälfte der Studierenden Frauen; besonders stark vertreten sind sie in Mathematik, Naturwissenschaften und Ingenieurwesen.
Was zudem für Barani-Liese normal ist, in Deutschland aber ungewöhnlich: Im Iran werden Mädchen und Jungen an getrennten Schulen unterrichtet, erst in der Universität treffen sie aufeinander. Barani-Liese kenne viele Familien, in denen es Frauen aus „Angst vor dem Kontakt mit Männern“ nicht erlaubt ist, an die Universität zu gehen.
Die Geschlechtertrennung ist aber nicht auf die (schulische) Bildung begrenzt, sondern betrifft auch die Freizeit, erzählt sie: „Als ich vier Jahre alt war, habe ich angefangen, Karate zu machen. Trainiert hat mich mein Bruder, aber immer zu Hause und immer alleine“ – seine anderen Schützlinge waren Jungs, die er nicht mit Elham gemeinsam unterrichten durfte.
Ihre Begeisterung für Sport hat Barani-Liese sich bis heute bewahrt, es folgten Kampfsport, Schwimmen, Poledance, mit 18 war sie Bogenschießtrainerin. In Deutschland hat sie Skifahren und Tennis gelernt, sie tanzt schon ihr ganzes Leben lang – überwiegend Hip Hop – und wandert gerne. Außerdem liebt sie Brettspiele. Besonders stolz ist sie auf einen lang ersehnten Traum: Sie ist inzwischen zertifizierte Open-Water-Scuba-Taucherin – das wäre ihr als Frau im Iran unmöglich gewesen. In der Stille und Schönheit der Unterwasserwelt empfindet sie „ein ganz neues Gefühl von Freiheit“.
Technische Möglichkeiten
Von ihren Geschwistern ist sie die einzige, die in einem anderen Land lebt und arbeitet. Gereizt haben sie die technischen Möglichkeiten wie „gute Software und Rechencluster“, die es im Iran aufgrund der politischen Sanktionen nicht gibt, die Möglichkeit, auf die neuesten Publikationen zugreifen zu können, die Teamarbeit. „Außerdem ist es schwierig, als Frau im Iran seine Träume zu verfolgen.“
Als sie überlegt hat, wo sie promovieren möchte, war zunächst Japan ihre erste Wahl – doch die große Entfernung zum Iran sprach dagegen. Deshalb entschied sie sich letztlich für Deutschland, und das Karlsruher Institut für Technologie stand wegen der technischen Möglichkeiten auf Platz 1 ihrer Excel-Liste.
Wie bei jedem Menschen, der aus einem anderen Land nach Deutschland kommt und hier studieren oder promovieren möchte, wurden auch Barani-Lieses (Hochschul-)Abschlüsse bewertet – und anerkannt, denn glücklicherweise sind sie den deutschen gleichwertig.
Ein weiterer Grund, der für Deutschland sprach: „Von hier aus ist es einfacher, nach Iran zu fliegen. Und ich wusste, dass ich über das Internet mit meiner Familie in Kontakt bleiben kann.“ Der zweimonatige kriegsbedingte Internet-Blackout Anfang 2025 sei schwer zu ertragen gewesen. Gegenseitig besucht hat sich die Familie bisher nicht.
Neues …
Generell scheut Barani-Liese sich nicht vor Neuem: Deutsch lernt sie erst nach ihrer Doktorarbeit, denn „währenddessen reichte Englisch, und es gab auch keine Zeit dazu“. Und auch dann macht sie keinen Deutschkurs, sondern sucht sich ausschließlich deutschsprachige Freundinnen und Bekannte und erlernt die Sprache allein durch Sprechen. „Ich bin so neugierig auf Deutschland, die deutsche Kultur, das Essen, da musste ich rein – ich hab‘ versucht, mich sehr gut zu integrieren.“ Persisches Essen gibt es inzwischen nur noch alle drei Monate, persische Freundschaften hat sie nicht in Deutschland.
