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Tagung 2009 |
Geschichte der Materiaforschung
Vortragstagung 24.-27. März 2009, Göttingen
Die Tagungen der Fachgruppe Geschichte der Chemie haben naturgemäß alle Aspekte dieses Faches in seiner inhaltlichen Breite und zeitlichen Tiefe zum Gegenstand; sie finden traditionsgemäß im Frühjahr aller ungeraden Jahre statt, die letzte vom 24. bis 27. März 2009 in Göttingen.
Bei ihr wurde – erst- und einmalig – Neuland beschritten, denn sie stand unter einem Oberthema Geschichte der Materialforschung und wurde gemeinsam vom Fachverband Geschichte der Physik in der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und unserer Fachgruppe Geschichte der Chemie durchgeführt. Die Vorträge selbst wurden dabei unter gewissen Schwerpunktthemen zusammengefaßt, so daß sich streckenweise sehr gute Vergleichsmöglichkeiten und Querverbindungen ergaben. Als Schwerpunktthemen wurden die Aspekte Konzepte - Neue Materialien - Institutioneller Rahmen / Regionen – Metallforschung – Akteure - Methoden und Instrumente – Nanotechnologie - Werkstoffe und ihre Formen - Rohstoffe, Materialschutz und Innovation gewählt. Lediglich am 27.03.2009 tagte dann die Fachgruppe wieder für sich, und zwar unter den Themen Biographisches – Institutionen und Strategien. Des weiteren standen ein Öffentlicher Abendvortrag von Lothar Dunsch, Farbiger Kohlenstoff – Zur Geschichte der Fullerenforschung, und die Verleihung des Paul-Bunge-Preises an Jutta Schickore mit ihrem Vortrag über Vertrackte Probeobjekte: Mikroskop-Prüfung im neunzehnten Jahrhundert und ihre Grenzen auf dem Programm.

Die Organisation der Tagung oblag beiden Vorsitzenden, Klaus Hentschel (re)(Physik) und Carsten Reinhardt (li) (Chemie). Sie begrüßten zunächst die ca. 90 Teilnehmer, von denen der überwiegende Teil dem Referenten bekannt vorkam, also zu unserer Fachgruppe gehörte.
Im ersten Vortrag der Tagung, Von der Materialforschung zu materials science, zeigte Klaus Hentschel, ein welch langer Weg es war, von der Fülle praktisch beherrschter Verfahren der Materialherstellung und –verarbeitung sowie der Erforschung ihrer Eigenschaften zu getrennten Wissenschaften zu kommen, und erläuterte, ob und inwiefern es sinnvoll sein könnte, diese Wissenschaften wieder zu einer, nämlich der Materialwissenschaft (singular, engl. materials science) zusammenzufassen. Carsten Reinhardt wies in seinem Vortrag, Methoden der Physik und Chemie, überzeugend nach, daß und wie sich durch den Einsatz physikalischer Geräte und Apparaturen insbesondere zur Analytik die Denk- und Arbeitsweisen der Chemiker grundlegend geändert haben. Das läßt sich besonders gut am Beispiel der MNR-Spektroskopie belegen. Über Elektronenmikroskopische Verfahren in der Festkörperforschung trug Falk Müller vor; interessant war in diesem Zusammenhang die Feststellung, daß die vom unten erwähnten Stranski theoretisch vorausgesagten Vorgänge beim Kristallwachstum viel später durch dieses Untersuchungsverfahren bestätigt wurden. Wie mühselig es dagegen war und welch eines chemischen Scharfsinns es bedurfte, vor der Einführung dieser physikalischen Verfahren Strukturen aufzuklären, zeigte Elena Roussanova eindrucksvoll in ihrem interessanten Vortrag Der arme Kerl in der hexagonalen Zwangsjacke – Zur Geschichte der Chemie substituierter Benzole um 1865 – 1875.
Insgesamt wurden auf der Tagung 47 Vorträge gehalten, teilweise in Parallelsitzungen. Sie können hier nicht alle referiert werden, vielmehr sollen einige Schlaglichter geworfen werden auf besonders markante Vorträge und /oder Themen. Einer der Höhepunkte der Tagung war mit Sicherheit der oben erwähnte Vortrag über die Fullerene. Lothar Dunsch machte den Zuhörern die erstaunliche Fülle von Verbindungen dieser Stoffgruppe und deren faszinierende Eigenschaften und Strukturen einprägsam und überzeugend klar. Im Chemiestudium der meisten Zuhörer trat der Begriff Fullerene mit Sicherheit nicht auf, und das Eindringen in diese Stoffgruppe wurde dadurch sehr erleichtert, daß der Referent den historischen Weg wählte. Die Chemie des Kohlenstoffs wurde dann von Gerd Collin durch seinen sehr interessanten Vortrag Zur Geschichte der Kohlenstoff-Werkstoffe bis in die Vorzeit (ca. 30.000 – 40.000 v. Chr.) verlängert. Damit wurde am Beispiel dieses Elements ein Bogen geschlagen von grauer Vorzeit bis heute.
Weitere Werkstoffe wie Porzellan (Günter Dörfel), Bakelit (Dietrich Braun) und die Silicone ( Johann Weis) standen im Mittelpunkt anderer Vorträge, und Von den „überflüssigen“ Kristallen zum überraschenden wirtschaftlichen Erfolg - Die Geschichte der Flüssigkristalle bei Merck (Werner Becker, Sabine Bernscheider-Reif) zeigte in besonders eindrucksvoller Weise, wie gut Firmen beraten sind, die nicht auf den Tageserfolg spekulieren, sondern langfristig denken und auch scheinbar „Überflüssiges“ bearbeiten. Über Duraluminium (Klaus Urban), Halbleiter (Ernst Sondheimer) wurde ebenso berichtet wie über Portlandzement (Georg Schwedt) und Glas (Hartmut Herbst). Die in Deutschland forcierte Forschung nach und die Beschäftigung mit „Ersatzstoffen“ im Ersten und Zweiten Weltkrieg untersuchte Günther Luxbacher.
Über Forscher wurde im Rahmen der Themen Akteure und Biographisches berichtet, so z. B. in den sehr spannenden, viele Verknüpfungen aufweisenden Vorträgen über den oben erwähnten Ivan N. Stranski (Dietmar Linke) und über R. Boyle und G. W. Leibniz und deren Beziehungen zueinander (Johannes Büttner). Über E. Rutherford – von seinen Freunden wegen seines Aussehens Walroß genannt oder auch Krokodil, weil er nichts, was er anfaßte, losließ – und seine Arbeiten wußte Wolfgang Dedek Interessantes zu berichten.

