Tour 3: ESOC

Satellitensteuerung und Jugendstil

Vor dem Hochzeitsturm in Darmstadt

3. Technology Tour der Seniorexperten Chemie nach Darmstadt

Mittlerweile schon ein bewährtes Konzept: Senior Expert Chemists (SEC) der GDCh sind gemeinsam mit VAA-Pensionären des Industrieparks Wolfgang bei Hanau auf Exkursion, am 30 August 2010 nach Darmstadt. Auf dem Programm standen die Besichtigung der ESOC (European Space Operations Centre) und der Jugendstil-Villen auf der Mathildenhöhe. Offenbar ein attraktives Angebot, waren doch nicht weniger als 40 Personen angemeldet!

ESOC

Die ESOC ist das Kontrollzentrum der ESA (European Space Agency). Sie ist für den Betrieb sämtlicher ESA-Satelliten und für das dazu notwendige weltweite Netz der Bodenstationen verantwortlich. Darmstädter sprechen gern von "Hessens Tor zum All." ESOC-Teams haben bislang über 60 Satelliten der ESA betreut, z.B. Huygens, Mars Express, Rosetta, Envisat, GOCE, Herschel und Planck.

Ariane 2 (ein Modell)

Das Zentrum hat mit Erfolg schwierigste Satelliten-Rettungsaktionen durchgeführt und ist darüber hinaus ein Spezialist für Weltraumschrott.

Bei der Besichtigung der ESOC braucht man ein wenig Phantasie. Wenn nicht gerade ein Satellit in den Weltraum befördert wird - die ESOC übernimmt die Kontrolle, sobald sich der Satellit von der Trägerrakete löst - ist der dafür vorgesehene Kontrollraum gähnend leer. Man muss sich den Flugdirektor, umgeben von zahlreichen Spezialisten, alle an riesigen Bildschirmen, vorstellen. Jeder hat eine spezielle Aufgabe an einem Teil des Satelliten, jeder muss sehr schnell auf unvorhergesehene Situationen reagieren. Ein Beispiel: wenn sich die Antenne mit den Solarzellen nicht schnell genug entfaltet, sind die Batterien leer, bevor der Satellit mit der Arbeit beginnen kann.

Was hat besonders beeindruckt? Ich greife zwei Missionen heraus. Zuerst die Zwillings-Satelliten Herschel und Planck, die bei einer Detektor-Temperatur von 0,3 K (bei Planck sogar nur 0,1 K !), die schwächsten Signale im fernen Infrarot vom Rand des Universums empfangen können. Forscher wollen so der Entstehung des Weltalls näher kommen (Big Bang-Theorie) . Als zweites die Landung von Rosetta auf einem Kometen. Kometen sind besonders wertvoll zur Erforschung der Entstehung des Sonnensystems, weil sich ihre Materie so gut wie nicht verändert hat. Rosetta ist seit März 2004 unterwegs und soll im November 2014 auf seinem Zielkometen landen. Um Treibstoff zu sparen, wurde Rosetta durch mehrere Vorbeiflüge (Swing-By) an der Erde stark beschleunigt, ähnlich wie ein Hammerwerfer seinem Gerät Schwung verleiht. Satelliten-Missionen dauern oft Jahrzehnte. Der Telekommunikationssatellit Marecs-B2 zum Beispiel wurde 1984 gestartet und wird heute noch gesteuert - mit der Computertechnik von 1984!

Türklinke an der Olbrich-Villa

Jugendstil

Dass Darmstadt ein weltweit bedeutendes Zentrum des Jugendstils wurde, verdankt es dem letzten Großherzog Ernst-Ludwig von Hessen und bei Rhein. Der gründete 1899 auf der Mathildenhöhe in Darmstadt die Künstlerkolonie, indem er zunächst Joseph Maria Olbrich nach Darmstadt einlud. Nach Olbrich kamen andere bedeutende Künstler wie Peter Behrens, Hans Christiansen, Ludwig Habich, Bernhard Hoetger und Albin Müller, die dank der finanziellen Unterstützung durch Ernst-Ludwig den Jugendstil weiterentwickeln und vor allem in Form von Wohnhäusern umsetzen konnten.

Jugendstil ist eine Auflehnung gegen den überladenen Historismus der "Belle Epoque" (oder der Kaiser-Zeit) und gegen die industrielle Massenproduktion vor allem im viktorianischen England. In den Künstlerhäusern dominieren Unsymmetrie, florale Elemente, runde Formen und vor allem Leichtigkeit.

Leider wurden die Jugendstil-Villen auf der Mathildenhöhe im zweiten Weltkrieg sehr zerstört. Die Pensionäre konnten zwei der Künstlerhäuser besichtigen und dort einen Eindruck gewinnen - wiederum mit einiger Phantasie - wie die Philosophie des Jugendstils, die Einheit von Künstler und Handwerker, den Bereich des täglichen Lebens geformt hat. Gerade diese Einheit hat ja dann wenig später das Bauhaus in Weimar geprägt.

Ein Faktor der Exkursion konnte trotz sorgfältiger Planung nicht organisiert werden, nämlich das Wetter. Die Vision war ein heißer, trockener Hochsommertag, die Realität kalt und nass! Passend zur Vision schloss ein besonderer Leckerbissen die Führung ab. Als höchster Punkt von Darmstadt war die Mathildenhöhe prädestiniert für ein großes Wasserreservoir. Das wurde 1880 gebaut und fasste fast 5000 m3. Heute bildet die denkmalgeschützte Anlage das Fundament des großen Ausstellungsgebäudes. Das Wasser steht in den Katakomben nur noch 30 cm hoch. Welch ein Labsal nach einem heißen Besichtigungstag! Der Enthusiasmus der Pensionäre für die Erfrischung hielt sich an diesem kühlen, regnerischen Tag doch sehr in Grenzen!

Jugendstil und ESOC, für Darmstadt die Folge von glücklichen Umständen und ein wenig Zufall. Der Gegenwart der damaligen "Technischen Hochschule" und eines Großrechners ist 1967 die Entscheidung der ESA für Darmstadt zu verdanken. Der Großherzog Ernst-Ludwig war einer der vielen Enkel von Königin Victoria von England. Er kam dort in den Genuss einer ordentlichen englischen Erziehung und lernte dabei die Arts and Crafts Bewegung kennen - sie gilt zu Recht als einer der Wegbereiter des Jugendstils.

Text und Fotos: Wolfgang Gerhartz

Fotogalerie

zuletzt geändert am: 18.08.2015 - 13:40 Uhr von W.Gerhartz