Weniger Abfall unterm Abzug

Von Wiley-VCH zur VerfĂŒgung gestellt
Lösungsmittel, Einwegkunststoffprodukte, energieintensive GerĂ€te und Datenspeicher â Arbeitsalltag in vielen Laboren. Wie Zertifizierungsprogramme und Nachhaltigkeitsinitiativen helfen, die europĂ€ische Forschung klimafreundlicher zu machen.
Weniger Flugreisen, vegetarische oder vegane ErnĂ€hrung und Second-Hand-KĂ€ufe â immer mehr Menschen achten in Zeiten des Klimawandels auf Nachhaltigkeit in ihrem Alltag. Denn: Schmelzende Gletscher und ExtremwetterphĂ€nomene wie Hitzewellen oder Flutkatastrophen motivieren dazu, einen persönlichen Beitrag zu leisten. Auch in der Forschung rĂŒckt eine ressourcenschonende Arbeitsweise zunehmend in den Fokus. Doch es gibt einen Bereich der Wissenschaft, in dem das auf den ersten Blick schwierig erscheint: im Labor. Der Grund sind nicht nur umweltbelastende Chemikalien.

Abb.1: Ein Kleid aus Plastikpipetten soll auf die Abfallmengen aufmerksam machen, die Labore produzieren. Entworfen hat es die KĂŒnstlerin Saki fĂŒr den Wiener Wissenschaftsball 2025. Forschende verbrauchten die rund 3000 Pipetten in drei Monaten, um mit Meerwasserproben zu arbeiten. Die Pipetten bestehen aus Polyethylen niedriger Dichte (LDPE), das bisher kaum recycelt, sondern meistens verbrannt wird. Foto: Saki the Artist
Abfall und Stromverbrauch
AbzĂŒge, KĂŒhlschrĂ€nke und Co. mit Strom zu versorgen, macht oft mehr als die HĂ€lfte des gesamten Energieverbrauchs einer ganzen Forschungseinrichtung aus.1) Zum Vergleich: Ein TiefkĂŒhlschrank, der auf eine laborĂŒbliche Temperatur von â80 °C gekĂŒhlt wird, braucht im Schnitt pro Jahr genauso viel Energie wie ein ganzes Einfamilienhaus. Zudem hĂ€ufig unterschĂ€tzt: Digitale Datenspeicherung und der Einsatz KĂŒnstlicher Intelligenz treiben den Stromverbrauch im Laboralltag massiv in die Höhe. Genaue Zahlen gibt es dazu derzeit noch nicht â denn in Untersuchungen wird die Energie, die alleine fĂŒr die Datenverarbeitung anfĂ€llt, kaum erfasst. SchĂ€tzungen zufolge verbraucht ein Labor aber zwischen drei- und achtmal so viel Energie wie ein BĂŒrogebĂ€ude.2)
Ein mindestens genauso groĂes Problem wie der Energieverbrauch sind die Abfallmengen. Pro Jahr fĂ€llt im Labor etwa das 13-Fache des PlastikmĂŒlls eines Privathaushalts an. Im Januar 2025 veröffentlichte die Fachzeitschrift Embo Reports erstmals einen Bericht zur genauen Zusammensetzung dieses Plastikabfalls: Demnach machen Produkte aus Polystyrol (PS) und Polypropylen (PP) â etwa Pipettenspitzen, Zentrifugenröhrchen oder MikroreaktionsgefĂ€Ăe â fast drei Viertel des PlastikmĂŒlls im Labor aus. Weniger ins Gewicht fallen hingegen Nitrilhandschuhe oder Plastikverpackungen mit zehn beziehungsweise neun Prozent.3) Eine französische Studie aus dem Jahr 2024 zeigt zudem: Besonders LösungsmittelabfĂ€lle, etwa Diethylether, Aceton oder Toluol, tragen zu Treibhausgasemissionen bei.4) Ist das Labor also ein hoffnungsloser Fall? Nein â denn es gibt immer mehr BemĂŒhungen fĂŒr mehr Nachhaltigkeit im Labor.