… und Altlasten
Sieben Jahre ihres Lebens verbringt sie mit einem Neffen ihres Vaters - „ein intelligenter Mann, wir waren ungefähr gleich alt“ -- in einer Zwangsehe, bis sie 30 Jahre alt war. Barani-Liese wechselt ins Englische, als sie davon erzählt. Ein Jahr von diesen sieben versucht sie, ihren Cousin zu überzeugen, sich von ihr scheiden zu lassen – denn ohne seine Einwilligung ist das im Iran unmöglich. Als er sich endlich einverstanden erklärt, verlässt sie die Wohnung nur mit einem kleinen Goldschmuck-Set, das ihre Mutter ihr Jahre zuvor geschenkt hatte. Um überhaupt leben zu können, muss sie diesen Schmuck verkaufen.
Barani-Liese verlässt nicht nur die Wohnung, sondern auch das Land. Nicht nur, aber auch weil sie „als geschiedene Frau im Iran geächtet“ ist. Ein Teil ihrer Familie verstößt sie; ihre Mutter, die selbst in einer Zwangsehe lebt, gibt ihr Halt. Um ihren Lebenslauf zu stärken und mehr Publikationen zu haben, um irgendwann in Europa studieren zu können, geht Barani-Liese im Jahr 2016 nach Russland. Dort forscht sie zwei Jahre lang am Institute for Metals Superplasticity Problems in Ufa. Und von dort geht es weiter nach Karlsruhe. Hier trifft sie auf einer Party einer Kommilitonin einen jungen Deutschen – das Kennenlernen endet in einer Ehe. Diesmal eine gewollte.
Zeigen, was möglich ist
Die Iranerin weiß, dass ihr Weg kein gewöhnlicher ist. Auch deshalb hält sie seit 2022 Vorträge in Deutschland sowie online im Iran und gibt Interviews, um Frauen zu überzeugen, ein Mint-Fach zu studieren und berufliche Ziele zu erreichen. „Ich will andere Frauen ermutigen, ihre Träume zu verfolgen und nie aufzugeben.“
Im Jahr 2024 meldet sie sich zum Wettbewerb „Miss Germany“ an. Anders als früher geht es hier seit 2020 nicht mehr nur ums Aussehen, sondern um eine Auszeichnung für „Frauen, die Verantwortung übernehmen“. Bewerben können sich Frauen ab 18 Jahren in den Kategorien Founder, Mover und Leader (Gründerinnen sowie Frauen in traditionellen Männerberufen oder Führungspositionen). Barani-Liese bewirbt sich als Mover; sie kommt in dieser Kategorie auf Platz 15 und insgesamt unter die Top 45 – „für mehr war mein Deutsch zu schlecht, hat man mir gesagt“, sagt sie und lächelt.
Deutsche Staatsbürgerin ist sie noch nicht. Die Unterlagen, die sie im November 2024 eingereicht hat, sind bei der Behörde verloren gegangen; sie hat neue Dokumente bezahlt und geschickt, aber noch nichts gehört. Ihr Aufenthaltstitel gilt noch bis November 2026.
In Karlsruhe geben nicht nur ihr Mann und ihr Freundeskreis ihr Halt, sondern auch ihre Verbündeten im Lions Club. Der Name steht der Homepage zufolge für bürgerschaftliches Engagement, für den Dienst an der Gemeinschaft und Hilfe für Menschen in Not. Barani-Liese wurde eingeladen, Mitglied zu sein; sie ist die einzige Nichtdeutsche im Regionalverein.
Wenn sie den deutschen Pass hat, ist ein weiterer ihrer Träume erfüllt: „Ich bin heute am richtigen Platz.“ Ihr neuer Traum ist, ein Parfum zu entwickeln -- „das muss doch möglich sein als Chemikerin, vielleicht mit KI“, lächelt sie und richtet ihre Kette mit dem Serotonin-Anhänger.
„Elham“ bedeutet auf Deutsch Inspiration. EL