Am 26. März 2009 wurde der Paul-Bunge-Preis an Jutta Schickore, Indiana University, Bloomington/USA, durch Christoph Meinel überreicht. Die Preisträgerin revanchierte sich mit einem Vortrag über ein fürwahr vertracktes Thema: Wie läßt sich die Güte eines Mikroskops bestimmen, wenn zur Prüfung nur dasjenige Bild eines Probeobjektes herangezogen werden kann, das man mit einem anderen (besseren, schlechteren?) Mikroskop erhält?
Natürlich gab es auch ein Rahmenprogramm, und die Teilnehmer konnten Einblicke nehmen in die Überfülle dessen, was Göttingen an Chemie- und Physik-Geschichte anzubieten hat:
Am Abend des 25. März 2009 trafen sie sich in festlicher Runde im Göttinger Ratskeller und nahmen so die Gelegenheit wahr, alte Bekanntschaften aufzufrischen und neue zu schließen, und in der Mittagspause bestand die Gelegenheit, das Göttinger Museum der Chemie und die Historische Sammlung des I. Physikalischen Instituts der Universität Göttingen zu besuchen. Die überaus fachkundigen und informativen Führungen übernahmen unser Fachgruppen-Mitglied Günter Beer, der spiritus rector des Chemie-Museums, und der Physiker Gustav Beuermann. Leider war die Zeit viel zu kurz, um all die interessanten Gegenstände mit der gebotenen Muße und Konzentration in Augenschein zu nehmen – ein Gerät allerdings erregte, genau erklärt von Gustav Beuermann, die Aufmerksamkeit aller: der Vize-Heliotrop von Gauß, mit dem er seine geodätischen Messungen durchgeführt hat und der – zusammen mit den Meßpunkten und –strecken – auf dem 10 DM-Schein der letzten Serie abgebildet ist.

Prof. Beuermann erläutert das Vize-Heliotrop
Heinrich Schönemann
HeinrichSchoenemann@web.de
Hier finden Sie das Vortragsprogramm als pdf.






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