Günther Jung (1937 – 2026)

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Günther Jung forschte zwischen Chemie, Biologie und Medizin. Mit seiner schwäbischen Heimat war er tief verbunden, und ihn inspirierte die französische Lebensart.
Günter Jung wurde im Jahr 1937 in Tübingen geboren und promovierte 1967 bei Ernst Bayer, einem Schüler des Nobelpreisträgers Richard Kuhn. Nach einem längeren Aufenthalt in Houston, Texas, kehrte Jung in seine Heimatstadt Tübingen zurück. Dort wurde er 1978 zum Universitätsprofessor und 1997 zum Ordinarius ernannt.
Seine wissenschaftlichen Arbeiten waren thematisch breit und außergewöhnlich innovativ. Mit seiner Gruppe entdeckte er die ribosomale Biosynthese des Lantibiotikums Epidermin, was in einer Publikation mündete, die das Forschungsfeld bakterieller Peptidantibiotika bis heute prägt. In der molekularen Immunologie beschrieb Jung erstmals Synthesen für Liganden von Toll-like-Rezeptoren. Seine Forschung machte die zelluläre Präsentation kurzer Peptide und deren Erkennung durch T-Zell-Rezeptoren transparenter und trug dazu bei, dass Forschende heute besser verstehen, wie das Immunsystem Antigene erkennt.
Nicht zuletzt war Jung ein Pionier der multiplen Peptidsynthese und, darauf aufbauend, der kombinatorischen Synthese. Seine Methoden zur parallelen organischen Chemie, mit der sich große Substanzbibliotheken herstellen lassen, sind weltweit verbreitet. Um diese Methoden zu erlernen, pilgerten in den 90er Jahren Medizinalchemiker aus ganz Europa nach Tübingen.
Durch seinen Weitblick kam das erste ESI-Massenspektrometer in Westeuropa nach Tübingen – ein Meilenstein, der den Standort nachhaltig stärkte. Jung organisierte ein interdisziplinäres europäisches Peptidsymposium in Tübingen, das die Europäische Peptidgesellschaft prägte. Außerdem schuf er am Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Institut (NMI) in Reutlingen zusätzliche Forschungsmöglichkeiten.
Seine mehr als 700 experimentellen Originalpublikationen wurden über 60 000-mal zitiert; mit Eberhard Breitmaier verfasste er ein Standardlehrbuch der organischen Chemie. Er hatte mehr als 120 akademische Schülerinnen und Schüler, darunter auch die Autoren dieses Beitrags, die selbst Professuren innehaben. Mit Jungs Unterstützung entstanden außerdem die EMC Microcollections GmbH und später die Curevac AG. Gemeinsam mit seinem Doktoranden Ingmar Hörr erkannte und belegte er früh das therapeutische Potenzial von RNA.
Wichtige Auszeichnungen Jungs waren die Max-Bergmann-Medaille, der Leonidas Zervas Award der European Peptide Society, der Akabori Memorial Award der Japanese Peptide Society und der Award der European Society of Combinatorial Sciences.
Bei aller Anerkennung blieb Jung persönlich bescheiden – ganz im Sinne schwäbischer Zurückhaltung. Äußeren Ehrungen maß er weit weniger Bedeutung bei als wissenschaftlicher Qualität und kollegialem Miteinander.
Mindestens so prägend wie seine wissenschaftlichen Leistungen war seine Persönlichkeit. Jung begegnete allen Kolleginnen und Kollegen sowie Mitarbeitenden stets mit Vertrauen, Wertschätzung und großer Menschlichkeit. In seiner Arbeitsgruppe schuf er ein Arbeitsklima der Offenheit, Toleranz und des Optimismus.
Besonders wichtig war Günther Jung, alle Doktoranden, für die er die Verantwortung trug, erfolgreich zur Promotion zu führen; spannende Themen und seine Gabe zur Motivation half ihnen, persönliche Grenzen zu überwinden.
Wer ihn außerhalb des Labors erleben durfte, erinnert sich an anregende und humorvolle Gespräche, hin und wieder auch bei einem Glas guten, kräftigen französischen Rotweins, den er ebenso zu schätzen wusste wie die Gemeinschaft mit Mitarbeitern und Freunden. Die zwanglosen, lebhaften und produktiven Winterseminare im Berghaus Iseler in Oberjoch haben alle in guter Erinnerung. Günther Jung fühlte sich mit seiner schwäbischen Heimat und Sprache eng verbunden und pflegte eine Affinität zur französischen Lebensart, die nicht zuletzt auf seine Schulzeit zurückging. Seine Hobbys der letzten Jahre waren ausgedehnte Reisen mit seiner Frau und die Arbeit in seinem geliebten Garten in bester Lage mit Blick auf das Schloss Hohentübingen.
Annette Beck-Sickinger, Leipzig Roderich Süssmuth, Berlin, Karl-Heinz Wiesmüller, Tübingen