Abb.2: Einwegplastik aus dem Labor, gesammelt von Teilnehmenden des Workshops The sustainable lab of the future: rethinking single-use plastics der Nachhaltigkeitsinitiative Green Labs Austria, des Unternehmens Merck und der UniversitÀt Wien. Anhand des Abfalls zeigte sich: Die gÀngigsten Kunststoffarten im Labor sind Polypropylen, Polystyrol, Polyethylen und Polyethylenterephthalat. Foto aus Lit. 3)
Abendmode aus PlastikmĂŒll
Seit 2022 existiert das Sustainable European Laboratories Network (SELs), das sich fĂŒr nachhaltige Forschung in Europa einsetzt und bewertet, wie nachhaltig LaborgerĂ€te sind â etwa anhand des Wasser- und Energieverbrauchs, Alters, der Effizienzklasse, Auslastung und Wartung. Das University College London hat zudem das Nachhaltigkeitsprogramm Laboratory Efficiency Assessment Framework (Leaf) gestartet, das die Nachhaltigkeit von Laboren mit Bronze, Silber oder Gold zertifiziert. Zu den Kriterien gehören: Energie- und Wasserverbrauch, Abfallmenge und Anteil gefĂ€hrlicher AbfĂ€lle, Recycling- und Wiederverwendungsquote sowie Schulung. In den USA gibt es die My-Green-Lab-Initiative, die Labore zertifiziert, wenn sie strenge ökologische Standards erfĂŒllen. Ăhnliche Ambitionen hat Green Labs Austria. Philipp Weber, Sustainability Officer bei der European Molecular Biology Organization (Embo), hat den Verein gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen wĂ€hrend des ersten Corona-Lockdowns gegrĂŒndet: âIch war damals Doktorand an der Uni Wien, wegen der KontaktbeschrĂ€nkung durften wir nicht im Labor arbeiten. Also haben wir versucht, die Zeit sinnvoll zu nutzen, und uns mit Nachhaltigkeit beschĂ€ftigt.â
So begann die Arbeitsgruppe, Infoveranstaltungen zu organisieren und Projekte zu initiieren, die die Abfallmengen und den Bedarf an nachhaltigen Lösungen im Labor sichtbar machten: Die Gruppe sammelte beispielsweise ĂŒber mehrere Tage LabormĂŒll (Fotos links) und entwarf zusammen mit der Molekularbiologin und KĂŒnstlerin Saki ein Ballkleid aus Plastikhandschuhen (Foto rechts), das beim Wiener Ball der Wissenschaften prĂ€sentiert wurde. Benutzte Handschuhe eignen sich nicht zum Recycling, obwohl viele fĂŒr ungiftige Zwecke verwendet werden, etwa um Wasser abzumessen oder die TĂŒr eines Reinraums zu öffnen. In nur zwei Wochen sammelte die Gruppe um Weber rund 800 unkontaminierte Handschuhe â die HĂ€lfte davon steckt in dem Abendkleid.

Abb.3: Mitglieder der Nachhaltigkeitsinitiative Green Labs Austria sortieren LabormĂŒll: Was lĂ€sst sich recyceln, was nicht, was ist potenziell kontaminiert und muss autoklaviert werden? Foto: Philipp Weber

Abb.4: Saki the Artist in einem Abendkleid aus Plastikhandschuhen, das den Bedarf an nachhaltigen Lösungen im Labor zeigen soll. Eine Gruppe Forschender der Nachhaltigkeitsinitiative Green Labs Austria hat es zusammen mit der KĂŒnstlerin Saki entworfen. Foto: JĂŒrgen Hofmann
Bei all diesen Aktionen stehen fĂŒr Weber drei LösungsansĂ€tze im Vordergrund: ressourcenschonendere GerĂ€te anschaffen, nachhaltigere Materialien verwenden und Recycling vorantreiben. Green Labs Austria hat etwa open-access-verfĂŒgbare Anleitungen erstellt, wie sich Laborplastik recyceln lĂ€sst, und passende Sticker, die helfen, den Abfall zu trennen.5)
AufklÀrung hilft
Waren anfangs nur eine Handvoll Labore beteiligt, zĂ€hlt der Verein heute bereits 60 Mitglieder. âEin einzelnes Labor kann derzeit nicht nachhaltig sein, aber es kann seinen FuĂabdruck reduzieren und systemische Herausforderungen aufzeigen.â Deshalb brauche es vor allem den Austausch untereinander, sagt Weber. âUnser Verein soll eine Plattform bilden und vernetzen â und das unabhĂ€ngig vom institutionellen Hintergrund â, denn am Ende mĂŒssen sowieso alle on board.â FĂŒr Weber steht fest, dass die Wissenschaft eine Vorreiterrolle in puncto Klimaschutz und Umweltbewusstsein einnehmen muss: âWir haben die Möglichkeit, ein Vorbild zu sein oder einfach abzuwarten, wĂ€hrend die Ressourcen knapp werden.â
Dieser Wunsch nach VerĂ€nderung ist auch auĂerhalb der universitĂ€ren Forschung zu spĂŒren. Hollyn Hartlep ist Koordinatorin fĂŒr Nachhaltigkeit am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. FĂŒr sie zĂ€hlt jeder Schritt, der hilft, Treibhausgasemissionen zu reduzieren. âEs bricht mir das Herz zu sehen, dass gerade die jungen Menschen, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, am stĂ€rksten unter seinen Folgen leidenâ, sagt sie. Als Forschungszentrum mĂŒsse das DKFZ daher mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, wie nachhaltige Forschung sich am besten umsetzen lĂ€sst.
Durch Hartleps Engagement hat das DKFZ vor allem bei der Abfallreduktion bereits einiges erreicht: Zytostatika-AbfĂ€lle wie Cyclophosphamid oder Cisplatin mĂŒssen bei Temperaturen von ĂŒber 1000 °C verbrannt werden, um sie unwirksam und unschĂ€dlich zu machen. Denn Zytostatika sind Medikamente, die das Wachstum und die Teilung von Zellen hemmen oder stoppen. Sie werden vor allem eingesetzt, um Tumorzellen zu zerstören. Das Verbrennen ist ökologisch und ökonomisch belastend. In der Vergangenheit seien aus Unwissenheit hĂ€ufig AbfĂ€lle in die entsprechenden Tonnen gelangt, die dort gar nicht hingehörten. âInzwischen haben wir einen eigenen Waste Officer, der den Mitarbeitenden erklĂ€rt, was in den SondermĂŒll muss und was nicht.â Dadurch hat das DKFZ seit 2022 fast 45 Prozent des Abfalls eingespart.
Zudem setzt sich Hartlep fĂŒr Recycling ein: âVerbrauchsmaterial zu reduzieren oder wiederzuverwenden ist in manchen FĂ€llen möglich, in vielen jedoch nicht. Deshalb ist Recycling hier der wirksamste Ansatz.â Das DKFZ trennt und reinigt etwa Polypropylen- und Polystyrol-VerbrauchsmaterialabfĂ€lle und gibt diese an Recyclingunternehmen weiter, die den Abfall stofflich wiederverwerten. In Zukunft sei es wichtig, die Zusammenarbeit mit Lieferanten weiter zu intensivieren, damit mehr nachhaltige Produkte entwickelt und angeboten werden.
Auch Unternehmen setzen zunehmend auf umweltschonende Praktiken. Der Agrarchemie- und Pharmakonzern Bayer will vor allem Synthesen durch KĂŒnstliche Intelligenz optimieren. Das könnte ArbeitsablĂ€ufe ressourcensparender gestalten. Das Unternehmen Wacker Chemie plant, bis 2030 seine Emissionen um 50 Prozent zu senken, vor allem indem es Lösemittel wiederaufbereitet und WĂ€rmetauscher in LĂŒftungssystemen einsetzt. Der österreichische Kunststoffhersteller Borealis will vermeiden, Kunststoff in die Umwelt auszutragen. Kunststoffpellets aus der Vorproduktion verschmutzen bei unsachgemĂ€Ăer Handhabung GewĂ€sser. Borealis verfeinert seine Prozesse, um das zu vermeiden, und installiert etwa RĂŒckhaltesysteme wie Siebe oder Pelletabscheider.
Forschung neu denken
So vielfĂ€ltig wie die Nachhaltigkeitsziele der Firmen sind auch die Herausforderungen beim Umsetzen â etwa Regulatorik oder Investitionskosten. Gesetzliche Rahmenbedingungen setzen zwar wichtige Impulse, können aber gleichzeitig auch HĂŒrden darstellen. Die EU-Taxonomie legt beispielsweise fest, welche wirtschaftlichen AktivitĂ€ten als ökologisch nachhaltig gelten. Taxonomiekonform sind TĂ€tigkeiten, die zu mindestens einem Umweltziel wie dem Klimaschutz beitragen, keinem anderen Umweltziel schaden und Mindeststandards zu Arbeits- und Menschenrechten einhalten. Unternehmen mĂŒssen kĂŒnftig berichten, in welchem Umfang ihre UmsĂ€tze, Investitionen und Ausgaben taxonomiekonform sind. Die Verordnung dient dazu, Investitionen in nachhaltige AktivitĂ€ten zu lenken und Greenwashing zu vermeiden.
Chemiekonzerne recyceln in der Regel nicht selbst, sondern arbeiten mit Recyclingfirmen zusammen. HĂ€ufig scheitern Nachhaltigkeitsbestrebungen allerdings an fehlenden Partnerfirmen oder klaren Vorgaben fĂŒr Lieferanten. Hier wird in Zukunft die Politik gefragt sein, entsprechende Richtlinien zu ergĂ€nzen â da sind sich Hochschulen, Forschungszentren und Industrie einig.
Letztlich bedarf es eines generellen Umdenkens hin zu einer von Nachhaltigkeit geleiteten Forschungskultur. Solange es nur darum geht, möglichst schnell möglichst viele Veröffentlichungen zu produzieren, kann Nachhaltigkeit kaum eine wichtige Rolle spielen.
Auf den Punkt
Labore produzieren das 13-Fache an PlastikmĂŒll eines Privathaushalts und verbrauchen bis zu achtmal mehr Energie als BĂŒrogebĂ€ude.
Mit Kleidern aus LabormĂŒll wie unkontaminierten Plastikpipetten und Nitrilhandschuhen macht die Initiative Green Labs Austria auf diese Probleme aufmerksam.
Mehr Nachhaltigkeit im Labor fördern Zertifizierungsprogramme, Netzwerke und Unternehmen, etwa durch Workshops, Anleitungen und Best-Practice-Beispiele.
Sie möchten Ihr Labor nachhaltiger machen? Ideen, wie Sie Material sparen und Abfall vermeiden können, finden Sie im Beitrag âWo sich Einwegplastik vermeiden lĂ€sstâ von Juliane Simmchen aus dem November 2023 [Nachr. Chem. 2023, 71(11), 44].
Die Autorin
Dieser Beitrag von Anna Tratter wurde gefördert im Rahmen des Stipendiums Forschung & Journalismus der Ăsterreichischen Akademie der Wissenschaften.
Tratter hat ihre Kindheit in den Tiroler Bergen verbracht. Dort hat sie die Auswirkungen des Klimawandels auf Gletscher und Co. hautnah erlebt. Nach ihrem Chemiestudium hat sie an der Deutschen Journalistenschule in MĂŒnchen gelernt, wie man beim Thema Nachhaltigkeit Umdenken vorantreibt â auch in der Wissenschaft.
- 1 M. Hafer, Energy Efficiency 2017, 10, 1013â1039, doi: 10.1007/s12053-016-9503-2
- 2 P. Mathew, An Estimate of Energy Use in Laboratories, Cleanrooms, and Data Centers in New York, 2008, doi: 10.2172/966124
- 3 P. M. Weber, C. Michelsen, M. Kerou, EMBO Rep. 2025, 26, 297â302, doi: 10.1038/s44319â024â00360-x
- 4 A. Estevez-Torres, F. Gauffre, G. Gouget et al., Green Chem. 2024, 26, 2613â2622, doi: 10.1039/D3GC03668E
- 5 Zu Green Labs Austria: greenlabsaustria.at/recycling-lab-plastic/





